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Entwicklung - Wie Babys lernen

Sie sind neugierig und vielseitig interessiert: Babys sind echte Lernwunder und legen mit der Entwicklung in der Lernphase ein strammes Tempo vor. Bald haben sie alles im Griff. kidsgo zeigt, wie Babys sich entwickeln.

In diesem Artikel:

Wie Babys lernen - Genies in Windeln

Marie staunt Bauklötze. Söhnchen Paul, elf Monate, stapelt mal wieder seine Holzwürfel aufeinander. Doch diesmal macht er es anders als sonst. Der Größe nach sortiert – die dicken unten, die schmaleren oben – wächst der Turm in die Höhe, bis alle sechs Klötzchen stehen. Zum ersten Mal. „Super!“ strahlt Marie. Und Paul klatscht vor Begeisterung: „Da, da!“

Köpfchen, Köpfchen

Das Gehirn eines Neugeborenen enthält rund 100 Milliarden fertig angelegte Nervenzellen, die aber erst sinnvoll vernetzt werden müssen. Das geschieht durch Impulse von außen – Reize, die das Baby über Augen, Ohren und Haut bekommt. Durch stetige Wiederkehr dieser Reize – etwa das warme Wasser beim Baden – entstehen im Gehirn allmählich dauerhafte Schaltkreise: Das Baby lernt.

Ein Riesenschritt. Paul hat soeben das Prinzip von Ursache und Wirkung erkannt. Das bedeutet, er kann jetzt abstrakt denken. In seinem Gehirn haben sich etliche der Milliarden unverknüpfter Nervenzellen, mit denen er auf die Welt kam, zu einem neuen Schaltkreis „verdrahtet“. Einfacher ausgedrückt: Paul ist klüger geworden.

Babys lernen von Geburt an. Innerhalb eines Jahres wird aus dem hilflosen Menschlein auf dem Wickeltisch eine kleine Persönlichkeit, die auf eigenen, wenn auch noch ein wenig wackeligen Beinen steht. Und die die Neugier voran treibt. „Jede neue Entdeckung, jede neue Fähigkeit löst im Gehirn von Kindern einen Sturm der Begeisterung aus“, erklärt der Neurobiologe Prof. Gerald Hüther von der Universität Göttingen. „Diese Begeisterung über sich selbst und über all das, was es noch zu entdecken gibt, ist der wichtigste „Treibstoff“ für die weitere Hirnentwicklung.“ Denn dabei werden Botenstoffe freigesetzt, die die Verschaltung der Nervenzellen bewirken.

Körperkontrolle und Beweglichkeit entwickeln

Pauls neugeborene Schwester fängt gerade erst an. Leonie kann noch keine dreißig Zentimeter weit sehen. Doch das reicht, um beim Stillen das Gesicht von Marie zu erkennen. Auch Leonie lernt. Sie sieht Maries liebevolle Augen, hört ihre leise Stimme, spürt ihre warme Haut. Schreit Leonie mal, ist dieses Gesicht sofort da. Und Leonie begreift: „Hier werde ich ernst genommen, hier bin ich sicher“ – der Grundstein für emotionale Stabilität, Voraussetzung für erfolgreiches Lernen.

Schritt für Schritt

Babys entwickeln sich individuell unterschiedlich. Besonders im motorischen und sprachlichen Bereich gibt es Frühstarter und Spätzünder. Die einen laufen früher, die anderen sprechen später. Das ist keine Frage der Intelligenz. Lass deinem Kind die Zeit, die es braucht! Vergleiche nicht angstvoll seine Fortschritte mit denen anderer Kinder. Zuwendung und Wärme sind immer noch die besten Entwicklungshelfer.

Wie alle Babys hat Leonie von Geburt an einen Greif-Reflex – noch aus der Zeit, als die Säuglinge unserer Vorfahren sich ans Fell der Mutter klammerten. Hält man ihr einen Finger hin, greift sie zu. Das ist ein Anfang. Jetzt muss Leonie Körperkontrolle und Beweglichkeit entwickeln – etwa um einen Gegenstand aufzunehmen und festzuhalten. Oder ihren Kopf in der Bauchlage zu heben oder sich drehen zu können. Recht gut klappt das schon mit ihren jetzt drei Monaten. „Leonie, schau!“ ruft Marie – schon dreht sich der kleine Kopf wie ein Folge-Radar. Nur nichts verpassen!

Auf einmal geht es ganz schnell!

Immer mehr interessiert Leonie sich jetzt für ihr Umfeld. Kein Wunder: Sie kann jetzt schon weiter entfernte Dinge sehen. Und so eine verlässliche Beziehung zu Mama und Papa aufbauen, deren Schutz, Nähe und Zuwendung sie braucht. Dafür studiert Leonie ihre Mimik. Nichts Interessanteres gibt es jetzt als die Gesichter von Mama und Papa! Lächelt Marie, lächelt Leonie zurück – und umgekehrt. Leonie kräht vor Vergnügen. Prima, wie das funktioniert! So also läuft soziale Interaktion! Und die Nervenzellen in ihrem Gehirn verschalten sich munter weiter.

Greifen und in den Mund nehmen

Bald beginnt Leonie, alles, was sie zu fassen bekommt, in den Mund zu stecken. Lippen und Zunge forschen ausgiebig: Wie groß ist das, wie schmeckt es, ist es glatt oder rau, rund oder kantig? Jeder Aha-Effekt macht sie ein bisschen klüger. Mit sieben bis zehn Monaten krabbelt sie auf dem Boden wie ein Blitz. Kein Zimmer im kleinen Reihenhaus der Familie in Stuttgart ist vor ihr sicher. Marie und Papa Markus möchte sie in dieser Phase wieder verstärkt in ihrer Nähe haben, um sich rückversichern zu können. „Wichtig ist für Kinder jetzt die Erfahrung, dass sie sich auf die Nähe und Fürsorge ihrer Eltern verlassen können, und die sie gleichzeitig zu ihren Entdeckungen und Beschäftigungen ermutigen“, weiß Katharina Salice-Stephan von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. So entwickelt Leonie allmählich ein Gefühl von Tüchtigkeit und Selbstbestimmung.

Fremdeln: Nur wer Furcht kennt, kann Mut entwickeln

Paul ist inzwischen nicht untätig geblieben. Mit elf Monaten kann er bereits einfache Aufforderungen verstehen, „Auf Wiedersehen“ winken oder den Kopf verneinend schütteln. „,Nein, nein´ kann er auch schon sagen, wenn ihm der Brei zuviel wird“, berichtet Marie stolz. Jetzt beginnt er auch zu erkennen, worauf Marie und Markus fröhlich, warnend oder ängstlich reagieren und orientiert sich zunehmend daran. Reagieren sie ängstlich, tut er dasselbe; schauen Sie fröhlich, blickt er vergnügt in die Welt.

Manchmal auch nicht. Seit einigen Monaten „fremdelt“ er: In seinem Gehirn verschalten sich linke und rechte Gehirnhälfte. In der einen ist das Denken verankert, in der anderen emotionale Fähigkeiten. Resultat: Paul kann nun zwischen bekannten und fremden Menschen unterscheiden – und entsprechend Furcht entwickeln. „Spricht ihn jetzt eine Nachbarin im Supermarkt an, geht er schon mal hinter meinen Beinen in Deckung“, berichtet Marie. Dieser Schutzmechanismus hilft ihm zukünftig, unbekannte Dinge und Situationen komplex zu bewerten. Und formt seinen Charakter: Nur wer Furcht kennt, kann Mut entwickeln.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag: Zwischen 10 und 15 Monaten zieht Paul sich schon selbstständig in den Stand hoch und kann an Möbeln entlang gehen. Nicht lange, und er wird die ersten eigenen Schritte ohne Hilfe machen, Richtung Unabhängigkeit. Und mit ungefähr anderthalb bis zwei Jahren seinen ersten Satz sprechen. Auf schwäbisch natürlich. Denn als Kind lernt man zuerst von seinen Eltern.