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Binationale Ehen – Wie Partnerschaft gelingt

Liebe ohne Grenzen: Wenn Partner aus unterschiedlichen Kulturen kommen, stoßen zwei Lebenswelten aufeinander. Wie gehen binationale Paare damit um?

In diesem Artikel:

Zündstoff in gemischten Ehen

Emma oder Annegret? Louis oder Gustav? Die Qual der Namenswahl haben alle Elternpaare. Doch für Paare, die aus unterschiedlichen Ländern kommen, ist das nur eine der ganz besonderen Herausforderungen. Noch mehr Gesprächsbedarf, und vielleicht auch Zündstoff, bergen die Fragen, wo und wie das Kind geboren wird, welche Sprache es erlernen soll, welche Traditionen die Familie pflegen wird, wie sehr sich die Schwiegereltern einmischen dürfen, welche Religion gelebt wird und, und, und ... – natürlich wie Eltern ihre Kinder erziehen. Damit müssen sich alle Mütter und Väter, egal welcher Herkunft, auseinandersetzen.

Der Name: nicht nur Schall und Rauch

Zurück zur Namensgebung: Natürlich, der Name soll nicht nur beiden gefallen, sondern auch in beiden Kulturen akzeptabel und aussprechbar sein. In unserem Fall als deutsch-amerikanisches Paar bedeutete dies tatsächlich, dass ein internationales Testpublikum aus unserem Freundeskreis herhalten musste. Das Ergebnis: Alles mit „Ti Äitsch“ geht schon mal nicht: „Dann nennen Deutsche euren Sohn nicht ‚Kieth‘, sondern ‚Kies‘“, gaben unsere Freunde zu bedenken. Namen mit einem ‚ch’ kamen ebenfalls nicht Frage: „Ich kann meinen Eltern in den USA nicht zumuten, zur Logopädie zu gehen, damit sie ‚Friedrich‘ aussprechen können“, argumentierte mein Mann. Das war nur der Anfang: Was mein Mann cool fand, erinnerte mich an Problemkinder aus RTL2-Shows. „Nein, ‚Justyn‘ ist nichts anderes als ‚Justin‘ – das ist alles irgendwie ‚Kevin‘“, war mein Einwand. Allen Überlegungen und Auseinandersetzungen zum Trotz hatte das Kind nach neun Monaten dann doch noch pünktlich einen Namen, den alle – das Kind mit inbegriffen – aussprechen können.

Bei den Erziehungsfragen gewinne ich!

Marcela Testart Soto und Grant Scruggs wiederum kommen in punkto Tischmanieren einfach nicht auf einen Nenner. Wenn Mama Marcela mit ihrem Mann und ihren Kindern Blanca und Micco am Tisch sitzt, muss sie sich häufig auf die Lippen beißen. Der Nachwuchs weiß sich zu benehmen, aber beim Papa hapert es doch ziemlich.

Wer mit wem?

Deutsche Frauen beweisen Beständigkeit: Die ersten sechs Ränge in den Top Ten ihrer ausländischen Ehepartner haben sich laut dem Verband binationaler Familien und Partnerschaften von 2012 bis 2014 nicht geändert. Auf Platz Eins rangieren türkische Ehegatten, gefolgt von Partnern aus Italien, USA, Österreich, Großbritannien und Niederlande. Deutsche Männer hingegen bevorzugen zwar in erster Linie türkische Frauen, allerdings in wechselnder Rangfolge. Beliebt sind auch Ehen mit Polinnen, Russinnen, Ukrainerinnen und Thailänderinnen.

(Quelle: Statistisches Bundesamt)

Zumindest aus ihrer Sicht: „Schon allein die Haltung der Gabel nervt mich. Und ich lege Wert darauf, dass der linke Arm auf dem Tisch liegen bleibt.“ Während das Thema Tischsitten in den USA – Grant Scruggs stammt aus New York – offenbar lax gehandhabt wird, spielt die Sicherheitsfrage eine umso größere Rolle. Es war ein langer Weg, bis Marcela – die chilenische Wurzeln hat – es durchsetzen konnte, dass die Tochter den Schulweg ohne Begleitung zur Schule gehen oder einfach mal alleine draußen spielen durfte, weil das väterliche Vertrauen in die Außenwelt eher gering ist. „Ich weiß nicht, ob es typisch amerikanisch ist oder nur von seiner Mutter vorgelebt wurde, aber es fällt auf. Außerdem ist mein Mann grundsätzlich strenger und leistungsorientierter.“ Ernste Konflikte gibt es deswegen aber nicht in dieser deutsch-amerikanischen Familie. „Bei den Erziehungsfragen gewinne immer ich“, sagt Marcela Testart Soto und lacht.

Was bedeutet Familie?

Bei Sebnem Mercan und ihrem Partner Alexander Baß verläuft der Alltag mit dem zweijährigen Töchterchen in der Regel diskussionsfrei. „Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mir auch vorher keinerlei Gedanken über kulturelle Unterschiede gemacht habe“, sagt die Türkin. Und welchen Einfluss haben ihre Herkunftsfamilie und die ihres Mannes? „Es wurde nur von beiden Seiten gefragt, ob ich stille, denn das erachten beide als richtig und wichtig. Ich bin mir aber sicher, unsere Familien würden sich mehr einmischen, wenn wir nicht so selbstsicher auftreten würden.“

Die Religionsfrage behandeln sie bewusst offen. „Alexander ist Atheist und ich bin Muslima – allerdings keine, die ihre Religion so richtig lebt. Uns ist wichtiger, dass unsere Tochter Liebe, Anstand, Moral, Gewissen, Fairness, Mitgefühl und ein Gerechtigkeitsempfinden mit auf den Weg bekommt, als dass sie sich an einer Religion orientiert. Sie darf und soll zu allem Zugang bekommen, aber sie wird nicht religiös erzogen, darauf haben wir uns verständigt.“

Durch das gemeinsame Kind mit Sebnem hat Alexander unerwartet eine andere Perspektive gewonnen. „Für mich persönlich hat sich ganz besonders der Blick auf ‚Familie‘ geändert. Zwar habe ich mehr Kontakt zu meiner Familie als Sebi zu ihrer, dennoch spüre ich, dass bei ihr die Familie einen deutlich höheren Stellenwert hat. Ich bin permanent dabei, das zu überdenken und zum Positiven hin zu ändern, so dass Familie für mich einen ähnlichen Status bekommt. Das ist eine schöne Nebenwirkung.“

Probleme nicht "kulturalisieren"

Agata Seipp stammt aus Polen. Sie lebt aber schon so lange in Deutschland, dass sie deutsche Gepflogenheiten übernommen hat. So gehen in Polen Kinder mit 15 Monaten aufs Töpfchen, ihr eigener Sohn hingegen durfte mit drei Jahren in der Kita noch Windeln tragen. Bei ihrem Mann Tobias habe vor allem der Umstand, dass viele polnische Kinder ihre Eltern nicht duzen, sondern aus Respektgründen in der 3. Person ansprechen, für Unverständnis gesorgt. Ihre beiden Söhne müssen dies selbstverständlich nicht befolgen.

Für Jeannette Ersoy ist es nicht überraschend, dass die kulturellen Gegensätze – entgegen der landläufigen Meinung – keinen erhöhten Zündstoff bergen. Als Sprecherin des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften in Frankfurt weiß sie, dass ganz viele genau die gleichen Konflikte wie „biodeutsche Paare“ haben. „Da geht es um klassische Rollenverteilungen, die nach der Geburt eines Kindes plötzlich bestehen. Da geht es um Eigenheiten der beiden Partner, die belasten. Ganz oft wird bei binationalen Paaren der Fehler gemacht, dass man Probleme „kulturalisiert“. Das liefert natürlich sowohl dem Paar als auch der Öffentlichkeit schnelle Antworten. Aber so einfach ist es oft nicht. Daher arbeiten unsere Paartherapeuten sehr intensiv und kultursensibel mit den Ratsuchenden.“

Konflikte kommen meist von außen

Natürlich treten Probleme aber auch durch äußere Umstände auf: „Bei Schwarz-Weißen-Paaren beispielsweise können rassistische Diskriminierungen des Partners, aber auch der Kinder sehr belastend sein. Viele Paare stärken sich gegenseitig, aber manchmal wird der äußere Konflikt zur Zerreißprobe.“

Wo finden Paare Rat?

Der Verband binationaler Familien und Partnerschaften arbeitet bundesweit als Interessenvertretung binationaler und zunehmend auch multinationaler Familien. Er berät seit über vierzig Jahren Familien und Paare sowie Vertreter der Sozial- und Bildungspolitik. Das Verbandsanliegen ist es, das interkulturelle Zusammenleben in Deutschland gleichberechtigt und zukunftsweisend zu gestalten.

www.verband-binationaler.de

Belastende Auswirkungen auf die Familie können auch die Arbeitsmarktbedingungen haben, wenn der ausländische Partner im Gegensatz zum gutverdienenden deutschen Partner trotz Qualifikation keinen adäquaten Job findet. Religiöse Probleme hingegen seien oft kein Thema, weiß Jeannette Ersoy. „Zumindest nicht bei unseren Mitgliedern oder Ratsuchenden. Sehr konservative oder orthodoxe Gläubige suchen in der Regel Gleichgläubige.

Aber natürlich gibt es auch die Fälle, wo es plötzlich darum geht, zwei Religionen gleichberechtigt wertzuschätzen. Das kann dann konkret bedeuten: Das Kind wird nicht getauft, sondern lernt die jeweilige Religion vom entsprechenden Elternteil kennen und entscheidet sich später gegebenenfalls für eine davon. Das verlangt von den Paaren oft auch eine Ambiguitätstoleranz – also Dinge auszuhalten, die anders sind als das, was sich der Einzelne vielleicht wünschen würde.“ Gelingt dies, sind binationale Familien ein Vorbild: „Sie leben im Kleinen oft das erfolgreich, was wir in unserer Gesellschaft sehr gut gebrauchen können: eine Offenheit, ein Aushalten, ein Aushandeln und gemeinsam etwas Neues schaffen.“

Übrigens: Kulturell bedingte Konflikte gibt es in unserer deutsch-amerikanischen Ehe kaum, wenngleich die mütterliche europäische Bodenständigkeit mitunter vom amerikanischen Teil der Familie belächelt wird. Die Organisation der Feiertagstraditionen indes ist eine Herausforderung:  Thanksgiving wird gefeiert, bevor es zum ersten Mal auf den Weihnachtsmarkt geht, das Christkind kann nur in Abstimmung mit Santa Clause kommen. Und dann stellt sich noch die Frage: Ist Halloween eigentlich cooler als Fastnacht?

Expertin

Paartherapeutin Doris Rose

Bild: privat

Paartherapeutin Doris Rose hat ihre Praxis für Paarberatung und Paartherapie in Wiesbaden. Weitere Informationen unter www.paartherapie-wiesbaden.de.

Interview: Für Neues offen und tolerant sein

Paartherapeutin Doris Rose aus Wiesbaden erklärt, wie man kulturelle Fallstricke umgeht.

kidsgo: Was raten Sie binationalen Paaren, die ein Baby erwarten?

Binationale Eltern sollten sich bereits während der Schwangerschaft konkrete Gedanken zu den Kern-Erziehungsfragen machen. Auch, ob jeder in seiner Muttersprache mit dem Kind kommuniziert – und dabei bitte selbst offen sein für die Sprache des anderen! Außerdem ist es hilfreich, sich vorab klar darüber zu werden, welche kulturellen Werte an das Kind weitergegeben und welche Traditionen gepflegt werden sollen.

Kaum ist das Baby geboren, führen kulturelle Unterschiede, die als Paar nie gestört haben, zu Streit. Woran liegt das?

Ein Baby bedeutet für jede Partnerschaft Konfliktpotenzial, auch wenn die Eltern aus demselben Kulturkreis stammen. Bikulturelle Paare haben zusätzliche Themen, die sie bewältigen müssen.  Zuallererst das Gefühl, quasi allein da zu stehen: Die junge Mutter ist direkt nach der Geburt sehr schutzbedürftig und fühlt sich sehr wahrscheinlich im fremden Kulturkreis eher alleine gelassen und unverstanden. Auch der junge Vater vermisst sicherlich die Unterstützung seiner Herkunftsfamilie.

Auf beiden Seiten erfordert die Situation viel Rücksicht und Einfühlungsvermögen – das gilt auch für die folgenden Jahre. Die Offenheit gegenüber der fremden Kultur ohne polarisierende Verallgemeinerungen ist dabei essenziell. Auch wenn Erziehungsfragen mitunter sehr emotional diskutiert werden, sollten die Partner in jeden Fall auf gegenseitige Herabsetzungen in Bezug auf kulturelle, familiäre und religiöse Unterschiede verzichten. Kompromissbereitschaft und Toleranz sind das A und O für eine gute Beziehung.

Was ist ein Tabu im Miteinander?

Vieles braucht bei binationalen Paaren mehr Zeit, weil sie auf mehr Gebieten zusammenwachsen müssen als Paare aus demselben Kulturkreis. Auch wenn Erziehungsfragen mitunter sehr emotional diskutiert werden, sollte man in jeden Fall auf gegenseitige Herabsetzungen unter Bezug auf kulturelle, familiäre und religiöse Unterschiede verzichten. Denn ohne Kompromissbereitschaft und Toleranz geht es langfristig nicht.

Frau Rose, vielen Dank für das Gespräch!

Buchtipps

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