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Liebe - Beziehungstipps für Eltern

Unsere Redakteurin Nina Becker-Göpner hält seit Jahren ein Auge drauf, wie man der Liebesfalle „Baby“ entkommen kann und wie überhaupt der ganze Kladderadatsch zustande kommt.

In diesem Artikel:

Liebesfalle Baby - Wie ihr es schafft, ein Paar zu bleiben

„Mmmhh.. uhh.. oh… ja…“. Lustvoll stöhnt sie auf. Und dann, im Moment der höchsten Erregung, kann sie nicht an sich halten: „Hör doch mal. War da was?“ Nein, da war nichts. Und wenn das so weiter geht, wird da auch nichts mehr sein. Nachts in deutschen Betten, ein Paar mit kleinem Baby versucht, zweisam zu sein. Ist aber nun dreisam – und deshalb bald einsam?

Nein, bitte nicht verzweifeln. Unendlich viele Paare haben die Phase des neuen “Wir sind nun zu dritt“ als Liebespaar durchgemacht (besonders die Nächte mit Nachwuchs auf den müden Armen) und gemeistert.

Um es vorweg zu sagen: Weder Mama, Papa noch Baby sind schuld daran, dass die ersten Monate mit kleinem Kind eine Gefahr für eine harmonische und lustvolle Beziehung sind. Den schwarzen Peter darf man den zu hohen Ansprüchen zuschieben, die inzwischen an junge Eltern gestellt werden. Spätestens seit den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts wird uns vorgegaukelt, Paar sein bedeutet, sich ständig zu lieben und romantisch zu sein. Doch das ist nicht richtig, denn so war das Ganze nicht geplant, wie es uns nun von den Medien vorgeschrieben wird.

Unsere Gesellschaft befindet sich in einer neuen Situation. Und mit der muss erstmal zurecht zu kommen sein. Unsere behaarten Vorfahren in der Steinzeit lebten eine schlichte Geschlechtertrennung: Mann draußen beim Jagen, Frau mit Kindern in Höhle, Mann ab und zu zum Bestäuben und Essen kurz da. Punkt. In unserer Gesellschaft sitzen wir ständig in der Höhle und eigentlich – wenn man es ganz drastisch auf den Punkt bringt – ist die Zweier-Beziehung aus evolutionären Gründen zum Scheitern verurteilt.

Deshalb hält sie auch immer seltener dem Alltagsdruck stand. Aber es gibt Möglichkeiten, trotz all dieser widrigen Umstände, ein Paar zu bleiben:

Buchtipp

Eltern werden – Liebespaar bleiben
50 Tipps, damit die Liebe überlebt

Junge Eltern geraten oft in Alltagskrisen. Wie sie wieder hinaus finden, zeigt dieses praxisnahe Buch. Die bekannte Psychotherapeutin Helen Heinemann beleuchtet 50 typische Alltagskrisen, in die Eltern in den unterschiedlichsten Lebenssituationen geraten, und zeigt konkrete Lösungswege auf. Sie nimmt sich typischer Mutterthemen ebenso wie spezieller Väterprobleme an – und natürlich besonders der gemeinsamen. Dabei nimmt Helen Heinemann, selbst Mutter von vier Kindern, jeden Seufzer junger Eltern ernst.

Helen Heinemann
Eltern werden – Liebespaar bleiben
Westhafen-Verlag, 2012, 14,95 Euro
ISBN 978-3-942-83601-2

Elternzeit

Bitte bleibe im Gespräch! Mindestens einmal in der Woche – und es sollten schon ein, besser zwei Stunden sein – muss es eine Elternzeit geben. Kerze an, leichte Musik und einen Schluck guten Wein oder besonderen Tee sollte es geben, Ziel der Zusammenkunft: Reden, Quatschen, Klönen! Und zwar um den heißen Brei herum. Folgende Themen sind verboten: Kind, Geld und Verwandtschaft. Eine harte Übung, die leichter wird, wenn es Erzählthemen gibt wie zum Beispiel: Wie fandst Du unser erstes Date? Welche Mutprobe würdest Du gerne einmal machen? Welches größte Geheimnis hattest Du schon als Teenager?

Wunderschön: Jeder spielt abwechselnd einen Song vor, den er sehr mag oder der zu einem vorher besprochenen Thema passt (z.B. die Sterne, die Sonne, Liebe, Farben). Auch toll: Gemeinsam ein Buch lesen – jeder liest abwechselnd ein Kapitel vor, das sorgt für Gesprächsstoff (Comics gehen auch).

Die Macht kleiner Aufmerksamkeiten

Es ist seltsam, aber kaum wird ein Paar Eltern, vergisst es die Zeit für Zärtlichkeit. Rücken kraulen, eine liebe Notiz am Kühlschrank, ein Blümchen, ein Streichler durchs Haar, ein Kuss! Sich nach dem Befinden erkundigen, über doofe Kollegen mit lästern oder mit Kenntnis der aktuellen Ergebnisse Interesse an der Bundesliga heucheln.

Genieße es, wenn dein Baby noch ein Windelpupser ist, denn wenn die Kinder später sprechen und dann lesen können, wird es noch mal schwieriger, die Romantik im Alltag beizubehalten. Noch ist der Nachwuchs so sehr mit sich selbst und dem Großwerden beschäftigt, dass er deine Privatsphäre voll und ganz akzeptiert (zumindest während er schläft).

Tapetenwechsel

Ohne Kind verreisen. Für stillende Mütter nicht so einfach möglich, aber vielleicht eine kleine Karotte vor den Augen der Milchkuh, die – wenn die Sache mit Brot & Brei wirklich rund läuft – auf sie wartet. Verdrücken dich für ein bis zwei Tage mit dem Liebsten. Oder nur mal mit den Eltern die Wohnung tauschen um dort in aller Ruhe zweisam zu kochen. Ein Hotelzimmer in der heimischen Stadt mieten – Tapetenwechsel bringt eben neue Eindrücke und nicht selbst gebügelte Bettwäsche kann sehr beflügelnd sein. Ein Babysitter für Abends macht den neuen Kinofilm, das Lieblingsrestaurant oder auch die Runde der kinderlosen Freunde wieder möglich.

Sex nach Plan

Es gibt viele Therapeuten oder Ratgeber, die zum Sex nach Terminplan raten. Wer das jemals ausprobiert hat, hatte vorher vielleicht mit Hilfe einer Flasche Champagner jede Hemmung verloren und wirklich Punkt 20 Uhr am 24.3. Beischlaf gehabt oder hat es einfach nicht getan.

Denn es ist doch schon sehr unsexy, wenn Mann und Frau wissen, dass „es“ um 20 Uhr geschehen soll. Wow, das ist alles andere als willenlos und animalisch. Der Plan sollte lauten, sich bei jeder noch so kleinen Gelegenheit zu lieben. Ein Quickie kann erstaunlich viel Nähe aufbauen und erinnert daran, das Ganze – trotz bleierner Müdigkeit – am Abend ein wenig auszudehnen.

Sex woanders

… und zwar nicht immer im Bett. Das Kinderzimmer sollte man möglichst aussparen und die Wickelkommode auch. Aber wie wäre es mit der Kammer, der Waschmaschine, der Küchenablage, im Auto oder einfach auf dem Fußboden? Das ist besonders sinnvoll, wenn der Nachwuchs bevorzugt im Elternbett einschläft. Agile Bettflucht und dem kleinen Menschlein das Schlafzimmer überlassen – schließlich ist der Rest der Wohnung groß genug.

Attraktiv bleiben

Okay, Schlafmangel, ständig volle Windeln um einen herum und Spucktücher auf der Schulter machen es nicht leicht, sich selbst als begehrenswerte Frau zu empfinden. Und immer nur das Kind samt Un- und Annehmlichkeiten als Gesprächsthema ist schlecht für wilde Fantasien oder kuschelige Couchabende geeignet. Noch dazu kommt die Stilldemenz. Unser Tipp: Ein täglicher Blick in die Tageszeitung ist immer möglich und ein kurzer Zwinker in den Veranstaltungskalender auch. Man muss ja nicht hingehen, aber zuhause damit zu überraschen, dass man aber so was von informiert ist, was die In-Crowd so treibt. Die Jogginghose sollte nur in Gemütlichkeits-Notfällen aus dem Schrank geholt werden, eine Gurkenmaske geht schnell und macht die Haut frisch und ein wenig Schminke lässt sie nicht so traurig aus der Babywäsche gucken!

Der innere Schweinehund

Ja, frisch gebackene Eltern sind müde. Ja, das Kind strengt an. Ja, sie sind ein einziges Nein. So, und jetzt machst du mal was ganz Ausgeflipptes: Du lässt Nähe zu, obwohl du überhaupt keine Lust darauf hast. Einfach so. Wenn es sich nach zehn Minuten immer noch blöd anfühlt, täuschst du eben einen Hustenanfall mit Schleimauswurf vor. Hilft auch. Oder sage die Wahrheit. Das ist entwaffnend oder löst den nächsten Streit aus. Dafür übernehmen wir keine Garantie! Aber ein reinigendes Gewitter wird es allemal.

Väter aufgepasst!

Einen konkreten Tipp gibt es für Männer: Forschungsergebnisse zeigen, dass die Ehezufriedenheit der Frau mit zunehmender Belastung sinkt. Dieser Effekt kann jedoch umso mehr abgemildert werden, je mehr der Mann den Beitrag der Frau würdigt. Also: Männer sind gut beraten, der Frau deutliche Anerkennung für ihre Leistung zu zeigen. Nachts vier mal aufstehen ist durchaus lobenswert!

Erwartungen herunterschrauben

Unsere Ansprüche sind hoch, die Medien unterstützen das massiv. Alle leben in ihrer Glücksbärchi-Welt und lieben sich so sehr, streiten nie und sehen immer wie aus dem Ei gepellt aus. Die perfekte Frau sitzt vier Wochen nach der Geburt wieder an ihrem hochdotierten Manager- Arbeitsplatz und nach Feierabend lernt sie zusätzlich eine Fremdsprache, massiert den Gatten und kocht mongolische Geheimrezepte.

Nein, verharre nicht in starren, gesellschaftlich vermeintlich anerkannten Klischeevorstellungen. Sucht und findet gemeinsam als Paar euren ganz eigenen Weg, bei dem die Bedürfnisse von beiden berücksichtigt werden.

Jetzt mal ehrlich: Mit Baby ist eben anders als ohne

Eine Beziehung verändert sich mit dem Kind von Grund auf: Bei frisch gebackenen Elternpaaren setzt ein „Traditionalisierungseffekt“ ein, das heißt, die Aufgabenverteilung in der Beziehung verschiebt sich selbst bei den modernsten Paaren meist in Richtung klassische Rollenverteilung. Und zuverlässig sinkt die Partnerschaftszufriedenheit in den vier Jahren nach der Geburt, die positive Zugewandtheit der Partner zueinander nimmt drastisch ab. Diese Ergebnisse zeigen sich in allen Untersuchungen.

Wenn es einem Paar anders geht, ist es wirklich die Ausnahme. So wird die Elternschaft in der Psychologie auch als „kritisches Lebensereignis“ betrachtet.

Ein Kind ist demnach wirklich eine Herausforderung an die Partnerschaft, doch so lange man mit dem Partner im Gespräch bleibt, man sich gegenseitig sieht und die Wünsche des anderen wenigstens ein offenes Ohr finden,bist du auf dem besten Weg.

Und Paare, die sich immer mal wieder zu zweit ins Gebüsch schlagen, anstatt in der trauten Höhle mit Kind und Kegel zu hocken, finden dort auch reichlich Äste um die Liebesfalle Baby zu überbrücken.

Experten-Interview


Dr. Nina Hollenbach ist Diplom Psychologin und Verhaltenstherapeutin in München

„Bleibe in Kontakt!“

kidsgo: Frau Dr. Hollenbach, wie tappen Paare in die „Keine-Zeit-für-Zärtlichkeit“-Falle?

Dr. Nina Hollenbach: Da kommen einige Faktoren zusammen: Die junge Mutter ist ständig im Einsatz, leidet unter Schlafmangel, die Nerven liegen blank – und dann kommt da der Mann, der auch noch seinen Teil fordert. Oder: Der Mann sieht bei der Geburt den Unterleib seiner Frau in völlig anderem Zustand – das bekommt er nicht mehr aus dem Kopf. Zudem verändert die Situation mit Kind das Leben und die Beziehung schlagartig. Sich an die Erfordernisse der Situation anzupassen, verlangt von beiden enorm viel Energie. Da werden Sex und Zeit füreinander oft erst mal hinten angestellt.

kidsgo: Welche Tipps gibt es, um das Liebesleben wieder anzukurbeln?

Dr. Nina Hollenbach: Ein Geheimrezept gibt es leider nicht. Die Situation positiv beeinflussen kann ein guter Umgang mit den unterschiedlichen Bedürfnislagen beider Partner. Druck durch eigene Ansprüche ist zur Wiederbelebung der Lust kontraproduktiv. Geben Sie sich und dem anderen Zeit – Humor hilft auch. Allerdings: Je länger die sexlose Zeit dauert, umso mehr schwindet die Lust, und umso schwieriger wird die erotische Wieder-Annäherung. Also: Sich einen Ruck geben, wenn sich doch einmal ein Fünkchen Begehren meldet und die Gelegenheit beim Schopf ergreifen!

kidsgo: Was sind die häufigsten Beziehungs-Fallen?

Dr. Nina Hollenbach: Problematisch ist das Einstellen der Kommunikation über alle Dinge, die nicht die Alltagsorganisation oder das Kind betreffen. Bleiben Sie in Kontakt mit dem Partner, seinem Erleben, seinen Wünschen, seinen Schwierigkeiten! Sprechen Sie über Ihr eigenes Erleben, Ihre Bedürfnisse – möglichst dann, wenn Sie echtes Interesse am anderen fühlen und ihm gegenüber eine wohlwollende Haltung einnehmen können. Das ist nicht immer der Fall – auch unschöne Worte dürfen mal fallen. Beziehungs-Killer werden sie erst dann, wenn sie überhand nehmen.

kidsgo: Was ist da das Maß?

Dr. Nina Hollenbach: Untersuchungen über die Kommunikation glücklicher und unglücklicher Paare zeigen, dass Beziehungen dann als glücklich empfunden werden, wenn auf fünf positive Interaktionen höchstens eine negative kommt. Zeigen Sie also dem Partner Zuneigung auf die Art, die Ihnen möglich ist. Das kann auch ein Kuss im Vorbeigehen sein oder ein besonders nettes Wort zwischendurch. Auch gemeinsam verbrachte Zeit ist gut für die Beziehung: Mal den Babysitter bestellen und zu zweit essen gehen. Seien Sie kreativ!

kidsgo: Frau Dr. Hollenbach, vielen Dank für dieses Gespräch.

Buchtipps gegen Beziehungskrisen

Achtung! In diesen beiden „Ratgebern“ ist drin, was drauf steht. Nichts für zart Besaitete, hier geht es bis ins letzte Detail zur Sache. Und sage nicht, wir hätten dich nicht gewarnt.

Neue Verkehrsregeln – Der erste ehrliche Sexratgeber für Eltern

„Gibt es tatsächlich Eltern, die noch Sex haben?“ fragte sich Autorin Merle Wuttke und fing an, darüber zu sprechen. Die Geschichten, die sie hörte, sind erstaunlich, erschreckend, entlastend und mutmachend zugleich.

Fischer Verlag
Merle Wuttke
ISBN 978-3-8105-2378-5
13,95 EURO

Höchste Paarungszeit – Erotisches für Eltern im Alltagschaos

Erregende Geschichten, erotische Anregungen und pragmatische Tipps für alltagsstrapazierte, aber noch immer liebeshungrige Eltern. Die Autoren – selbst Eltern zweier Kinder – zeigen, dass es gar nicht so sehr um Organisation geht. Vielmehr sollte man jede Möglichkeit nutzen. Denn: Gelegenheit macht Liebe!

suedwest Verlag
Liebling & Schatz
ISBN 978-3-517-08903-4
14,99 EURO