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Einseitiger Kinderwunsch: Was, wenn sich ein Partner sehnlichst ein Kind wünscht, der andere aber nicht? Eine Psychologe antwortet.

Ein einseitiger Kinderwunsch kann Beziehungen stark belasten. Paartherapeut Hans-Georg Lauer gibt Tipps, wie Paare mit der Situation umgehen sollten und erklärt, was die Gründe für einen nicht vorhandenen Kinderwunsch sein können.

In diesem Artikel:

Unser Experte

Paartherapeut Hans-Georg Lauer

Bild: privat




Hans-Georg Lauer
ist Psychologe und arbeitet als Paarberater, Paartherapeut und Coach in Köln und Bonn. 

 

Streit wegen Kinderwunsch? 

kidsgo: Herr Lauer, Sie betreiben eine Praxis als Paartherapeut. Wie oft kommt es vor, dass Paare sich wegen eines einseitigen Kinderwunsches streiten?

Hans-Georg Lauer: Es ist bei weitem nicht das häufigste Beziehungsproblem. Wenn es aber einen einseitigen Kinderwunsch gibt, dann ist das Konfliktpotenzial nicht zu unterschätzen. So etwas kann erhebliche Spannungen in einer Beziehung auslösen. Das liegt daran, dass in der Regel beide Seiten bei diesem Thema sehr stark emotional involviert sind. Da kann es schnell zu Verwerfungen kommen.


Wie ist Ihre Erfahrung: Kommt ein einseitiger Kinderwunsch in Beziehungen öfter bei Frauen oder bei Männern vor?

Hans-Georg Lauer: Ich kann nur für meine Erfahrungen hier in der Praxis sprechen, die ja nicht repräsentativ sein müssen. Aber unter den Paaren, die ich berate, ist es in etwa ausgeglichen. Bei manchen Frauen ist der Kinderwunsch sehr stark ausgeprägt. Es gibt aber auch oft den umgekehrten Fall, dass da ein starkes Bedürfnis auf Seiten des Mannes ist und sich die Frau kein Kind wünscht. Es gibt genauso Männer, die sagen: „Ein Kind, das  wäre für mich das größte Glück.”

Entscheidung gegen Familiengründung liegt oft in der Biografie

Was sind die Gründe, weshalb jemand kein Kind will? Gibt es da bei Frauen und Männern Unterschiede?

Hans-Georg Lauer: Da ist zum einen die Sorge vor dem Verlust von Autonomie und Unabhängigkeit. Oft spielt hier die eigene Biografie eine wichtige Rolle. Viele Frauen haben zum Beispiel gesehen, dass die eigene Mutter unzufrieden war wegen des unerfüllten Lebenswunsches, sich beruflich zu verwirklichen. Und weil ihre Bedürfnisse immer nachgeordnet waren.
Männer stellen sich eher die Frage, wie sie mit der Verantwortung umgehen sollen. Da ist oft die Sorge, dem Ganzen nicht gewachsen zu sein und keinen Zugang zur Vaterrolle zu finden.


Gibt es auch Partner, die aus Sorge um die Beziehung keine Kinder wollen?

Hans-Georg Lauer: Das gibt es auch, dass einer der Partner sagt: Uns geht es doch gerade so gut. Dass er oder sie in der Partnerschaft eine große Erfüllung findet und deshalb vor den Kinderplänen zurückschreckt, weil sie einen so großen Eingriff in die Lebensumstände bedeuten.

 Es gibt da auch die Angst, von seinem Partner zu funktionell gesehen zu werden. Manche fragen sich: Bin ich nicht liebenswert genug für den anderen, wenn ich keine Familie mit ihm gründen möchte? Diese Gefahr besteht vor allem bei Menschen, die nicht so stabil sind und vielleicht ohnehin ein vermindertes Selbstwertgefühl haben.

 

Und umgekehrt: Gibt es auch die Sorge, dass der Partner einen nicht genug liebt, um gemeinsam Kinder zu bekommen?

Hans-Georg Lauer: Das reden sich vielleicht manche ein, wenn sie sich ohnehin schon auf dem Rückzug aus der Beziehung befinden. Wenn Paare hier bei mir miteinander sprechen, wird ihnen aber meist schnell klar, dass es dabei um ganz andere Sachen als die fehlende Zuneigung für den Partner geht. Theoretisch können sie dann die Gründe meist auch nachvollziehen. Es fällt den meisten aber schwer, wirklich zu verstehen, was emotional in demjenigen ohne Kinderwunsch vorgeht.

Bei einseitigem Kinderwunsch miteinander reden

Wie kann denn nun eine Lösung aussehen? Wie arbeiten Sie mit den Paaren?

Hans-Georg Lauer: Grundsätzlich geht es wie bei so vielen Paarkonflikten erst einmal darum, miteinander zu reden und sich nicht etwa aus Enttäuschung vom Partner abzuwenden. Das hört sich einfach an, ist aber leider nicht die Regel. Ich erlebe äußerst selten, dass es Paaren gelingt, offen und intensiv über dieses Thema zu sprechen, ohne dass sie jemand dabei begleitet.

Wenn es nur um den richtigen Zeitpunkt für das Kinderkriegen geht, kann es auch helfen, praktische Lösungen durchzuspielen und über konkrete Pläne zu sprechen. Welche Ziele verfolgen beide bei der Arbeit und der Karriereplanung? Würden sie als Eltern Vollzeit oder Teilzeit arbeiten? Wichtig ist, Ziele zu präzisieren und sich über die Erwartungen und Vorstellungen auszutauschen. Auch als derjenige mit dem Kinderwunsch sollte ich mich außerdem fragen, was genau dahintersteckt: Will ich mich durch ein Kind komplett fühlen, habe ich den Wunsch, einem anderen Menschen etwas beizubringen oder will ich vielleicht meine Beziehung damit retten?

Kinderwunsch-Thema eine Zeitlang loslassen

Welche Tipps haben Sie noch für die betroffenen Paare? 

Hans-Georg Lauer: Ich rate dazu, den Austausch mit der Peergroup zu suchen, also mit anderen Paaren mit Kindern oder Kinderwunsch zu sprechen. Außerdem sollte man immer mal wieder Kinder von Freunden oder Verwandten übernehmen. Bei Konflikten wegen des einseitigen Kinderwunsches ist es oft auch eine gute Idee, das Thema mal für einen fest verabredeten Zeitraum zur Seite zu legen und drei, vier oder fünf Monate gar nicht darüber zu sprechen. Das kann dabei helfen, festgefahrene Sichtweisen einmal loszulassen.

 Liebe, Geduld, Zeit ... Manchmal kommt der Kinderwunsch dann doch

Aber was,  wenn es um mehr als einen unterschiedlichen Zeitplan geht und die Differenzen nicht überbrückbar erscheinen? 

Hans-Georg Lauer: Keiner sollte sich beim Thema Kinderwunsch überstimmen lassen und keiner sollte entgegen seiner Intuition handeln. Das gilt in beide Richtungen: Für den, der keine Kinder will und für den Partner, der unbedingt welche möchte. Das heißt nicht, dass sich die Dinge nicht auch ändern können. Es ist möglich, dass jemand eines Tages seine Haltung überdenkt. Das braucht aber sehr viel Liebe und Geduld auf Seiten des Partners und vor allem auch Zeit, in der Regel mehrere Jahre.

 Zum Teil begegne ich Paaren, bei denen es Konflikte wegen des Kinderwunsches gab, Jahre später wieder. Da erlebe ich oft, dass jemand es nicht verzeihen kann, in diesem Punkt überredet worden zu sein. Es ist eine so große Entscheidung – wenn man sie gegen die eigenen Gefühle und die eigene Intuition trifft hat das meist Konsequenzen

Und wann ist Trennung die letzte Lösung?

Bleibt also nur die Trennung, wenn man sich nicht einigen kann?

Hans-Georg Lauer: Falls sich keine Lösung findet, wird das in den meisten Fällen wohl nicht zu einer bewussten Trennungsentscheidung führen. Wenn die Streitigkeiten und das Gefühl der Enttäuschung weiter fortbestehen, kommt es über kurz oder lang aber oft doch noch dazu.


Kommt es auch vor, dass sich jemand jahrelang über den Kinderwunsch seines Partners getäuscht hat?

Hans-Georg Lauer: Ja, das gibt es. Da lässt sich jemand vielleicht im Überschwang der Verliebtheit dazu hinreißen, zu sagen: Klar will ich irgendwann Kinder. Aber nur, weil er weiß, dass der andere sich das wünscht. Das kann später zu Problemen führen, denn daran wird sich der Partner später noch sehr gut erinnern.

Herr Lauer, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Kinderwunsch-ABC: Übersicht und PDF-Download

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