MENU

Vertrauen nach Fehlgeburt

Wie lässt sich nach einer Fehlgeburt wieder Vertrauen aufbauen, ohne den Verlust zu verdrängen? Im Interview erzählt Marion Glück, was ihr geholfen hat, sich erneut auf eine Schwangerschaft einzulassen und mit widersprüchlichen Gefühlen umzugehen.

In diesem Artikel:

GASTBEITRAG

Marion Glück

Marion GlückMarion Glück ist Mentorin für mentale Gesundheit, Selbstführung und emotionale Intelligenz.

Als Autorin und ehemalige Offizierin verbindet sie in ihren Büchern und Interviews persönliche Erfahrungen mit strukturierten Entscheidungs- und Reflexionsprozessen. Mit ihrer Arbeit unterstützt sie Menschen dabei, innere Stabilität zu entwickeln und auch in herausfordernden Lebensphasen handlungsfähig zu bleiben.

Besuche Marion gerne auf ihrer Homepage, dem Glücksuniversum.

 

Vertrauen nach Stiller Geburt Marion Glück

Das Buch "Priorität Nr. 1 nach der stillen Geburt " findest du hier.

 

Vertrauen nach Fehlgeburt

Nach einer stillen Geburt ist nichts mehr selbstverständlich. Vertrauen in den eigenen Körper, in das Leben und in eine erneute Schwangerschaft muss oft erst mühsam wieder wachsen. Viele betroffene Eltern erleben in dieser Zeit widersprüchliche Gefühle: Trauer und Hoffnung, Angst und Vorfreude, Rückzug und den Wunsch nach Verbindung.

Marion Glück hat diese Erfahrung selbst gemacht. Nach dem Verlust ihrer Tochter Loreley stand sie vor der Herausforderung, sich auf eine neue Schwangerschaft einzulassen, ohne das Erlebte zu verdrängen. In dieser sensiblen Phase wurde ihr deutlich, wie sehr Vertrauen ein Prozess ist, der Zeit, Übung und Selbstmitgefühl braucht.

In ihrem Buch „Vertrauen fassen nach der stillen Geburt“ beschreibt sie, wie es gelingen kann, nach einer stillen Geburt wieder in Kontakt mit dem eigenen Körper und dem Leben zu kommen und einen Weg zu finden, auf dem Trauer und Neubeginn nebeneinander existieren dürfen.

Im Interview spricht Marion darüber, was ihr geholfen hat, Vertrauen neu aufzubauen, wie sie mit Schuldgefühlen umgegangen ist und warum Verbindung wichtiger ist als Vergleich, wenn ein neues Leben beginnt.

 

Im Gespräch

 

Hallo Marion, nach der stillen Geburt und der Trauerarbeit beschreibst du in deinem neuen Buch einen nächsten, sehr sensiblen Schritt. Wie kam es dazu, dass du dieses Buch während deiner Schwangerschaft mit dem Regenbogenbaby geschrieben hast?

Während der Schwangerschaft habe ich angefangen, mir Notizen zu machen, weil ich gemerkt habe, dass das Vertrauen in mich selbst, in meinen Körper und in das Leben wiederzufinden Übung braucht. Schreiben konnte ich das Buch in dieser Zeit noch nicht, dafür war ich innerlich noch nicht so weit.

Schon während ich mein erstes Buch „Schwere Entscheidungen leicht treffen“ (LINK) geschrieben habe, wurde mir klar, dass ich die Trauerarbeit dort nicht unterbringen kann. Zuerst dachte ich, es müssen zwei Bücher werden. Dann kam dieser innere Impuls: Nein, es werden drei. Ich wollte auch darüber schreiben, wie es ist, nach diesem Verlust wieder schwanger zu sein und ein gesundes Kind zur Welt zu bringen.

Für dieses Kapitel meiner Lebensgeschichte wollte ich ein Happy End. Insofern habe ich mich auch gefreut, dieses Buch zu schreiben.

 

Was war für dich der schwierigste Moment: Vertrauen neu aufzubauen, ohne zu verdrängen?

Der schwierigste Moment war für mich, dass ich genau ein Jahr später wieder schwanger war. Ich habe ungefähr zur gleichen Zeit erfahren, dass ich schwanger bin, wie ein Jahr zuvor bei Loreley.

Die schwierigsten Momente waren dieses ständige Vergleichen „heute vor einem Jahr“.

Wie hat es sich damals angefühlt und wie fühlt es sich jetzt an? Dieses permanente Gegenüberstellen war sehr präsent. Gleichzeitig war mir wichtig, das nicht zu verdrängen, sondern anzuerkennen, dass es einen Grund hat, warum diese Vergleiche da sind. Da schwingt auch Angst mit. Das einzugestehen, war schwer.

Dieses Vertrauen neu aufzubauen – in mich selbst, in meinen Körper und in das Leben – und dabei die eigene Sensibilität und Zerbrechlichkeit nicht zu übergehen, sondern anzuerkennen, dass es auch schwache Momente gibt und dass die okay sind, war für mich die größte Herausforderung.

Regenbogenbaby Schwangerschaft

Wie kann man das neue Baby willkommen heißen, ohne das verstorbene Kind zu „ersetzen“?

Es ist wichtig zu wissen, dass man sich auf das neue Baby freuen darf. Es braucht von Anfang an die volle Liebe und die Gewissheit, dass es gewollt ist und da sein darf.

Gleichzeitig muss klar sein: Das bedeutet nicht, das verstorbene Kind zu ersetzen. Ein Kind, das man verloren hat, kann man nicht ersetzen – man kann es nur auf andere Weise in das eigene Leben integrieren. Diese innere Klarheit ist entscheidend. Erst wenn man wirklich verinnerlicht hat, dass nichts ersetzt wird, kann man sich zu 100 Prozent auf die neue Schwangerschaft einlassen.

Vertrauen in den eigenen Körper nach Fehlgeburt

Was hat dir dabei geholfen, wieder in deinen Körper und dein Leben zu vertrauen?

Mir hat vor allem die Spiritualität geholfen, wieder Vertrauen in meinen Körper zu finden. Ich habe einen Brief an meinen Körper geschrieben und mir bewusst gemacht, was wir gemeinsam schon alles durchgestanden haben. Dabei habe ich erkannt, wie hart ich lange mit mir gewesen bin und wie sehr ich meinen Körper dafür verurteilt habe, dass er nicht so funktioniert hat, wie ich es von ihm erwartet habe.

Das aufzuschreiben und darüber wieder Selbstannahme und Selbstliebe zu finden, war ein entscheidender Schritt.

Zusätzlich habe ich viele kleine Zeichen wahrgenommen – vom Universum, von Gott oder wie auch immer man es nennen möchte. In der Schwangerschaft mit Loreley lagen bei meiner Frauenärztin oft Vitaminpräparate auf dem Tisch, in der Folgeschwangerschaft dagegen Zeitschriften mit glücklichen Müttern. Diese kleinen Unterschiede haben mir geholfen, darauf zu vertrauen, dass diesmal alles gut werden wird.

 

Welche Rolle spielen Gefühle in deinem Buch – und warum ist es so wichtig, sie nicht zu bewerten?

Gefühle spielen in allen drei Büchern eine sehr große Rolle, weil sie sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise zeigen und weil die gesamte Gefühlspalette da ist.

Es ist nicht nur Freude und Angst da. Es ist auch Frustration, manchmal Wut, Hoffnungslosigkeit oder Hilflosigkeit dabei. All das ist da und all das darf auch da sein.

Der erste wichtige Punkt ist für mich, dass wir Gefühle sehr schnell bewerten, oder die Gesellschaft bewertet sie. Vor allem die unangenehmen Gefühle. Natürlich wollen wir uns am liebsten immer gut und fröhlich fühlen. Aber wir könnten diese Freude gar nicht so intensiv wahrnehmen, wenn wir die anderen Gefühle nicht auch kennen würden.

Der zweite Punkt ist: Gefühle sagen uns etwas, sonst wären sie nicht in uns angelegt. Gefühle zeigen uns, was uns fehlt oder wo wir genauer hinschauen dürfen. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man mit Gefühlen sehr viel arbeiten. Genau deshalb spielen sie in allen drei Büchern eine so große Rolle.

Schuldgefühle nach Fehlgeburt

 

Wie können Sterneneltern mit dem Thema Schuld umgehen – gerade beim Gedanken ans neue Kind?

Schuldgefühle sind bei vielen Sterneneltern sehr präsent, besonders bei Frauen. Gedanken wie „Vielleicht bin ich selbst schuld, weil …“ kommen schnell auf und lösen Schuld und Scham aus.

Die entscheidende Frage lautet dann: Was hilft mir und meinem Regenbogenbaby am meisten?

Und das beginnt bereits in dem Moment, in dem eine Frau erfährt, dass sie wieder schwanger ist. Es geht darum, ehrlich hinzuschauen, wie sehr man sich mit belastenden Gedanken unter Druck setzt und welchen Einfluss diese Gedanken auch körperlich haben.

An diesem Punkt wird klar: Es geht nicht um Schuld, sondern um Verantwortung.

Nicht darum, jemanden verantwortlich zu machen, sondern darum, Verantwortung für die eigenen Gedanken und für das neue Leben zu übernehmen.

Ich glaube, das ist der wichtigste Schritt im Umgang mit Schuld.


Unterstützung nach Fehlgeburt

Was können Angehörige oder Freund:innen tun, um in dieser sensiblen Phase wirklich zu helfen?

Ich glaube, das Wichtigste ist, sich einfach als Gesprächspartner anzubieten.
Zu fragen: „Kann ich dir etwas abnehmen? Magst du spazieren gehen? Was kann ich dir gerade Gutes tun?“

Auch ehrlich zu sagen: „Ich weiß gerade nicht, wie du dich fühlst.“
Und dann zuzuhören. Zu fragen: „Was brauchst du gerade von mir?“

Mir hat es sehr geholfen, vor Arztterminen mit einer Freundin zu telefonieren. Ich hatte einen festen inneren Kreis, mit dem ich meine Ängste teilen konnte, und wusste: Wenn es mir nicht gut geht, ist da jemand, den ich anrufen oder dem ich schreiben kann. Auch nach den Terminen.

Ich habe mich nie allein gefühlt. Ich wusste, da ist immer jemand für mich da – auch wenn niemand direkt neben mir sitzt.

Weitere artikel

Auf kidsgo findest du weitere Artikel zum Thema Sternenkinder und auch zu Orten der Erinnerung.

Hol dir Hilfe und Unterstützung. Viele Initiativen, die dich begleiten, findest du im gelben Kasten auf dieser Seite.

Weitere Interviews zu den anderen Büchern von Marion Glück findest du hier:
 

Schwere Entscheidungen leicht treffen 

Gerade bei Entscheidungen in der Schwangerschaft oder generell zu den Themen Familie, Kinder und Elternschaft geraten Frauen wie auch Männer immer wieder in Situationen, für die es keine einfachen Lösungen gibt und bei denen es unmöglich ist, allen Erwartungen gerecht zu werden.

 

Priorität Nr. 1 nach der stillen Geburt.

Der Verlust eines Kindes reißt einem den Boden unter den Füßen weg und verändert das ganze Leben. Die darauffolgende Trauer nach einer Fehlgeburt ist nichts, was man „hinter sich bringt“.

 

KINDERBUCH: "Mimi wird Weihnachtsmann"

Träume von Kindern sind ein wichtiger Teil ihrer Entwicklung. Wie Eltern sie stärken können,erzählt die Autorin durch Mimi, die Weihnachtsmann werden will.

 

"Das Leben ist BUND": Über Depression, Klinikaufenthalt und den Mut, Hilfe anzunehmen.

Wie tragen die Perspektiven der drei Begleiterinnen im Buch zur Vielfalt der Möglichkeiten bei?

Mir war es sehr wichtig, neben meiner eigenen Sicht auch andere Perspektiven einzubeziehen. Von Frauen, die selbst Sternenmütter sind und heute Sternenmütter professionell begleiten.

Jede der drei Begleiterinnen bringt einen eigenen Schwerpunkt mit: Vertrauen in die Folgeschwangerschaft, den Umgang mit Arbeit und Arbeitgeber nach dem Verlust oder die Vorbereitung auf Geburt und Neubeginn. Das sind Themen, die ich allein so nicht abdecken könnte.

Mir war wichtig zu zeigen, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt. Jede findet andere Worte, andere Zugänge und andere Übungen, die hilfreich sein können. Genau diese Vielfalt macht das Buch so wertvoll – weil sich jede Leserin das herausnehmen kann, was für sie gerade passt.

Sternenkind integrieren

Was bedeutet „Verbindung statt Vergleich“ in deinem Verständnis von Trauer und Neubeginn?

Wenn man sich darauf einlassen kann, entsteht das Gefühl, dass das Sternenkind mit dabei ist. Dass beide Kinder miteinander verbunden sind. Dass es okay ist, gleichzeitig zu trauern und mit dem Regenbogenbaby glücklich zu sein. Dass beides nebeneinander existieren darf.

Für uns zeigt sich diese Verbindung ganz konkret in einer kleinen Box, die wir im Krankenhaus bekommen haben. Darin waren zuerst die Erinnerungsstücke von Loreley. Heute liegen dort auch Erinnerungen aus der Babyzeit von Noah. Das verbindet die beiden Geschwister.

So nehmen wir das Sternenkind mit. Wir halten inne, erinnern uns und gleichzeitig geht das Leben weiter. Es ist kein Neubeginn im Sinne von alles auf null, sondern ein Weitergehen. Und es darf dabei auch wieder schön sein.

 

Wenn man dein Gesamtwerk betrachtet – was ist deine übergeordnete Botschaft an Mütter und Familien?

Wenn man sich die Trilogie anschaut, ist meine übergeordnete Botschaft: Das Leben verläuft in Wellen. Es gibt dunkle, schwere Phasen und es kommen wieder helle und schöne Momente.

Entscheidend ist, ob wir bereit sind, in den dunklen Phasen genauer hinzusehen und an uns selbst zu arbeiten. Niemand verlässt freiwillig seine Komfortzone, die ist gemütlich. Aber das Leben ist so angelegt, dass wir immer wieder Tiefschläge erleben. Aus meiner Sicht geht es darum, uns zu entwickeln und herauszufinden, wer wir wirklich sein können.

Für mich war Schreiben der Weg, damit umzugehen. Meine Gedanken zu Papier zu bringen und daraus etwas zu machen, das auch anderen helfen kann. Das fühlt sich rückblickend wie mein Auftrag an.

Es gibt diesen Satz „Auch aus Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.“ Das Leben hat eine ganze Palette zu bieten und wir können die Sonnenseite nur wahrnehmen, wenn wir auch den Schatten kennen. Ich habe das Beste aus der dunklen Phase meines Lebens gemacht. Genauso verstehe ich mein Gesamtwerk.

 

Liebe Marion, wir danken dir ganz herzlich für das Gespräch und für deine wunderbare Arbeit, mit der du so viele Menschen stärkst. Ich freue mich schon auf die weiteren Gespräche mit dir.