
Politisch engagiert – Geschichte der Beratungsstelle
Als Ilse Völker 1949 ihre Beratungsarbeit in den Räumen der Mütterberatungsstelle des Gesundheitsamtes in Kassel aufnahm, ahnte sie sicher noch nicht, dass auch heute noch – 70 Jahre später – sämtliche Themen, die ihr am Herzen lagen, hoch aktuell sind. Ziel ihrer Arbeit damals war es, Frauen und Paare zu den Themen „Geschlechtsleben“ und Empfängnisverhütung aufzuklären. Dies war besonders wichtig in einer Zeit, in der es noch keine Verhütungsmittel wie die Pille gab und Themen der Sexualität, der weibliche Zyklus, fruchtbare und unfruchtbare Tage noch sehr stark tabuisiert waren. Es war ihr Wunsch, illegale Abtreibungen zu vermeiden, die für die betroffenen Frauen mit seelischen Leid und großen gesundheitlichen Risiken verbunden waren und beriet diese im Schwangerschaftskonflikt. Sie erkannte die Wichtigkeit von Aufklärung und Prävention, und als 1965 Terra Berschneider, die von Beruf Hebamme und Apothekenhelferin war, ihre Arbeit in der Beratungsstelle aufnahm, erweiterte sich das Beratungsangebot um sexualpädagogische Arbeit an Schulen, in Mütterkursen, bei der Schwangerschaftsgymnastik und der Beratung bei Kinderwunsch.
1965 zog die Beratungsstelle in die Nordstadt und es gab eine ärztliche Sprechstunde, in der kostenfrei die „Anti-Babypille“ abgegeben wurde – oft auch entgegen erheblichen Drohgebärden seitens Ehemännern und Eltern jugendlicher Erwachsener. Besonders zur Zeit der „Flüchtlingswelle“ wurde spürbar, wie ähnlich die Lebenssituation der geflohenen Frauen derer Frauen war, die im Nachkriegsdeutschland um eine selbstbestimmte Sexualität und das Recht, den Zeitpunkt selbst zu bestimmen, wann frau Mutter werden möchte, kämpfen mussten.
Die Beratungsarbeit spiegelt auch nach wie vor gesellschaftspolitische Themen und Fragestellungen wider. So fragen sich zunehmend werdende Eltern, ob sie Pränataldiagnostik in Anspruch nehmen sollten, zum Beispiel den nun zur Verfügung stehenden Bluttest, der mit hoher Sicherheit eine mögliche Trisomie 21 nachweisen kann. Oder gleichgeschlechtliche Paare überlegen, wie man sich bei einer Familiengründung rechtlich gut absichern kann. Und es sind auch zunehmend die Väter, die gern in Elternzeit gehen möchten und sich fragen, ob sich dies finanziell stemmen lässt.
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