MENU

Smiling Depression - Baby-Tagebücher von Anna aus Hitzacker

Hautnah. Intensiv. Liebenswert. Folgt hier den Babytagebuch-Bloger:innen und erlebt regelmäßig, wenn frischgebackene Mütter und Väter ihr Leben mit euch teilen. Jede Woche lassen sie euch an ihrer neuen Lebenszeit mit Baby teilhaben und geben ganz persönliche Einblicke: Was hat der Sprössling diese Woche Tolles gelernt? Wie geht es den jungen Eltern mit dem kleinen Knirps? Welche Herausforderungen begegnen den Neu-Mamas und Neu-Papas mit ihrem Neugeborenen? In den Baby-Tagebüchern seid ihr live dabei, von ersten Arztbesuchen bis zu holprigen Gehversuchen. Ob liebenswert chaotisch oder rührend besinnlich: Immer erhaltet ihr einen unverfälschten, authentischen und persönlichen Einblick in das aufregende Leben einer Jungfamilie.

28. Woche

Smiling Depression

Ankunft und Einleben in der Psychiatrie.
Mir geht es besser.

Hallo ihr Lieben,

Wieder ist eine Woche herum. Und wieder ist viel passiert. Das Wochenende steht vor der Tür und ich kann sagen, dass es mir besser geht. Trotzdem bleibt ein weiter Weg und viele Fragen. Warum hat sich die Wochenbettdepression bei mir entwickelt? Wie bekomme ich das wieder weg? Und was muss ich dafür machen? Ist es überhaupt eine Wochenbettdepression? Diesen Fragen möchte ich gerne nachgehen. Ich möchte es verstehen, um es besser Einordnen zu können. Mal sehen wieviel Antwort ich auf diese Fragen bekomme.

Tatsächlich hielt sich mein positives Gefühl. Versteht mich nicht falsch. Es geht mir nach wie vor nicht gut! Aber so schlimm wie in der letzten Woche ist es zum Glück nicht wieder geworden.
Montag war Koffer packen angesagt. Das habe ich mehr oder weniger widerwillig und unter Tränen gemacht. Ich will garnicht weg! Ich will meine Kinder nicht alleine lassen. Also, natürlich lasse ich sie nicht alleine. Mein Mann ist bei ihnen und auch die Omas unterstützen. Aber ich lasse sie ohne mich. Und besonders den Mini zurückzulassen fällt mir unglaublich schwer. Weil es mir besser geht trügt mich mein Kopf immer, dass ich ja keine Hilfe mehr brauche. Geht doch. Aber nein. Ich bleibe bei unserem Plan. Denn sobald eine anspruchsvollere Situation kommt, z.b. wenn die kleinen Jungs sich streiten, ist mein Kopf völlig überfordert. So kann ich meiner Arbeit als Hausfrau und Mutter nicht nachgehen.

Zu allem Übel hat uns nun doch auch die Erkältungswelle erfasst. Nach und nach werden die drei Kleinen krank. Am Dienstag sind wir nochmal bei der Ärztin abhorchen, die Einweisung abholen und das Attest für die Haushaltshilfe. Sie entschuldigt sich sogar, dass sie es die Woche davor nicht gleich ernster genommen hat. Ich bin gerührt. Ich sage ihr aber auch, dass ich selbst nicht gedacht hätte, dass es sich innerhalb einer Woche so sehr verschlechtern würde. Ausserdem hat sie mir ja den Rat gegeben mich an den Sozialpsychiatrischen Dienst zu wenden, der uns dann wirklich weitergeholfen hat. Und auch nun hilft sie mir weiter. Das ist mehr als die Ärzte in den vergangenen Jahren getan haben.
Der Mini fiebert abends nochmal richtig hoch und es geht ihm richtig schlecht. Alle sagen, dass es das Richtige ist mir Hilfe zu holen. Aber es fühlt sich gerade wirklich nicht so an! Ausgerechnet in so einem Zustand muss ich meinen kleinen Sohn verlassen. Das macht mir mein Herz so unglaublich schwer...

Mittwoch kommt der Abschied. Gleich früh müssen wir los. Die Kinder wollen nicht, dass ich gehe, ich will nicht weg. Aber es muss sein. Also gehe ich und die Kinder winken mir.
Das Auto ist vollgepackt. Ich gehe gerade von 6-8 Wochen Behandlungszeit aus. Ich habe nochmal angerufen. Es gibt nichts was ich nicht mitbringen darf. Außer die logischen Sachen, die überall gelten.
Eine liebe Frau macht die Aufnahme und schickt mich auf meine Station. Dort bekomme ich sogar ein Einzelzimmer mit Bad. Einen Wickeltisch und ein Baybett haben sie mir schon reingestellt.
Abends probieren wir noch mit der Schlafsituation herum, weil ich das Babybett nicht gescheit ans Erwachsenenbett bekomme. Schlussendlich bekommen wir zwei Matratzen auf dem Boden nebeneinander. Damit bin ich happy. Ich dachte nicht, dass das möglich sei. So haben wir beide genug Platz zum Schlafen, können einfach im Bett stillen, ohne kompliziertes Rausgehebe und Reingelege und die Babylady kann nicht aus dem Bett fallen. Dazu gibt es mein Kissen und meine Decke, Lillys Fell, Decke und das Stillkissen. Fertig ist das Kuschelbett. Würde die Kleine jetzt noch wieder besser schlafen, gäbe es nichts auszusetzen. Leider ist sie aber auch krank und wacht gerade nachts oft auf.

Bis auf das Aufnahmeprozedere mit verschiedenen Untersuchungen und Anamnese passiert noch nicht viel. Dafür bin ich dankbar. Ich will einfach nur Ruhe. Das habe ich bei der Anamnese auch gesagt. Und diese finde ich auch immer wieder. Das Gelände ist wunderschön mit alten Häusern, Bäumen und Büschen. Täglich gehe ich hier mit der Kleinen spazieren. Ich genieße die Ruhe, solange sie nicht im Wagen schreit, das Vogelgezwitscher, das Rauschen der Bäume im Wind, die warme Sonne und das Rausgehen ohne Jacke. Der Frühling kommt.

Ich treffe auf nette Mitpatienten, liebes Küchenpersonal, Pflegekräfte und Ärzte. Alle wollen, dass es mir gut geht und helfen. Bringen einen neuen Löffel für Lilly, halten mir die Türen für den Wagen auf, erklären mir Wege und Abläufe. Auch eine klüngelige Gruppe habe ich gefunden, die nach dem Essen gerne noch sitzen bleibt, quatscht und das Essen so ausklingen lässt. Das warme Mittagessen ist lecker.

Lilly wickelt die ganze Station um den Finger. Alle sind verrückt nach ihr und freuen sich über sie. Man hört uns auch immer schon von weitem kommen. Die Babylady findet nämlich das Echo in den Gängen super und tönt, erzählt und lacht immer, sobald wir unser Zimmer verlassen und durch die Flure gehen. Dabei hat sie ein sehr durchdringendes Organ.

Ich habe mich nun auch angesteckt bei den Kleinen. Mein Hals kratzt und meine Nase ist dicht. Und wo ich jetzt manchmal zur Ruhe komme schlägt eine richtig tiefe Erschöpfung ein. Manchmal schaffe ich kaum aufzustehen. Und nach einem Essen mit schönen Gesprächen bin ich so erledigt. So gesättigt an Eindrücken, Gesellschaft und Geräuschen, dass ich mich erstmal hinlegen muss.

Man nennt die Wochenbettdepression wohl auch die "Smiling Depression". Erst jetzt verstehe ich das so richtig. Ich merke auch, dass ich freundlich bin. Ich bin ein freundlicher Mensch. Aber es fühlt sich irgendwie aufgesetzt an. Wie eine Rolle die ich spiele. Ich kann es schwer beschreiben. Und es ist anstrengend. Sobald die Menschen weg sind habe ich keine Lust mehr zu lächeln. Finde es fehl am platze. Aber soblad ich wieder jemandem begegne geht das Lächeln wieder an. Schon merkwürdig...

Stillen wird hier als wichtig angesehen. Das beruhigt mich sehr! Von außen (also nicht vom Personal hier) kommt immer wieder die Idee abzustillen oder zumindest ein Fläschchen zu geben, damit ich die Kleine für die ein oder andere Therapie länger abgeben kann. Ich versuche dabei bestimmt aber freundlich nein zu sagen. Das kommt für mich nicht in frage. Ich weiß, dass das für viele eine Alternative oder ihr Weg ist. Ich weiß auch, dass manche Frauen garnicht Stillen möchten. Auch wenn ich das nicht nachvollziehen kann. Für mich ist es wichtig meine Kinder ausschließlich zu Stillen, bis dies durch die feste Nahrung ersetzt wird. Ich möchte schlicht und einfach nicht, dass meine Kinder etwas anderes als Muttermilch bekommen.

Ich fühle mich hier ernst genommen. Ich merke aber auch, dass nichts geschenkt wird. Das wird ein hartes Stück Arbeit. Für mich. Ich bekomme Hilfe, aber den Weg muss ICH gehen. ICH muss an der Situation arbeiten und mit Unterstützung einen Weg heraus finden. Zu schön wäre ein silbernes Tablett mit dem Lösungsweg darauf. Aber das gibt es nicht. Ich bin sehr gespannt auf die nächsten Wochen. Dann startet mein Behandlungsplan. Was der wohl mit mir macht?

Ich weiss nicht was alle immer mit diesem "Licht" wollen. Mir wird ständig gesagt, dass das Licht wiederkommt. Das Licht ist ja da. Es geht mir nur echt kacke. Entschuldigt die Wortwahl. Ich muss das grad mal in Umgangssprache loswerden.
Es ist bei mir nicht dunkel. Ich freue mich auch über die Sonne und sowas. Es ist gerade nur einfach nicht schön.

Meine Erkenntnisse vom Wochenende:
Ich war am Wochenende mit der Babylady im Museum. Das war ich ewig nicht mehr und habe es vermisst. Teilweise konnte ich auch in meinem Tempo durchgehen. Leider hat es mich nicht so abgeholt wie ich erwartet hatte und das hat mich sehr gewundert. Ich dachte ich wäre damit total happy. Ich musste leider zu dem Schluss kommen, dass ich eigentlich garnicht mehr weiß wer ich bin.
Ich weiß was ich alles gerne machen würde. Und ich sehe was gerade alles nicht möglich ist. Aber ob mir das dann auch wirklich Freude macht weiß ich nicht. Also jage ich einer Menge Sachen hinterher, bin traurig, dass ich die nicht machen kann und weiß aber trotzdem nicht, ob diese mir dann Freude machen würden.
Also muss ich jetzt erstmal wieder herausfinden wer ich bin! Wer ich jetzt bin.
In den letzten fünf Jahren habe ich drei Kindern das Leben geschenkt, meinen Mann geheiratet, bin aus eigenem Wunsch in den Beruf Hausfrau und Mutter gewechselt und zu meinem Mann in unser Haus mit Garten gezogen. Das ist ganz schön viel, wenn man sich das so vor Augen führt. Und das ich mich dabei verändert habe, habe ich garnicht richtig gemerkt.

Sonntag Vormittag war nicht gut. Sonntag nachmittag schon. Mein Mann war mit den beiden kleinen Jungs da. Das war unglaublich schön! Es wurde mir leider schnell zu laut, aber die Zeit tat uns allen gut. Die Babylady ist total freudig ausgerastet und ließ sich das Kuscheln mit dem Papa und den Überfall der Brüder sehr gefallen. Sie hat sie auch sehr vermisst.
Für den Mini und mich war dieses Wiedersehen besonders gut und wichtig. Und es hat mir die Gewissheit gegeben, dass wir diese Zeit schaffen werden und der Papa ihn gut auffängt. Und das unsere Beziehung das aushalten wird.

Nun sitz ich hier in unserem Bett, einen Haufen mit Schokolade ummantelte Erdnüsse essend um mein System wieder hochzufahren. Lilly war früh müde. Die Zähne ärgern sie gerade. Tja und nun ist sie leider gerade als ich einschlafen wollte wieder aufgewacht. So um halb zwölf. Also wird das wohl wieder eine längere Nacht für mich, nach ein paar guten. So schaff ich zumindest den Bericht an euch abzuschicken. Drückt mir die Daumen, dass sie bald wieder einschläft und bis nächste Woche.

Liebe Grüße von
Anna



Dieses Tagebuch abonnieren:

Neuer Beitrag? Ich möchte benachrichtigt werden! Die Benachrichtigungen kann ich durch Anklicken des "beenden"-Links am Ende jeder eMail stoppen.

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben:

Zeichen frei



Kommentare von Lesern:

Bisher wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Einträge der letzten Wochen:

Alle anzeigen
Alle Baby-Tagebücher anzeigen

Aus der 28. Woche schrieben in anderen Tagebüchern:

In allen Baby-Tagebüchern suchen:

nach Stichwort:

nach Babywoche:


Kurse, Termine & Adressen


In diesem Beitrag geht's um:

Wochenbettdepression, Ankunft in der Psychiatrie