MENU

Auf der Suche nach Hilfe - Baby-Tagebücher von Anna aus Hitzacker

Hautnah. Intensiv. Liebenswert. Folgt hier den Babytagebuch-Bloger:innen und erlebt regelmäßig, wenn frischgebackene Mütter und Väter ihr Leben mit euch teilen. Jede Woche lassen sie euch an ihrer neuen Lebenszeit mit Baby teilhaben und geben ganz persönliche Einblicke: Was hat der Sprössling diese Woche Tolles gelernt? Wie geht es den jungen Eltern mit dem kleinen Knirps? Welche Herausforderungen begegnen den Neu-Mamas und Neu-Papas mit ihrem Neugeborenen? In den Baby-Tagebüchern seid ihr live dabei, von ersten Arztbesuchen bis zu holprigen Gehversuchen. Ob liebenswert chaotisch oder rührend besinnlich: Immer erhaltet ihr einen unverfälschten, authentischen und persönlichen Einblick in das aufregende Leben einer Jungfamilie.

27. Woche

Auf der Suche nach Hilfe

Die Wochenbettdepression schreitet zügig voran. Mit meinem Mann suche ich Hilfe & die Babylady startet mit Beikost.

Hallo ihr Lieben,

Wow, war das eine Woche....!
Ich weiß garnicht wo ich anfangen soll....
Mein Zustand hat sich weiter verschlechtert und das in einer besorgniserregenden Geschwindigkeit. Mittlerweile habe ich mit meinem Mann sprechen können. Mit meiner Hebamme, den engsten Freundinnen und der Mütterpflegerin konnte ich schreiben.
Montagabend hatte ich meinen persönlichen Tiefpunkt bislang. Ich musste meinen Mann bitten sämtliche Messer vor mir zu verstecken.

Ich würde euch gerne mitnehmen in diese Hölle, die sich da in meinem Kopf breit macht. Da ich aber nicht weiß ob und wann vielleicht meine Kinder diese Zeilen lesen werden, kann ich nicht so in die Tiefe und ins Detail gehen wie ich gerne würde. Aber wir müssen drüber reden. Auch weil ich gemerkt habe, dass man sich dann nicht mehr so alleine damit fühlt und auch ein bisschen weniger irre.

Ich hatte erst große Angst mir Hilfe zu holen. U.a. hatte ich Angst, dass mir die Kinder weggenommen werden, wenn ich zugebe wie schlecht es mir geht. Aber bislang sind tatsächlich alle (meistens) sehr lieb, hilfsbereit und unterstützend.
Mein Mann ist zuhause und gerade mein Fels. Er kümmert sich um alles, übernimmt die Anrufe, die Kinder und das Kochen.
Kann ich mich zurückziehen, geht es mir besser.

Klar ist, so kann es nicht weitergehen. Also habe ich beschlossen mich selbst in die Psychiatrie einzuweisen. Lilly soll mit, da sie noch voll gestillt wird. Und ganz ehrlich: mich würde eine zusätzliche Trennung von ihr endgültig abstürzen lassen.
Nach anfänglicher Skepsis, ob wirklich so drastische Schritte notwendig sind, geht mein Mann nun diesen Weg mit mir. Wie schwer der ist haben wir aber nicht gedacht. Trotz den Worten "Baby", "Selbsteinweisung" und "Suizidgefahr" fühlte sich einfach keiner zuständig. Ich war fassungslos.

Angefangen bei einer Klinik, die mir meine Hebamme empfahl wurden wir immer weiter verwiesen, bis wir bei der Psychiatrie aus unserem Einzugsgebiet landeten, die mein Baby aber nicht mit aufnehmen konnte. Von einer Ärztin kam der unhilfreiche Ratschlag, dass ich nun zeitig abstillen sollte, damit eine Einweisung ohne Baby nicht so schlimm wäre. Ich war so unfassbar sauer. Abstillen kommt ja mal so garnicht infrage. Was würde es dieses kleine Baby erschüttern, wenn bisher bekannte Nahrungsquelle und auch noch die primäre Bezugsperson einfach mal für Wochen verschwinden. Völlig undenkbar!
Ich habe schon große Schwierigkeiten meinen Zweieinhalbjährigen so lange zurücklassen zu müssen. Aber mein Baby? Keine Chance!

Mein Mann und ich verstanden die Welt nicht mehr. Ich bin doch nicht die erste Frau, die eine psychische Krisensituation nach der Geburt hat. WARUM ist es so schwierig an Hilfe zu kommen, wenn man endlich entschieden hat, dass man diese braucht und in Anspruch nehmen möchte? Und WARUM kann man überall sein Baby nicht mit hin nehmen? Das macht mich gleichzeitig sprach- und fassungslos.
Bei jedem Anruf die Situation wieder neu zu erläutern. Jedes mal wieder eingestehen zu müssen, dass man diese Hilfe braucht. Und das schnell. Und jedes mal wieder eine Klatsche zu bekommen. Hätte mein Mann das nicht übernommen, hätte ich aufgegeben. Dafür hatte ich keine Kraft und auch nicht den Mut.

Zwei Tage haben wir so verbracht. Ich schaute schon nach Privatkliniken, die zehn Stunden entfernt liegen, nur um eine Lösung für uns zu finden. Schließlich half uns der Sozialpsychiatrische Dienst unseres Landkreises weiter. Nachdem dieser ein paar Anrufe gemacht hatte, bekam ich doch einen Platz. Mit meinem Baby zusammen. In einer Psychiatrie, die nur etwa eine Stunde von uns entfernt liegt. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal so über einen Platz in einer Psychiatrie freuen würde....

Nächste Woche Mittwoch geht es los. Bzw. seit Mittwoch bin ich nun hier, wenn ihr das lest. Ich habe es vorher nicht geschafft Korrektur zu lesen und abzuschicken.
Etwas mulmig ist mir schon. Wie ist es da? Was wird da passieren? Wird mir die Zeit dort wirklich helfen? Meine Gefühle schwanken zwischen Erleichterung und tiefer Trauer. Ich war seit ich meinen Mann kennengelernt habe nur ein paar Stunden von den Kindern und maximal ein paar Tage von meinem Mann getrennt. Auch hilft mir seine Gegenwart durch manch schlimmen Schub.
Auf der anderen Seite bin ich froh, dass ich ernstgenommen werde, das ich Hilfe bekomme und diese schräge Situation mit fachkundigen Menschen bearbeiten darf.

Was macht diese Zeit mit meinen Kindern? Das sorgt mich. Sie wissen schon, dass ich eine Weile weg sein werde. Das macht alle noch etwas anhänglicher und verunsichert. Aber zumindest besuchen können sie mich mit meinem Mann mal bei der Entfernung. Das wird eine komische Zeit. Aber ich hoffe, dass ich dann wieder die Mama sein kann, die ich sein möchte. Die auch nach fünf Minuten noch weiß welche Antwort das Kind auf meine Frage gegeben hat. Die sich auf das Erzählen des Kindes konzentrieren kann. Die Streit vernünftig schlichten kann, sodass die Kinder etwas daraus lernen. Die nicht immer nur genervt ist.

Meine Hebamme war neben meiner Ärztin meine erste Anlaufstelle. Ich fragte sie wie man eine Wochenbettdepression denn erkennen könne. Ich finde es so schwierig diese von dem normalen Erschöpfungszustand aus Schlafmangel und Dauerkümmern zu unterscheiden. Ob es wirklich eine ist weiß ich noch garnicht. Bis das fachlich geklärt ist heißt es aber so für mich, weil ich nicht weiß was es sonst ist. Meine Hebamme gab mir ganz niedrigschwellig Hilfe. Ich musste nicht reden. Schreiben war genug. Mittlerweile kann ich auch ein bisschen drüber reden. Der Hebamme vom Rückbildungskurs habe ich nun auch bescheid gegeben. Es sind noch zwei Termine offen nach dieser Woche. Die möchte ich so gerne noch mitmachen. Das kriegen wir dann per Zuschaltung hin. Sie nahm sich direkt Zeit nach dem Kurs, um mit mir zu reden und zu schauen ob ich Hilfe bekomme. Sie war beruhigt, dass mein Mann zuhause ist und mich unterstützt, bis ich dann am Mittwoch in die Klinik gehe. Sie sagte, dass sie mich heute selbst angesprochen hätte, hätte ich nichts gesagt. Ich wäre ihr die letzten zwei Termine komisch vorgekommen und sie begann sich sorgen zu machen.
Also hat man mit geschultem Auge doch auch von außen etwas gesehen. Irgendwie beruhigt mich das etwas, weil es mir klar macht, dass ich mir diese Veränderungen nicht eingebildet habe.
Auch die Erzieherin, der ich bereits bescheid gegeben habe, damit der Kindergarten von unserer Situation weiß und meinen Sohn gegebenenfalls entsprechend auffangen und auf ihn eingehen kann war sogar ganz froh für mich. Das ich einmal raus und zu etwas Ruhe komme.
Das war komisch, tat aber gut.

Und nun wird es wirklich allerhöchste Eisenbahn. Seit gestern (Freitag) merke ich nämlich wie ich leider doch die Verbindung zu meinem Baby verliere. Sie ist immer noch ein Baby und ich kümmere mich um sie. Aber sie ist immer weniger "mein" Baby. Langes Stillen nervt mich. Ich bin froh, wenn sie ruhig ist. Und das macht mich unendlich traurig. Eine Mama sollte sich doch über ihr Baby freuen können. Aber ich erkenne sie nicht mehr, wenn ich ihr in die Augen sehe.

Trotz alledem haben wir nun mit der Beikost gestartet. Die Babylady ist nun sechs Monate. Ein propperes Fräulein. Geriebenen Apfel fand sie nicht gut. Also hab ich ihr am nächsten Abend etwas Pastinake gekocht. Ja, wir starten abends mit der Beikost, weil es so für uns am besten reinpasst und da alle zusammen am Tisch sitzen. Die Pastinake fand sie toll. Begeistert aber auch irritiert verschwanden ein paar Löffelspitzen in ihrem Mund. Ich glaube sie fand den Löffel eigentlich toller als ihr Essen. Den hat sie nämlich gerne in die Hände genommen und so selbst ein wenig gegessen.
Am nächsten Tag hat ihr die Pastinake mal so garnicht mehr geschmeckt. Also durfte sie sich am nächsten Tag etwas anderes aussuchen. Ihre Wahl fiel auf Möhren. Die gabs dann aus dem Gläschen. Ich wollte mal testen ob sie Gläschen isst, da ich in der Klinik vielleicht nicht kochen kann. Ich hab sie vor dem essen nicht gestillt, damit sie auch Hunger hat. Naja, sie hat wieder ein paar Löffelspitzen gegessen. Fand sie ganz gut, aber dann reichte es ihr auch.
Danach hab ich sie noch gestillt und sie stürzte sich drauf und schluckte als wär sie total ausgehungert. Also so richtig ist Beikost noch nicht ihr Ding. Ist ok. Irgendwann essen sie alle gerne.

Heute Abend, am Sonntag, fühle ich mich endlich für ein paar Stunden wieder wie ich. Trauer, Leere, Schwere und Genervtheit sind weg. Ich erkenne mein Baby wieder und spüre die Liebe zu ihr. Ich mag meinen Mann in meiner Nähe haben und bin einfach ich. Ein herrliches Gefühl. Ich hoffe es kommt bald als Dauerzustand wieder zu mir zurück.

Ich weiß noch nicht wie die Handyregeln in der Klinik sind. Daher kann ich noch nicht sagen wann mein nächster Beitrag kommt. Bis zum wiederlesen wünsche ich euch alles Gute.

Bis bald,
Anna



Dieses Tagebuch abonnieren:

Neuer Beitrag? Ich möchte benachrichtigt werden! Die Benachrichtigungen kann ich durch Anklicken des "beenden"-Links am Ende jeder eMail stoppen.

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben:

Zeichen frei



Kommentare von Lesern:

Anna06.03.2026 10:25

Liebe Silke,
ich danke dir sehr für die guten Wünsche!

Unmöglicher Beitrag?       Bitte melden.


Silke aus Nordhessen 01.03.2026 17:08

Liebe Anna, ich wünsche dir nur das Beste, dass du die Hilfe bekommst, die du brauchst und dass ihr als Familie die Situation zusammen gut meistern könnt.

Unmöglicher Beitrag?       Bitte melden.


Einträge der letzten Wochen:

Alle anzeigen
Alle Baby-Tagebücher anzeigen

Aus der 27. Woche schrieben in anderen Tagebüchern:

In allen Baby-Tagebüchern suchen:

nach Stichwort:

nach Babywoche:


Kurse, Termine & Adressen


In diesem Beitrag geht's um:

Wochenbettdepression, psychische Krisensituation nach der Geburt, Beikoststart