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Tagebücher aus der Schwangerschaft

Alle drei bis vier Monate beginnt eine Schwangere auf kidsgo.de ihr Tagebuch. Jede Woche beschreibt sie ihre Schwangerschaft und was sie bewegt. Die Schwangerschafts-Tagebücher werden ermöglicht durch die Unterstützung von Thule, Qeridoo, mamalila, Frollein Tee und Lässig.
Geburt

Eine Serie unglaublicher Ereignisse

Alles andere als geplant: Eklampsie, Notkaiserschnitt, ein Haarrissbruch, eine ausgekugelte Schulter und dann ein kleines Wunder.

Einen ganz lieben Gruß an Euch alle,

heute ist unser kleiner Mann vier Wochen alt. Wahnsinn, wie schnell so ein Monat umgeht. Vergebt die lange Funkstille - ich denke im Verlauf des Berichts wird klar, wieso. Ich warne vor – es ist ein laaaaaanger Bericht und auch nicht der happy-go-lucky-ich-bin-wonder woman-Bericht, den ich eigentlich schreiben wollte.

Ich würde Euch so gerne von einer positiven Hausgeburt erzählen. Davon, dass die meisten Hoffnungen, Wünsche und Erwartungen in Erfüllung gegangen sind. Davon, dass wir wie erhofft die Anfänge der Geburt gut alleine bewältigen konnten; dass die Hebamme just im richtigen Moment kam; dass mein Mann die richtigen Worte fand, um mir Ängste und Zweifel zu nehmen; dass unser Zwerg und ich ein gutes Team waren; dass das HypnoBirthing seinen Dienst erwiesen hat; dass die Wannengeburt geklappt hat; dass die Welt aus den Fugen geraten ist, als ich unseren Zwerg das erste Mal in die Arme schließen konnte; dass mein Mann und ich gemeinsam die Nabelschnur durchtrennt haben; dass wir im wahrsten Sinne des Wortes zu Hause angekommen sind.

All das würde ich gerne, aber das kann ich nicht. Denn ich habe nur zwei Erinnerungsfetzen an den Geburtstag unseres Sohnes und eine Handvoll für die zwei darauffolgenden Tage. Ich habe seinen ersten Schrei nicht gehört; kann mich nicht mehr aktiv an das erste Mal erinnern, als ich ihn sah oder gehalten habe. Ich kann die meisten Erinnerungen ohne Hilfe zeitlich nicht korrekt zuordnen. Ich weiß noch nicht mal, wie warm es war an dem Tag, ob die Sonne geschienen hat oder es doch noch kühl war.
Nein, unsere Geburtsgeschichte ist keine Vorzeigegeschichte der Traumgeburt.
Statt der Hausgeburt haben wir gefühlt alles mitgenommen an unwahrscheinlichen Gegebenheiten und Faktoren, die man sich ausdenken kann. Sozusagen ein „perfect storm“-Szenario: eine schwere Eklampsie, Notkaiserschnitt, Intensivstation und zum allen Überfluss ein Haarrissbruch am Oberarm und eine ausgekugelte Schulter.
Es ist gewissermaßen eine Geschichte über die Unberechenbarkeit der Natur, über das Glück im Unglück; es ist ein Hoch auf unsere Notfallmedizin, ein Attest auf die Stärke, die in einem schlummert, und vor allem über eine Woche zwischen Himmel und Hölle.

Mein Mann ist mein Gedächtnis für diese Zeit, mein Paar Augen in diesen Stunden. Deswegen schreibt auch er den Großteil des Berichts. Der Bericht ist detailliert, aber wenn schon denn schon haben wir uns gedacht. Zumal er gewissermaßen auch für mich eine Art und Weise ist, das Ganze zu verarbeiten.

Alles fing Sonntagabend am 26.05. an, aber das wussten mein Mann und ich nicht. Ich habe einen harten Bauch bekommen. Ein Teil von mir dachte sich, dass es vielleicht ja schon losgeht und bin in die Badewanne. Mein Mann lag neben mir auf dem Boden des Badezimmers, just in case, falls mir der Kreislauf wegbrechen sollte durch das warme Wasser. Der Bauch wollte sich nicht wirklich entspannen, aber heftiger wurde es auch nicht. Ich weiß noch, dass ich verzweifelt gedacht habe, dass alle gelogen haben - von wegen Wehen kommen langsam und steigern sich dann. Nach anderthalb Stunden sind wir wieder zurück ins Schlafzimmer. Wir waren todmüde, aber da sich nichts änderte am Zustand, wollten wir noch eine Mütze Schlaf bekommen. Ich dachte mir, wenn ich in 30 Minuten nicht einschlafe, dann rufen wir vorsichtshalber bei der Hebamme an. Im Bett habe ich dann von einer Minute auf die Andere stechende Kopfschmerzen bekommen. Das war der Vorbote für das, was kommen sollte. Aber richtig deuten konnte ich ihn nicht – bin keine Medizinerin und hatte in dem Moment keinen Grund, vom Schlimmsten auszugehen.

Ich dachte, das sind Stresskopfschmerzen bzw. von der Aufregung. Sie fühlten sich an, wie wenn man den lieben langen Tag vor dem Computer sitzt und abends nicht mehr geradeaus denken kann. Zudem wären normalerweise Wochen im Voraus weitere Vorboten für eine drohende Eklampsie aufgetaucht. Vorboten, die auch jedes Mal in der Vorsorge abgefragt werden (Wassereinlagerungen, Bluthochdruck, Proteine im Urin, sonstige Beschwerden). Ein Verlauf wie bei uns ist statistisch gesehen verschwindend gering – 3% der Eklampsie-Fälle kommen aus dem Nichts…und Eklampsie kommt nur bei einer Schwangeren in 2000 vor. Bei so viel „Glück“ sollte ich eigentlich Lotto spielen…

Aber jetzt kommt erstmal mein Mann zum Zug:
Ich steige an der Stelle ein, an der meine Frau keine oder nur noch bruchstückhafte Erinnerungen hat.
Montag früh schien der Spuk der letzten Nacht vorbei zu sein. Philippa war gut aufgelegt und machte noch Späße im Bad. Als sie zurück ins Schlafzimmer kam, setzte sie sich neben mich auf die Bettkante. Plötzlich wie aus dem Nichts zuckte Philippa zusammen, sowohl die Hand als auch ihr Kopf bzw. Hals krampften (wie ich hinterher realisiert habe). In dem Moment sah das aber so aus, als würde sie hinter mich gucken. Gepaart mit ihrem völlig erschrockenen Blick schien es, als hätte sie sich über etwas erschrocken, was direkt hinter mir passierte. Sie hat nichts gesagt, keinen Ton von sich gegeben. Ich habe ihrem Blick folgend hinter mich geschaut und in dem Moment ist sie wohl schon bewusstlos in sich zusammengesackt und von der Bettkante aus auf den Parkettboden gestürzt. Sie ist zuerst auf die Knie, dann auf die Ellenbogen, auf die Schulter und schließlich auf den Kopf (Auge / Schläfe) gefallen.

Ich war völlig schockiert und fertig. Wie in Trance habe ich ihren Atem und Puls überprüft, sie in die stabile Seitenlage gelegt und ihr die Haare vor dem Mund weggemacht. Die zweite Bewegung ging sofort zum Handy und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben 112 gewählt. Der Mensch am Telefon war sehr schnell, hat alle wichtigen Details abgefragt und ich habe sehr deutlich gemacht, dass meine Frau schwanger in der 39.+6 SSW ist, einen Tag vor dem ET. Er hat mir versichert, dass der Notarzt sofort käme.

Als nächstes habe ich unsere Hebamme angerufen, einfach um mit jemandem sprechen zu können und mich zu beruhigen. Das war extrem hilfreich und wichtig für mich. In der Zeit habe ich bei meiner Frau gesessen und ihren Atem überwacht. Sie hat etwas geröchelt, aber eindeutig geatmet. Während des kurzen Telefonats klingelte es bereits und der Notarzt stand vor der Tür. Das waren nur 7 Minuten vom Ende des 112 Anrufs bis der Notarzt und die Sanitäter da waren.

Ich war noch nie so glücklich darüber in einer Großstadt in zentraler Lage zu wohnen!! Der Notarzt und die Sanitäter haben gemeinsam meine Frau aufs Bett gelegt und zunächst die Vitalzeichen überprüft und sichergestellt, dass es ihr „gut“ geht. Ich schreibe „gut“ bewusst in Anführungszeichen, denn die Gesamtsituation konnte man zu diesem Zeitpunkt gar nicht erfassen. Der Notarzt hatte kein CTG oder Dopton etc. mit um die Herztöne des Babys zu messen. Daher musste alles ganz schnell gehen, um in die Uniklinik zum Kreißsaal zu fahren.

Zu dem Zeitpunkt war meine Frau immer noch bewusstlos und lag völlig nackt und schutzlos da. Der Notarzt hat klare Ansagen gemacht, da es sehr schnell gehen musste. Ich durfte ihr nichts anziehen und nichts mitnehmen außer Schlüssel, Handy, Portemonnaie (und den Mutterpass und die Versichertenkarte meiner Frau). Immerhin haben sie sie in eine Decke gewickelt.
Meine Frau ist zu sich gekommen, als wir dann ihre Umlegung auf ein Sanitätstragetuch vorbereitet haben. Sie hat sich natürlich total erschrocken wegen der vielen fremden Leute im Schlafzimmer, aber ich konnte sie schnell beruhigen. Davon weiß sie natürlich heute gar nichts mehr.

Dann sind wir gemeinsam runter in den Rettungswagen. Der Notarztwagen ist vorgefahren und wir hinterher. Ich bin auf dem Beifahrersitz mitgefahren. Beim Losfahren habe ich die Finger gekreuzt und gehofft, dass heute nicht so viele Idioten auf der Straße sind. Der Notarzt hat ruhig aber bestimmt gesagt, dass wir schnell sein müssen, da wir noch nicht sagen können, wie es dem Kleinen geht.
Dann während der Fahrt: Etwas Erleichterung! Die Fahrt mit Blaulicht und Martinshorn ging super schnell, weil wirklich JEDER Platz gemacht hat.

Man kann es nicht oft genug sagen: Bitte denkt im Straßenverkehr immer daran, wenn irgendwo ein Rettungswagen mit Blaulicht fährt: Es könnte Euer Mann / Eure Frau oder Euer Kind sein. Macht schnell Platz und seid aufmerksam, denn nichts ist schlimmer, als im Rettungswagen mitzufahren und zu hoffen, dass niemand zu egoistisch / langsam / was auch immer ist, um Platz zu machen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit (aber tatsächlich nach ca. 8 Minuten) waren wir dann im Krankenhaus: Uniklinik Köln - Frauenklinik - Kreißsaal. Dort sind wir mit einer Liege in einen Untersuchungsraum gefahren worden und Philippa wurde erstmal per Ultraschall und Blutdruck untersucht.
Große Erleichterung! Der Kleine lebte, war zwar leicht gestresst mit erhöhten Herztönen, aber noch im Rahmen. Auf dem Ultraschall bewegte er sich auch. Puh, Entwarnung.

(Philippa: Das ist meine erste Erinnerung an den Tag, wobei auch nur auditiv. Dazu gehörige „Bilder“ habe ich nicht gespeichert. Ich kann mich nur an die 10 Sekunden Konversation erinnern, als Entwarnung gegeben wurde. Danach ist wieder alles schwarz und still in meiner Erinnerung.)

Meine Berichte, dass Philippa am Kopf und Arm gekrampft hätte, hat man nicht so wirklich ernstgenommen. Das war mir in dem Moment aber auch gar nicht so wichtig, denn sie war ja wieder wach und es ging ihr scheinbar besser und das Baby war auch OK. Ein Fehler wie sich rausgestellt hat…Denn die Krämpfe waren die eindeutigen Zeichen für die Eklampsie.

Jetzt waren aber erstmal alle wieder etwas beruhigter. Wir haben uns einmal näher angeschaut und meine Frau hatte ein unglaubliches blaues Auge, was bereits zugeschwollen war und blaue Flecken am ganzen Körper von dem Sturz. Die Knie waren blau und scheinbar überall, wo sie nur etwas fester angepackt wurde beim Umbetten etc. blieben blaue Flecken zurück. In den folgenden Tagen schienen wir ständig neue zu entdecken, ohne dass sie sich irgendwo gestoßen hatte. Zudem klagte sie über die schmerzende rechte Schulter.
Die Hebammen und der Arzt im Kreißsaal haben dann entschieden, dass meine Frau umgebettet werden müsse, um ein CTG zu machen. Ich habe protestiert, da, meiner Meinung nach, ihr Kreislauf nicht in Ordnung war. Die Hebamme kam aber schon mit dem Rollstuhl. Als meine Frau dann aufgestanden ist, um sich auf den Rollstuhl zu setzen, hatte sie nochmal genauso gekrampft wie zu Hause. Allerdings war ich da schneller und konnte sie sofort auffangen.

Sie war sofort wieder ohnmächtig…lange Sekunden für mich und völliges Chaos in meinem Kopf. Die Hebamme schlug Alarm, der Arzt kam hereingestürzt, prüfte nochmals die Herztöne vom Baby: die waren massiv runtergegangen…jetzt hatte unser Zwerg richtig Stress.
Der Arzt hat kurz gesagt, dass jetzt ein sofortiger Notkaiserschnitt gemacht werden müsse. Das war Rückblickend die beste und eine rettende Entscheidung. Ich war in dem Moment seltsam ruhig und völlig sicher, dass das jetzt gemacht wird und dann alles gut wird. Trotzdem war ich natürlich überfordert, hilflos und alleine in der Situation. Normalerweise würden meine Frau und ich uns in so einer Situation anschauen, nicken und sagen „das wird schon“ und genau deswegen wird es auch immer – weil jeder den anderen überzeugt, Kraft spendet, Zweifel nimmt. Aber hier fehlte der Gegenpol.

Die Hebammen haben in dem Moment super reagiert. Während Philippa in den OP geschoben wurde, haben sie mich an die Hand genommen und mir nacheinander gezeigt, wo der OP ist, wo meine Frau liegt, wo das Baby dann nach der Geburt sofort zur Untersuchung kommt. Sie sagten mir, dass ich beim Notkaiserschnitt standardmäßig nicht dabei sein kann und auch erst nach 2-5 Minuten Untersuchung zum Baby darf.
Das hat beruhigt auf der einen Seite und trotzdem lief mein Hirn auf Hochtouren. Meine Frau liegt im OP und unser Kind kommt jetzt zur Welt. Wie geht es ihr? Wie geht es dem Kleinen? Gibt es weitere Komplikationen? Nach einer gefühlten Ewigkeit kam dann jemand mit dem Kleinen auf dem Arm aus dem OP und lief herüber in die Versorgungseinheit. Ich konnte einen Blick auf ihn werfen, habe aber außer einem blutigen Beinchen nicht viel gesehen. Vermutlich ganz gut so für meine Verfassung…

In der Zwischenzeit habe ich meine Eltern angerufen, um mich abzulenken und ihnen zu sagen, dass der Kleine jetzt kommt. Ich habe es aber in dem Moment nicht geschafft, die Situation einigermaßen korrekt in Worte zu fassen. Deswegen haben sich meine Eltern erstmal unglaublich gefreut, während ich etwas hilflos war. Nach einigen Versuchen habe ich es aber dann doch noch geschafft, die Situation einigermaßen zu erklären. Und dann, dann wurde ich auch schon rein gerufen zu unserem Baby. Völlig neue Situation.
Mir wurde ganz viel erzählt von dem ich nur noch einen Bruchteil weiß. Allerdings weiß ich, dass ich das schönste Geschöpf auf Erden gesehen habe. Mein Baby, unser Baby. Den kleinen Zwerg. Ein Hochgefühl wie ich es noch nie erlebt habe.
Gleichzeitig natürlich immer wieder der Gedanke zurück zu meiner Frau. Sie hat den Kleinen zur Welt gebracht und davon nichts mitbekommen. Sie liegt jetzt da und wird noch untersucht? Wie geht’s es ihr? Ist alles OK?

Der Gynäkologe ist dankenswerterweise schnellstmöglich zu mir gekommen und hat mir alle Informationen direkt gegeben. Der Notkaiserschnitt ist den Umständen entsprechend sehr gut verlaufen. Sie wird noch vernäht und versorgt und kommt dann schnellstmöglich auf die Intensivstation und muss weiter untersucht werden. Er sprach von grünem Fruchtwasser und, dass die Nabelschnur zweimal um den Hals gewickelt war. Aber am wichtigsten: Er hat gesagt, dass es Philippa gut geht und dass sie jetzt zwar auf die Intensivstation kommt, aber nicht mehr in Lebensgefahr ist.

Das „nicht mehr“ habe ich in dem Moment noch überhört, ist mir dann in der Folge aber immer deutlicher geworden. Bis zu dem Moment war mir noch nicht klar, was da überhaupt alles passiert ist.

Zurück zu unserem Baby! Der Kleine hatte Atemschwierigkeiten. Seine Lunge war natürlich noch nicht entfaltet, da die Geburt unter normalen Umständen wohl noch lange nicht gestartet wäre. Daher mussten sie ihn bei der Atmung unterstützen. Positiv war, dass sie ihn immerhin nicht vollständig beatmen mussten, sondern nur etwas Unterstützung notwendig war. Es war natürlich herzzerreißend ein so kleines Wesen mit 2 Schläuchen in der Nase, einem Zugang in der Hand usw. zu sehen.

Der Kinderarzt, die Hebammen und der Gynäkologe haben mir dann klare Ansagen gemacht: Denk nicht zu sehr an deine Frau jetzt. Die ist unter Narkose, bei den besten Ärzten und außer Lebensgefahr. Du kannst aktuell nichts für sie tun. Dein Baby braucht jetzt deine Hilfe. Es muss auf deine nackte Brust, es braucht Hautkontakt, um Kraft zu sammeln.

Gesagt, getan. Das hat mir auch etwas das schlechte Gewissen genommen, nicht bei meiner Frau sein zu können. Der Kleine ist dann mitsamt allen Schläuchen auf meine Brust gelegt worden. Das sah ganz schön martialisch aus, habe ich hinterher gesehen (ich habe die Hebamme gebeten ein Video für meine Frau zu machen). In dem Moment habe ich aber nur meinen Kleinen gesehen und wie hübsch er ist. Auf meiner Brust hat er minütlich besser geatmet und nach ca. 1 Stunde sagte der Kinderarzt dann „jetzt ist er über den Berg“. WAS? ÜBER DEN BERG? Ich hatte bisher nicht realisiert, dass es SO ernst ist…in dem Moment habe ich auch erst das „nicht mehr in Lebensgefahr“ über meine Frau realisiert; erst jetzt gemerkt, was alles auf dem Spiel stand. Rückblickend Gottseidank erst dann. Ich wäre mit dem Kopf vermutlich gar nicht hinterhergekommen und hätte nicht so ruhig gehandelt.
In dem Moment hat mich einfach alles überkommen und die Tränen sind nur so runtergelaufen. Ich war völlig fertig, aber glücklich.

Dann ist mir aufgefallen, dass ich an diesem Tag noch nichts gegessen oder getrunken hatte. Ich bin rein auf Adrenalin gelaufen. Als ich das gesagt hab, bin ich dann direkt mit Wasser und Muffins versorgt worden, damit ich nicht auch noch umkippe.

In der Zwischenzeit waren auch meine Schwägerin und Schwiegermutter angekommen. Die hatte ich auf der Fahrt ins Krankenhaus informiert, dass etwas passiert ist und wir ins Krankenhaus unterwegs seien. Die beiden sind dann sofort aus 60 km Entfernung losgefahren, um bei uns sein zu können - eine sehr gute Entscheidung. Auch meine zweite Schwägerin hat, als sie die Nachricht gehört hat, dass meiner Frau – ihrer kleinen Schwester - etwas passiert sei, aber noch unklar sei was, direkt alle Zelte abgebrochen und ist aus den Niederlanden zurück nach Köln gefahren. Wow – unglaublich, wie sich alle mobilisierten! Das war später noch sehr wichtig.

In der Erstaufnahmestation saß ich mit dem Kleinen noch bis 16 Uhr und hatte ihn auf der Brust. Alle Schläuche wurden dann entfernt und er wurde dick eingepackt in Handtücher und untersucht. Jetzt erst war er wirklich fit für die Welt, hat in die Weltgeschichte geschaut und sah unglaublich süß aus.
Dann sind wir beide mit der Hebamme zum Zählen, Messen, Wiegen gegangen. Er wog 3120g und war 52 cm groß. Hat sich immer mehr bewegt und es sah aus, als ob er mich wirklich angeschaut hätte. Ich war überglücklich. Es wurden dann ein paar Fotos gemacht und wir waren fertig. Jetzt ging es erstmal in einen Nebenraum im Kreißsaal, weiter Bonding nur für uns. Dorthin kamen dann auch meine Schwiegermutter und meine Schwägerinnen zum ersten Mal zu Besuch, nachdem sie viele Stunden bei meiner Frau verbracht hatten.

Das haben wir bis viertel vor 9 gemacht. Insgesamt also mehr als sieben Stunden. Das hat dem Kleinen sichtlich gutgetan und mir selbst auch.
Um kurz vor neun war dann „unser Zimmer“ auf der Wochenbettstation fertig. Wobei tatsächlich haben sie uns auf die Risikoschwangerenstation gesteckt, weil dort ein Einzelzimmer frei war und ich als einziger Mann (ohne Frau) auf der Station natürlich nicht in ein Doppelzimmer konnte. Dort angekommen wurde ich erstmal runtergeschickt auf die Wochenbettstation, um die U1 machen zu lassen.

Das war aufregend und wir haben das ganze Prozedere gefilmt, damit meine Frau auch teilhaben kann. Und dann ging es für mich los mit Flaschenmilch, „Stillen“, Wickeln, Kuscheln und von vorne.
Meine Schwiegerfamilie war noch bis spät abends da. Die Besuchszeiten wurden kurzerhand mit einem charmanten „der Kerl ist ohne Frau mit dem Baby alleine – er darf machen was er will….“ aufgehoben. Das war wirklich hilfreich, denn als Vater ohne die Mutter mit dem Baby ist man ganz schön allein zu zweit. Es ist auf der einen Seite ein tolles Gefühl: „Das ist Dein Sohn! Das ist der kleine Zwerg, auf den Du so lange gewartet hast. Aber halt, wo ist Deine Frau? Ihr habt zusammen gewartet, ihr habt das zusammen alles durchlebt und wollt jetzt zusammen den Moment genießen. Sie fehlt!“
Meine Schwiegermutter war noch bis 23 Uhr auf der Intensivstation, da meine Frau dann erst vom MRT zurückgekommen ist - immer noch unter Narkose. Meine Schwiegermutter hatte so aber alle Infos und eine wertvolle Telefonnummer: Die der Intensivstation, um meine Frau anzurufen, sobald sie wach wird.
Es wurde geplant, dass sie um 2 Uhr morgens wach werden sollte. Keine Ahnung, wer das so geplant hat, aber egal. Hauptsache, ihr geht es gut!

Ich mache es kurz: Diese Nacht habe ich kein Auge zugetan. Ich hatte ein Neugeborenes auf meiner Brust. Jeder einzelne Versuch ihn kurz abzulegen, hat zuverlässig zu zwei verschiedenen Ergebnissen geführt:
1. Baby schreit und will wieder auf den Arm
2. Und meistens: Vater denkt sich: „nee den muss ich jetzt wieder auf den Arm nehmen, den kann ich da jetzt nicht so liegen lassen“ ;-)

Und dann liegt er auf meiner Brust und schläft selig. Ab dem Moment geht in meinem Kopf nur eins vor: Bloß nicht kaputt machen! Du hast jetzt den Kleinen und solange ihn seine Mutter nicht gesehen hat, darf hier nichts kaputtgehen, kein Kratzer, nichts!!! Naja das hat nicht wirklich zur Erholung oder Entspannung beigetragen und so sind wir dann durch die Nacht gegangen.

Highlight war um 2 Uhr nachts ein Anruf auf der Intensivstation: „Ist meine Frau schon wach?“ – „Moment“
Sehr niedlich und grade aufgewacht, haben sie mir meine Frau ans Telefon geholt.
Philippa: „Wo bist Du?“
Ich: „Ich bin ganz in der Nähe mit Deinem Baby“
Philippa: „OK“.
Ihre Stimme zu hören, war toll und unglaublich wichtig. Auch wenn sie sich rückblickend nicht an dieses Telefonat erinnern kann und glaube ich auch noch nicht realisierte bzw. realisieren konnte, was ich ihr da sagte, so glaube ich doch, dass es einen positiven Einfluss hatte.

Am nächsten Morgen war meine Schwiegermutter ab 7 Uhr bei Philippa und ich durfte ab 10 Uhr dazu kommen. Ich war dann auch sofort da.
Wann darf der Kleine zu ihr? Das war noch ein etwas anstrengendes Hin und Her, da sich die unterschiedlichen Stationen nicht einig waren und jeder mir was anderes sagte.
Am Nachmittag waren wir dann auch auf die Station 1 – Neugeborene – verlegt worden. Die waren etwas entspannter und Team „pro Mama“. Auf ging es.

Bei all dem Schrecklichen, was passiert ist und wie unwahrscheinlich es alles war, bin ich unglaublich froh, dass „nur“ das passiert ist. Mutter und Kind sind wohlauf. Völlig unterschiedlich zu anderen Kindern hat der Kleine seine erste Bindung mit dem Papa bekommen und nicht bei der Mama. Wofür es gut sein wird, wir werden es sehen. Es wird auf jeden Fall nicht zu seinem Nachteil sein. Die Mama hat er zu 100% im ersten Moment des „Kennenlernens“ oder „Wiederfühlens“ ins Herz geschlossen.
Ich habe ihn auf die Brust seiner Mutter gelegt und er hat, obwohl vorher gemeckert, sich sofort an die Brust gekuschelt, dem Herzschlag scheinbar gelauscht und ist selig eingeschlafen. WOW!

Seine Mutter hat ihn auf den Kopf geküsst und war noch etwas skeptisch – „Oh ein Baby“. Sie hatte bis dato ja von alledem nichts mitbekommen. Nach 27 Stunden war das ihre erste Begegnung mit dem kleinen Wesen, das vorher ihren Bauch bewohnt hatte. Sie hat mir dann aber völlig rational erklärt, dass das wegen des Notkaiserschnitts jetzt einfach ein bisschen dauern wird und sie den Kleinen dann aber bestimmt total lieben wird. WOW – ich liebe es, wie diese Frau so wunderbar rational sein kann ;-).

Aber ihre Herzseite hat doch viel, viel schneller gesiegt. Am Mittwochmittag, weniger als 24 Stunden nach dem ersten Kennenlernen hat die Mama leise aber gut hörbar für mich „Ich liebe Dich“ zu dem Kleinen gesagt. Meine Frau hatte Tränen in den Augen, mir verschwamm der Blick schon wieder und es war so ein Moment, in dem klar war, „es wird“.

Philippa:
Damit ist der Geburtsbericht eigentlich auch zu Ende, bloß erklärt er noch nicht den Haarrissbruch oder die ausgekugelte Schulter. Dafür müssen wir noch zwei Tage weiter. Am Donnerstag durfte ich endlich die Intensivstation verlassen und wurde mit dem Krankentransport in die Frauenklinik gebracht. Ich hatte diese Woche meine Erwartungen an mich selber übertroffen. Die Erinnerungen, die ich habe, sind alle ziemlich positiv. Irgendwie schien mich das alles längst nicht so emotional mitzunehmen, wie ich das rückblickend erwartet hätte. Und Donnerstag war definitiv der beste Tag bisher, denn nun war ich wieder bei meinem Mann und unserem Kleinen. Jetzt durfte ich endlich Mama sein.

Die Nacht war unglaublich aufregend. Unser Zwerg lag dort zwischen uns. Er brauchte Körperkontakt und mein Mann schien nach 3 Nächten alleine mit ihm, schon der absolute Profi zu sein, während ich ehrfürchtig einfach auf dieses kleine Würmchen starrte.

Freitag war der Tag, der die ganze Geschichte ad absurdum geführt hat und der erste Tag, an dem meine „Wonder Woman“-Fassade zu bröckeln begann. Da nun die Eklampsie im Griff war, wurde heute die Aufmerksamkeit auf meine Schulter gelenkt, die nach wie vor leicht schmerzte und den Arm zu blockieren schien. Wieder wurde ich durch Sanitäter abgeholt, um zur Unfallchirurgie gebracht zu werden für eine Röntgenaufnahme. Nur um sicher zu gehen. Für mich fühlte es sich an, als wäre einfach ein Nerv eingeklemmt und ggfs. das ein oder andere Blutgefäß, da der Arm einfach nicht abschwellen wollte.
Aufnahmen gemacht und dann nach viel Warten ging es zum Arzt rein. „Schon mal vorher die Schulter ausgekugelt?“ Bitte was? Nicht deren Ernst. Irgendjemand verarscht mich doch - nach Strich und Faden oder aber das ist der längste böse Traum ever.

Ach, nein, aber damit nicht genug: ausgekugelt, Haarrissbruch und eine Gelenklippe gerissen. Es müssten noch mehr bildgebende Aufnahmen gemacht werden, um sicher zu sein. Dann müsste man mal schauen, ob eine OP noch notwendig ist. Erstmal 6 Wochen ruhigstellen und keine Belastung. Keine Belastung - sprich mein Baby nicht tragen, keine Windeln wechseln, keine Bewegungen weg vom Körper. Ob ich denn Rechtshänderin wäre - oh, ja, das wäre natürlich jetzt ungünstig.
Das sowas alles von einem so „lausigen“ Sturz von der Bettkannte passieren kann, hätte ich nie erwartet. Ich fand das alles gleichzeitig zum Lachen und zum Heulen. Das Einkugeln war dagegen ein Klacks. Mir wurde eine Narkose angeboten, aber ich wollte nicht schon wieder das Bewusstsein verlieren. Es tat überraschenderweise auch nicht weh – oder aber, es war noch genug Restnarkose und Schmerzmittel im System, dass ich davon einfach nichts gespürt habe.

6 Wochen muss ich nun eine Schlinge tragen. Keine Belastung, kein normaler Mama-Alltag. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass das emotional noch einfach zu verkraften war. Und auch die gutgemeinten Kommentare „6 Wochen sind nichts, den kleinen Zwerg hast Du jetzt ein Leben lang“ sind wenig hilfreich. An dem Tag liefen mir auch das erste Mal Tränen über das Gesicht, als ich zurück in unserem Zimmer war. Das ganze Ausmaß der letzten 5 Tage schien in einer Welle über mich hereinzubrechen.

Was das alles wett macht? Unser Zwerg. Er ist wunder-wunderschön, perfekt und unser kleines Wunder. Jedes Mal entdecke ich etwas Neues an ihm: etwas, was so eindeutig von meinem Mann ist oder von mir oder manchmal auch einfach etwas, was nur von ihm selber ist. Ihn im Schlaf zu beobachten, ist besser als jeder Ultraschall.
- so viele Gesichtsausdrücke, die über sein kleines, filigranes Gesicht huschen
- so ein unschuldiges Glucksen, das er von sich gibt im Traum
- diese perfekten kleinen Fingernägel,
- diese Mini-Füße
Ich bin jedes Mal verwundert, wie mein Mann und ich es sowas süßes und perfektes erschaffen haben; ergriffen, was die Natur für Wunder bereithält. Es ist einfach faszinierend, was aus zwei Zellen nach 9 Monaten entsteht.

Und auch wenn dieses Wunder unter Schreien zum Geiselnehmer mutiert und die Zweifel, ob man alles richtigmacht, schneller da sind, als man „Halt!“ rufen kann, bin ich so unglaublich dankbar, dass trotz all dem Pech dieser Woche, wir alle wohlbehalten da rausgekommen sind, dass ich das Privileg hab, seine Mama zu sein.

Und bevor es noch länger wird, belassen wir es hierbei.

Ganz liebe Grüße

Eure Philippa, ihrem fantastischen Ehemann und unserem kleinen Wunder



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Kommentare von Lesern:

Philippa, Köln22.07.2019 15:14

Liebe Jana, Rena, Emma und Sandra,

danke Euch für Eure lieben, lieben Worte - nicht nur in Bezug auf die Geburt unseres Sohnes, aber auch dass Euch die Berichte bzw. die Berichtsart gefallen hat. Ich habe sie erst sehr viel später gesehen, war aber sehr gerührt und sie haben ganz unerwartet nochmal eine Ladung Kraft gespendet. Vielen Dank.
Danke für Eure Glückwünsche und guten Besserungswünsche. Wir sind auf jeden Fall auf dem richtigen Weg. Und bevor ich mich aus dem Kreis der Schwangerschaftstagebücher verabschiede, werde ich auf jeden Fall auch nochmal über meine persönliche Verarbeitung der Ereignisse berichten.

Euch einen ganz lieben Gruß
Philippa

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Sandra26.06.2019 17:16

Liebe Philippa, auch von mir die herzlichsten Glückwünsche! Ich habe immernoch Tränen in den Augen und mir fehlen einfach die Worte dafür, was ich beim Lesen eures Berichtes empfunden habe...
Ich wünsche euch einfach nur das Allerbeste... Vor allem dir, dass alle inneren und äußeren Verletzungen gut verheilen.
Und auch ich habe deine Berichte sehr, sehr gerne gelesen...alles Gute für dich, deinen Mann und euren kleinen Sohn! Ihr seid ein tolles Team und du bist eine ganz tolle Mama!
Liebe Grüße

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Emma, Hamburg26.06.2019 09:57

Liebe Philippa,
erst einmal herzlichen Glückwunsch zur Geburt Eures Sohnes. Ich bin sehr glücklich, dass Ihr beide diese tragischen Tage offenbar ohne bleibende Schäden überstanden habt. Ich habe Deinen Bericht gestern schon gelesen aber mir fehlten die Worte. Ich hoffe sehr, dass Ihr gute Unterstützung habt, um die Geschehnisse zu verarbeiten. Jetzt heißt es Neustart für Euch und jetzt beginnt hoffentlich das entspannte Ankommen zu Hause.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Du mit etwas Abstand noch einmal berichtest, wie es Euch geht.
Viele liebe Grüße und gute Besserung für den Arm
Emma

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Rena, Neuss25.06.2019 16:09

Liebe Philippa,
erstmal wünsche ich dir und deinem Mann alle erdenklichen Glückwunsche zur Geburt eures kleinen Sohnes!

Der Bericht liest sich ja wie ein Krimi...ich bin froh, dass ihr am Ende alles gut überstanden habt.
Zum Glück war dein Mann bei dir als du von der Bettkante gefallen bist!

Viele liebe Grüße
Rena

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Jana, Raum Stuttgart25.06.2019 11:30

Liebe Philippa,

erstmal herzlichen Glückwunsch zur Geburt eures kleinen Sohnes! Ich wünsche euch eine schöne Kennlernzeit und alles, alles Gute!

Was für ein krasser Geburtsbericht! Ich musste beim Lesen mehrmals pausieren und das Ganze 'sacken lassen'. Mir fehlen wirklich die Worte. Ich wünsche euch alle Kraft, um das Geschehene zu verarbeiten.

Aber das Ganze ist für mich auch Anlass, dir mal einen Kommentar dazulassen (ich habe das immer mal überlegt, aber bislang nie gemacht) und dir zu sagen, wie außerordentlich gern ich deine Berichte gelesen habe. Ich mag deine sehr reflektierte, konstruktive und proaktive Art, die Dinge zu analysieren, neue Blickwinkel einzunehmen, Lösungen zu finden und umzusetzen. Das hat sich für mich wie ein roter Faden durch deine Berichte gezogen und war für mich sehr inspirierend. Danke dafür!

Vor diesem Hintergrund bin ich mir auch ganz sicher, dass der 'holprige' Start mit eurem kleinen Sohn euch auf lange Sicht nichts anhaben kann und ihr eine Möglichkeit findet, daran zu wachsen.

Alles, alles Gute für euch!

Jana


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