MENU

In der Psychiatrie 2 - Baby-Tagebücher von Anna aus Hitzacker

Hautnah. Intensiv. Liebenswert. Folgt hier den Babytagebuch-Bloger:innen und erlebt regelmäßig, wenn frischgebackene Mütter und Väter ihr Leben mit euch teilen. Jede Woche lassen sie euch an ihrer neuen Lebenszeit mit Baby teilhaben und geben ganz persönliche Einblicke: Was hat der Sprössling diese Woche Tolles gelernt? Wie geht es den jungen Eltern mit dem kleinen Knirps? Welche Herausforderungen begegnen den Neu-Mamas und Neu-Papas mit ihrem Neugeborenen? In den Baby-Tagebüchern seid ihr live dabei, von ersten Arztbesuchen bis zu holprigen Gehversuchen. Ob liebenswert chaotisch oder rührend besinnlich: Immer erhaltet ihr einen unverfälschten, authentischen und persönlichen Einblick in das aufregende Leben einer Jungfamilie.

35. Woche

In der Psychiatrie 2

Über bewegte Wochen, wie sich die Babylady entwickelt und was ich so gemacht und gelernt habe.

Hallo ihr Lieben,

Ich habe in den letzten Wochen immer mal wieder etwas geschrieben. Für einen Bericht hat es nie gereicht und ich musste mich ganz auf mich konzentrieren. So ist dies nun ein Bericht aus vielen kleinen oder größeren Sequenzen. Begleitet mich also durch die weiteren Wochen meines stationären Aufenthaltes in der Psychiatrie wegen Postnataler Depression:

Nun bin ich schon fünf Wochen in der Psychiatrie. Ich habe eine weitere Verlängerung bewilligt bekommen, was mich aufatmen lässt. Es gibt gute Tage und es gibt schlechte Tage. Die schlechten Tage überwiegen im Moment. Die Spitzen sind einem gleichbleibend grauen und schweren Teppich gewichen. Ich habe das Gefühl nicht weiter zu kommen. Einen stetig wachsenden Berg von Dingen, die zu bearbeiten und zu verändern sind. Nur woher die Kraft dafür nehmen?
Ich habe gerade keine Lust mehr zu kämpfen. Ich möchte, dass alles einfach wieder leicht und einfach und fröhlich ist. Ich dachte ich komme hierher und bekomme einen goldenen Weg gezeigt, den ich gehen kann. Leider ist dem nicht so. Ich muss meinen ganz individuellen Weg finden und ihn selbst gehen. Und das ist echt harte Arbeit. Mit Unterstützung zwar, aber letztendlich irgendwie doch allein.

Die Belastungsproben, wie die Zeit am Wochenende bei meiner Familie heißt, werden besser. Habe ich beim ersten mal keine drei Stunden durchgehalten bis mir alles über den Kopf wuchs, so entwickelt sich dies positiv. Wir haben den Ausbildungsabschluss meines jüngsten Bruders gefeiert. Das war schön und ich kam mit der Lautstärke und den Eindrücken im Restaurant gut zurecht. Lilly dafür nicht. Nach dem Essen mussten wir gehen, da sie nur noch schrie. Auch draußen brauchte sie noch eine Weile bis sie sich in der Trage an mich geschmiegt beruhigen konnte.
Meine Mama brachte mich diesen Abend nachhause. Als ich zuhause ankam und meine Mutter mir eine gute Rückfahrt für den nächsten Tag wünschte, habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, dass mir das zu schnell ist und ich gerne länger zuhause sein würde. Sehr merkwürdig, aber schön. Davor die Wochenenden konnte ich es kaum erwarten wieder in die Klinik zu kommen. Zu laut, zu viel war alles.
Mir fiel es am darauffolgenden Tag auch unglaublich schwer meinen Mann und meine Kinder zu verabschieden.

Für ein Wochenende habe ich eine Sondergenehmigung für zwei aufeinanderfolgende Nächte zur Belastungsprobe beantragt und bewilligt bekommen. Da ich nach meiner Rückkehr direkt wieder Vollzeit für die Kinder und einen Teil des Haushaltes zuständig bin, wollte ich erstmal sehen wie ich mit zwei Tagen zuhause zurecht komme.
Mit meiner Schwiegermutter gab es unschöne Entwicklungen, weswegen sie uns erstmal nicht mehr helfen kann. Ihr geht es nicht gut.
Die Zeit mit meiner Familie war immer wieder schön. Auch eine geplante Pause für mich habe ich gemacht. Ich konnte mit jedem Kind und auch mit meinem Mann etwas Exklusivzeit verbringen. Das war echt schön. Leider machte sich am Montag dann wieder eine totale Erschöpfung breit. Als ob ich alles in den letzten Wochen zusammengekratzte Pulver in diesen zwei Tagen verschossen hätte. Furchtbar frustrierend!

Die letzten beiden Wochenenden liefen gut. Wir zögerten alle den Rückreisepunkt bis aufs äußerste hinaus. Wir hätten noch Zeit miteinander gebrauchen können. Zu kurz sind zwei Tage und eine Nacht um alles zu tun, zu erledigen, zu spielen und zu kuscheln.

Ostern haben wir ganz einfach gehandhabt. Eigentlich wollte ich meinen Gemüsegarten angelegt und die Feuerstelle eingerichtet haben. Ich wollte eine Feier mit der Familie machen. Mit Eiersuche, Stockbrot und Marshmallows. Letztendlich haben mein Mann und ich jeder einen Kuchen gebacken, die Kinder bekamen ihre Eiersuche und einer meiner Brüder und meine Mama waren da. Klein, aber fein und der Tag war so angenehm voll. Die Babylady hat in dem Trubel garnichts zu Ostern bekommen. Aber das macht glaube ich nix. Das wird erst im nächsten Jahr ansatzweise wichtig. Für die größeren Kinder war nur die Eiersuche wichtig, damit es wirklich Ostern ist. An einem Strauß, den mir die Kindergärtnerinnen mit besten Genesungswünschen geschenkt hatten, haben wir zuvor noch Ostereier angehängt.

Lilly gallopiert gerade durch die Entwicklung! Vor gut drei Wochen hat sie sich nun das erste mal auf den Bauch gedreht und begann zu kullern. Mittlerweile beherrscht sie das astrein und kullert durchs Bett, was uns auch tagsüber als Liegewiese dient. Manchmal kommt sie auch runter. "Erwische" ich sie dabei, guckt sie mich mit leuchtenden Augen an und lacht. Ihre Augen haben sich auch verändert. Nicht nur ihre Farbe, sondern auch die Art wie sie in die Welt schaut. Viel wacher, mit einer Tiefe und Begeisterung. Sie lernt richtig viel. Guckt sie sich etwas an, so bewegt sie ganz sachte ihre Finger dabei und zwischendurch schnellen ihre Augenbrauen hoch. Ich glaube dann hat sie immer einen Aha-Effekt.
Sie liest gerne Bücher und seit einer Woche isst sie jetzt richtig gerne.
Neuerdings kann sie etwas sitzen und räumt mit Vorliebe ihre Spielzeugkiste dabei aus.

Der Kinderwagen ist eher Lastenschlepper als Babybeförderungsmittel. Sie zieht die Trage vor. Und manchmal nichtmal die. Meist schläft sie tagsüber darin. Nachts ist es eher schwierig. Wir haben eine Reihe Nächte mit Dauernuckeln hinter uns und häufigem wach werden. So toll das nämlich am Tage ist mit dem drehen, so sehr erschreckt es sie in der Nacht. Auch jede Bewegung von mir lässt sie hochschrecken. Das ist gerade wirklich so eine Sache mit dem Schlaf..

Überall grünt und blüht es jetzt. Das ist so wunderschön. Die Sonnenstrahlen riechen nach Sommer, es wird wärmer und ist länger hell. Die Vögel zwitschern überall und es macht mir wieder richtig Freude draußen zu sein.
Wir waren viel spazieren und haben uns unter blühende Bäume gestellt und dem Summen der Hummeln darin gelauscht. Wobei die Babylady mich dabei grinsend anguckte, anstatt die Blütenpracht zu bestaunen...


Ich habe in den letzten Wochen eine Menge Sachen über mich und generell gelernt. Z.B. über Wut. Wut ist eine sekundäre Emotion. Das heißt sie überdeckt eine andere Emotion, um die es eigentlich geht.
Habe ich die Kleine z.B. in der Trage und sie schläft und die beiden Jungs vergessen immer wieder leiser zu sein und kriegen ihren Trotzanfall lautstark und direkt neben mir, so bin ich eigentlich verzweifelt. Verzweifelt, weil ich möchte, dass mein Baby schlafen kann, es das aber gerade nur in der Trage tut und wenn ich sie ablege wird sie wach. Das beschert mir dann miese Stunden, weil sie dann unausgeschlafen, quengelig und leicht reizbar ist und später umso schwerer einschläft. Gleichzeitig möchte ich mein Kleinkind zugewandt und geduldig durch den Trotzanfall begleiten und den eigentlichen Grund herausbekommen, anstatt ihn einfach nur still zu bekommen. Das kann ich aber nicht machen, weil die Kleine dann wach wird von dem Geschrei. Mit ihm schimpfen oder weggehen kann ich aber auch nicht. Über diese Verzweiflung legt sich Wut, weil ich der Situation einfach nicht gerecht werden kann und nicht weiß wie ich sie gut gelöst bekomme.

Außerdem habe ich gelernt, das meine Wut mich darauf aufmerksam macht, wenn meine Grenzen (zu lange) überschritten wurden. Habe ich zu lange nicht gegessen, werde ich wütend. Redet ein Kind immer weiter, obwohl ich gerade etwas anderes tue/jemandem zuhöre und dem Kind mitgeteilt habe, dass es einen Moment warten muss, so werde ich wütend, weil es meine Grenze nicht achtet. Usw. Das war für mich eine große Erleuchtung, die mich mit meiner Wut ganz anders umgehen lässt. Es ist ein weiter Weg und wird nicht gleich und nicht immer klappen. Aber ich kann nun analysieren warum ich denn wütend geworden bin. Und ich kann Frühwarnzeichen erkennen lernen, um entsprechend gegensteuern zu können. Und das kann ich nun auch meinen Kindern beibringen.

Ich habe gelernt, das mein Körper ein Gedächtnis hat. Das erlebte Situationen in ihm gespeichert sind und das mich dadurch manches triggert. Dass ich darum auf bestimmte Weise reagiere oder mich unwohl fühle. Ich habe gelernt, dass ich manche Gedanken nicht zu ernst nehmen, sogar einfach weiterschicken darf, manchen aber auf den Grund gehen muss. Ich habe gelernt, dass man Emotionen zulassen muss. Auch die Unschönen. Damit sie Raum bekommen, gelebt werden dürfen und sich so auflösen. Das nur das hochkommt was man auch zu bewältigen schafft und das man an Emotionen nicht sterben kann. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Danach wird es besser.

Ich habe gelernt, dass ich keine Mama bin, die ihre Kraft und Energie aus dem Zusammensein mit ihren Kindern zieht. Auch wenn das toll wäre. Ich brauche Zeit für mich alleine, um die Kraft für die Zeit mit meinen Kindern tanken zu können.
Ich habe gelernt, dass ich wieder besser auf meine Grenzen achten muss.
Ich habe gelernt, dass ich meiner Familie und meinem Umfeld etwas zumuten darf.
Ich habe gelernt, dass sich mein Selbstwert aus verschiedenen Dingen zusammensetzt.

Ich habe mich eine Weile nur auf mich konzentrieren dürfen. Naja und das Baby. Einerseits war es wie Urlaub mit "nur" einem Kind statt vieren. Andereseits hat mich auch dieses eine immer wieder an meine Grenzen gebracht.
Ich habe gesungen, gemalt, in mich gespürt, meinen Kopf und etwas meinen Körper trainiert. Ich habe unglaubliche vier Bücher gelesen und drei angefangen.
Ich habe viele Gespräche geführt und feststellen müssen, dass ein Gespräch am meisten geholfen hat, wenn ich am wenigsten mit jemandem reden wollte. Ich habe mich getraut mich zu öffnen und mir immer wieder Hilfe geholt. Ich habe so viel geweint und konnte an manchen Tagen nur unter größter Kraftanstrengung aufstehen. Ich habe einen Küchenbuddy, der mir auch zum Abendessen Schokocreme besorgt, obwohl es die nur zum Frühstück gibt. Ich habe getrommelt, gelacht, war spazieren und habe wieder mehr zu mir selbst gefunden.

Ich habe super liebe Mitpatienten, deren Geschichten mich sehr bewegt haben und die mir immer sehr hilfreich waren und die sich nicht beschwerten, wenn die Babylady ihren Unmut laut kund tat.

Ich könnte gerade heulen, bzw. hab es auch. Ich bin wieder ich. Ich fühle mich wieder, bin unglaublich dankbar und merke wie sehr ich mich vermisst habe. Mein Lächeln ist wieder echt, nicht angeknipst. Ich fühle meine innere Stärke wieder, meine Lust aufs Leben und alles was es bereit hält. Auf den Haushalt freue ich mich nicht so, aber darauf wieder jede menge Unfug und Erfahrungen zu machen. Einfach zu leben. Und das in vollen Zügen.

Nun ist es klar: am 22.04. werde ich entlassen und werde das auch machen. Irgendwann muss ich springen. Mich diesen Schritt trauen. Und jetzt fühlt es sich endlich wieder richtig an. Ich bin sehr dankbar, dass ich an diesen Punkt kommen durfte!

Meine Kinder haben endlich wieder einen Mehrwert durch mich. Manche Situationen sind noch sehr schwierig. Da merke ich deutlich wie mein Kopf an seine Grenzen gerät, wenn mehrere Personenn gleichzeitig etwas von mir wollen. Multitasking ist NICHT gut. Es ist cool wenn man das kann. Aber unser Gehirn ist eigentlich nicht dafür gemacht, diesen Zustand (ständig) zu haben. Ich merke es richtig wie einen drohenden Kurzschluss im Gehirn.
Das letzte Wochenende jetzt war sehr anstrengend. U.a. habe ich nicht auf Pausen geachtet.
Da merke ich dann wieder, dass es mir zwar deutlich besser geht, ich vom gesund sein aber noch weit entfernt bin. Und es ärgert mich wahnsinnig, dass ich dagegen so machtlos bin.

Aber ich habe auch angst. Angst, dass alles wieder schlimmer wird. Dass ich das Pensum zuhause nicht schaffe. Ich merke wie fragil meine Besserung noch ist.

Wie gut das dann zuhause klappt werde ich euch berichten. Mit dem Sozialdienst hier in der Klinik habe ich mir ein individuelles Unterstützungspaket zusammengestellt. Es ist noch in Arbeit, aber ich hoffe es hilft mir auf dem Weg der Genesung. Die Hilfe der Mütterpflegerin und Haushaltshilfe werde ich weiterhin beantragen. Mein Sport startet nächste Woche und mit der Erziehungsberatungsstelle habe ich wieder regelmäßig Termine, um verschiedene Themen einfach mal reflektieren und durchsprechen zu können. Oft reicht ein kleiner Impuls für eine Lösung, oder einfach die Rückmeldung, dass man etwas anstrengend finden darf. Da hilft ein Blick von außen oft sehr.
Ein paar andere Sachen sind noch im Paket. Davon erzähle ich aber erst, wenn ich sie realisiert habe.

Seid bitte nachsichtig mit mir. Ich weiß nicht ob direkt in einer Woche den Bericht schaffe.
Erstmal geht es nächste Woche zum Friseur und ich habe mir einen Bauchtanzkurs gebucht. Da freu ich mich schon drauf. Und auf die Zeit dort ohne Kinder.

Bis dahin alles liebe, viel Zeit zum Genießen und einfach da sein,
Anna

Tagebuch Anna



Dieses Tagebuch abonnieren:

Neuer Beitrag? Ich möchte benachrichtigt werden! Die Benachrichtigungen kann ich durch Anklicken des "beenden"-Links am Ende jeder eMail stoppen.

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben:

Zeichen frei



Kommentare von Lesern:

Brygida, München 23.04.2026 08:55

Liebe Anna,
wie schön wieder von dir zu lesen und dazu auch noch mit spürbar positiverer Stimmung! Selbstverständlich sind alle deine Beiträge interessant, auch die mit wenig Positivem, es ist halt Tage- und kein Märchenbuch.
Vielen Dank auch für deine Rückmeldung zu meinem Kommentar :)
Gestern war nun deine Rückkehr nach Hause und deshalb wünsche ich dir sanftes Ankommen im Alltag und viel Erfolg bei der praktischen Umsetzung der, in der Reha erworbenen Erkenntnisse!!
Liebe Grüße, Brygida

Unmöglicher Beitrag?       Bitte melden.


Einträge der letzten Wochen:

Alle anzeigen
Alle Baby-Tagebücher anzeigen

Aus der 35. Woche schrieben in anderen Tagebüchern:

In allen Baby-Tagebüchern suchen:

nach Stichwort:

nach Babywoche:


Kurse, Termine & Adressen


In diesem Beitrag geht's um:

Postnatale Depression, Wochenbettdepression, Wut, Stationärer Aufenthalt, Babys Entwicklung