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Den Kinderwunsch aufs Eis legen? Alles über Social Freezing

Für ihren Kinderwunsch hat keine Frau ewig Zeit: Die Chance, auf natürliche Weise schwanger zu werden, wird mit zunehmendem Alter immer geringer. Durch „Social Freezing“ lässt sich das Ticken der biologischen Uhr einige Jahre lang aufhalten.

In diesem Artikel:

Immer mehr Frauen sorgen deshalb vor und entscheiden sich, ihre Eizellen einfrieren zu lassen. Aber wie funktioniert Social Freezing überhaupt, was sind die Chancen und Risiken und mit welchen Kosten müssen Sie rechnen?

Eizellen einfrieren

Eizellen können heute durch Einfrieren (Kryokonservierung) sicher konserviert und nahezu unbegrenzt aufgehoben werden. Das Verfahren wird schon lange genutzt, um bei einer künstlichen Befruchtung überzählige Eizellen oder Embryonen für den nächsten Zyklus aufzubewahren. Krebspatientinnen wird die Kryokonservierung empfohlen, um ihre Fruchtbarkeit trotz einer Operation oder Chemotherapie zu erhalten. Immer mehr Frauen entscheiden sich aber auch ohne medizinische Gründe zu dem Schritt: Weil sie sich die Möglichkeit offenhalten wollen, zu einem späteren Zeitpunkt im Leben noch Mutter zu werden. In diesem Fall spricht man auch vom Social Freezing.

Social Freezing nimmt deutlich zu

“Social Freezing hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen”, bestätigt Wolfgang Würfel, der Gynäkologe ist am Kinderwunsch Centrum München tätig, einer Tagesklinik mit Schwerpunkt Fortpflanzungsmedizin. Social Freezing hat nicht unbedingt ein gutes Image: Schon der Begriff legt nahe, das es sich um eine Art Lifestyle-Entscheidung gegen die natürliche Familienplanung handelt. Es gilt als Hilfsmittel für Frauen, die den Kinderwunsch zugunsten ihrer Karriere im wahrsten Sinne des Wortes „aufs Eis legen“. Das liegt wohl auch daran, dass große Unternehmen wie Facebook und Google ihren Mitarbeiterinnen seit einiger Zeit bewusst Social Freezing anbieten, um sie länger im Beruf zu halten.

Unser Experte

Professor Dr. Wolfgang Würfel ist Experte für Kinderwunschmedizin

Der Gynäkologe Prof. Dr. Wolfgang Würfel ist am Kinderwunsch Centrum München tätig, einer Tagesklinik mit Schwerpunkt Fortpflanzungsmedizin.

In der Realität scheinen Karrierepläne aber nicht der Hauptgrund zu sein, aus dem Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen. “Dass es an rein beruflichen Gründen liegt, ist die absolute Ausnahme. Das gilt zumindest für die Frauen, die hier zu uns ins Centrum kommen”, sagt Würfel vom Kinderwunsch Centrum München. Vielmehr entschieden sich solche Frauen für ein Social Freezing, die auf jeden Fall Kinder wollen, aber noch nicht den richtigen Partner dafür gefunden haben. Und die sich bewusst sind, dass es für eine natürliche Schwangerschaft in einigen Jahren zu spät sein könnte.

Die Kosten von Social Freezing

Social Freezing ist nicht billig: Die Kosten für die Entnahme und das Einlagern der Eizellen liegen bei um die 3000 bis 4000 Euro, dazu kommen 250 bis 300 Euro jährlich für die Aufbewahrung. Später kommen noch einmal mindestens um die 1000 Euro für das Auftauen, die künstliche Befruchtung im Labor und das Einsetzen der Eizellen hinzu. Die Kosten sind keine Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen und müssen selbst getragen werden.

So funktioniert Social Freezing

Die Eizellentnahme für das Social Freezing funktioniert ähnlich wie die Entnahme bei einer klassischen künstlichen Befruchtung. So reift normalerweise pro Zyklus nur ein Follikel voll aus. Um vor der Entnahme die Reifung mehrerer Eizellen gleichzeitig anzuregen, müssen die Eierstöcke ab dem zweiten bis dritten Zyklustag hormonell stimuliert werden. Frauen können sich dazu selbst zu Hause täglich das Hormon FSH (Follikelstimulierende Hormon) injizieren. Es kommen aber auch Depotpräparate zum Einsatz, die nur einmalig gespritzt werden müssen.

Um die letzten Reifungsschritte auszulösen, wird Frauen dann entweder einmalig ein sogenannter GnRH-Agonist gespritzt, der eine Freisetzung des körpereigenen, luteinisierenden Hormons (LH) bewirkt, oder das „Schwangerschaftshormon“ hCG. So werden die natürlichen Prozesse unmittelbar vor dem Eisprung nachgeahmt. Bei einer Hormonbehandlung sind auch Nebenwirkungen möglich: In einigen Fällen könne es für ein oder zwei Tage zu Symptomen einer Überstimulation der Ovarien kommen, wie Übelkeit und Wassereinlagerungen im Bauch, sagt Würfel.

Im Kinderwunschzentrum werden dann unter Ultraschallkontrolle die Eizellen mit einer dünnen Nadel abgesaugt. Dazu ist eine kurze Vollnarkose erforderlich, weil die Vaginalwand und der Eierstock mit der Nadel durchstochen werden müssen. Die Zahl der Eizellen, die entnommen wird, richtet sich nach dem Alter der Frau. “Je jünger eine Frau bei der Eizellentnahme ist, mit desto weniger Eizellen kommt man später aus”, sagt Würfel. Das heißt: desto weniger Eizellen werden benötigt, um später durch eine künstliche Befruchtung eine Schwangerschaft herbeizuführen. Bei einer Frau um die 30 werde versucht, etwa 15 bis 20 Eizellen zu entnehmen und einzufrieren. Dabei setzt man heute auf das Verfahren der Vitrifikation (Verglasung): Den Eizellen wird zunächst Wasser entzogen, dann werden sie mithilfe von flüssigem Stickstoff ultraschnell auf minus minus 196 °C heruntergekühlt und so schockgefroren.

Jahrelang haltbar

Die Eizellen bleiben dadurch jahrelang haltbar und können für eine künstliche Befruchtung eingesetzt werden, wenn die Frau das wünscht. Die Chancen auf eine Schwangerschaft sind dann immer noch gut. Denn sie hängen vor allem von der Eizellqualität ab, und die in erster Linie – wenn auch nicht ausschließlich – vom Alter der Frau. Eine Frau, die ihre Eizellen im Alter von 25 Jahren einfrieren und sich diese fünfzehn Jahre später nach einer künstlichen Befruchtung einpflanzen lässt, hat deutlich höhere Chancen schwanger zu werden, als ihre 40 Jährigen Altersgenossinnen.

Fortpflanzungsmediziner und -medizinerinnen des Kinderwunschzentrums Baden haben eine statistische Wahrscheinlichkeitsrechnung dazu veröffentlicht. Um mit mehr als 90prozentiger Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden, müssten demnach Frauen unter 35 Jahren 20 Eizellen entnommen werden. Im Alter von 37 müssten dafür hingegen schon 40 Eizellen eingefroren werden, wozu mehrere Stimulationszyklen nötig wären und später höchstwahrscheinlich mehrere Versuche einer künstlichen Befruchtung. Über 35 Jahren sei Social Freezing “nur bedingt sinnvoll”, so das Fazit der Mediziner. Auch Würfel sagt: “Je mehr sich eine Frau der 40 nähert, desto fragwürdiger wird Social freezing.” Schließlich gehe es beim Social Freezing ja unter anderem darum, Chromosomenschäden zu verhindern, die an den Eizellen mit zunehmendem Alter auftreten und eine komplikationslose Schwangerschaft immer unwahrscheinlicher machen.

Es gibt kein Höchstalter für die Einpflanzung

Eingepflanzt werden könnten die Eizellen hingegen auch deutlich später, erklärt der Experte. In Deutschland sei dafür gesetzlich kein Höchstalter festgelegt. Im Kinderwunsch Centrum München werden Eizellen aus dem Social Freezing noch befruchtet und eingepflanzt, bis eine Frau das 50te Lebensjahr erreicht hat. Die meisten Frauen, die ihre eingefrorenen Eizellen für eine künstliche Befruchtung auftauen lassen, sind nach Würfels Erfahrung zu diesem Zeitpunkt etwa Mitte 40. Nur etwa zehn Prozent der Frauen, die im Kinderwunsch Centrum München Social Freezing in Anspruch genommen haben, würden diese aber überhaupt später auftauen lassen, sagt Würfel. Wie oft das daran liegt, dass die Frauen doch auf natürlichem Wege schwanger geworden sind, wird nicht erfasst. Jedenfalls rät Würfel meist auch den Frauen, die Eizellen eingefroren haben, es zunächst auf  natürliche Weise mit einer Schwangerschaft zu versuchen: „Probieren würde ich es auf jeden Fall“, empfiehlt er. Die eingefrorenen Eizellen verbleiben dann trotzdem als "Sicherheitsreserve".

Eine absolute Garantie schwanger zu werden gibt es auch damit nicht. Bis heute sei Social Freezing aber für viele Frauen die einzige Alternative, wenn sie noch deutlich jenseits der 40 schwanger werden möchten. Abgesehen von einer Eizellenspende: Die sei aber nicht nur in Deutschland verboten, sondern auch nicht wirklich mit dem Verfahren des Social Freezing zu vergleichen bei der die Frau mit ihrem eigenen Eizellen schwanger wird, sagt Würfel. „Es ist eine Methode der Familienplanung.“