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"Wir bleiben hartnäckig dran"

2008: kidsgo sprach mit der ehemaligen Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen über die Situation der Familien, ihre Erfolge und wie sie selbst Muttersein und Karriere unter einen Hut bringt.

In diesem Artikel:

„Viel entscheidender als alle Finanzkrisen ist, dass wieder Kinder in diesem Land heranwachsen.“

kidsgo: Frau Ministerin, Sie leben in Hannover und arbeiten in der Woche in Berlin. Wie bekommen Sie Beruf und Familie zusammen?

Ursula von der Leyen: Das Pendeln ist natürlich anstrengend, aber die Fahrtzeit nutze ich als leisen Zwang mir selbst gegenüber, zu arbeiten. Am anstrengendsten war für mich die Phase, als meine ersten zwei Kinder geboren wurden. Da arbeitete ich als junge Assistenzärztin und hatte überhaupt keinen Einfl uss auf meinen Zeitplan. Das ist bei einer Ministerin anders. Nun kann ich oft auch sagen: Der Termin ist um 17 Uhr, der um 9 Uhr und nicht anders. Und ich hatte den Vorteil, dass ich schon einige Jahre in Übung war.

Bild: kidsgo

kidsgo: kidsgo ist mit den Kindern der Mitarbeiterinnen groß geworden. Das hat die Arbeitskultur geprägt. Sie sind nun ja auch selbst „Arbeitgeberin“...

Ursula von der Leyen: ...und ich habe hier im Ministerium viel geändert. Ähnlich wie Sie das schilderten mit Ihrem kidsgo-Familienbetrieb. Ich hatte hier gleich zu Anfang der Legislaturperiode junge Frauen, die schwanger wurden. Seitdem gilt: „Bringt die Babys mit. Wir haben eine Tagesmutter hier im Haus“. Sie können weiter stillen, die Kinder sind auch mal willkommen bei einer Besprechung. Die stören ja nie, diese kleinen Kerlchen, die sind ja wirklich unkompliziert.

kidsgo: ... bis zu einem gewissen Alter ...

Ursula von der Leyen: Klar, wenn sie erst anfangen in den Steckdosen rumzupulen, dann wird es anders. Doch ich habe die Erfahrungen gemacht, dass man auch ein Ministerium wie einen Betrieb drauf einstellen kann, für die Kinder mitzudenken. Und das gilt natürlich auch für mein Privatleben. Ich sag auch sehr deutlich: „Leute, hier gehen die Kinder vor! Termine wie das Weihnachtsmärchen in der Schule werden fest geblockt!“ Nur ein Kanzlerin-Termin kann das noch kippen.

kidsgo: Wir haben kürzlich unsere kidsgo-Leserinnen gefragt, welches ihr größter Wunsch ist zur Verbesserung der Situation der Familien. Dabei standen die fehlenden Kitaplätze ganz oben auf der Liste, dicht gefolgt von einer besseren finanziellen Unterstützung und einer familienfreundlicheren Stimmung in der Gesellschaft.

Ursula von der Leyen: Das sind genau die Themen, an denen ich als Familienministerin hartnäckig dranbleiben muss. Zu den Kitaplätzen: Wir haben ein neues Gesetz zum Ausbau der Kinderbetreuung verabschiedet. Das Geld ist vorhanden. Zur finanziellen Unterstützung: Es ist meine Aufgabe als Familienministerin, immer wieder deutlich zu sagen: „Vergesst die Familien nicht!“ Ob es nun die Einführung des Elterngeldes ist oder der Kinderzuschlag. Beim Thema familienfreundliche Gesellschaft kann die Politik alleine nicht viel machen. Die Diskussionen um die Einführung des Elterngeldes haben zumindest bewirkt, dass Familie nun auch auf den Wirtschaftsseiten der Zeitungen stattfindet.

"Väter sind plötzlich Trendsetter"

kidsgo: Mit der Einführung der Vätermonate haben Sie hier eine Veränderung und viele Diskussionen ausgelöst. Hatten Sie das so erwartet?

Ursula von der Leyen: Ich habe es erhofft, nach den Erfahrungen im Ausland. Wir haben ja viel gelernt von Ländern, die so etwas schon mit großem Erfolg umgesetzt haben. Dort sagte man mir voraus: „Wenn ihr eine Zeit nur für die Männer reserviert, werdet ihr am Anfang heftigen Widerstand haben“. Aber nun haben die Männer, die aktive Väter sein wollen, ein schlagendes Argument in der Hand: „Hör zu, Chef. Die Zeit ist meine Zeit“! Und es gilt nicht mehr der Spruch: „Das kann ja deine Frau machen“.

kidsgo: Und doch nehmen die meisten Väter erst mal nur zwei Monate.

Ursula von der Leyen: Immerhin! Sie sind plötzlich Trendsetter. Bevor das Elterngeld eingeführt wurde, nahmen 3,5% der Männer Elternzeit, die galten eher als Weicheier. Und jetzt ist es der moderne Typ, der auch akzeptiert ist in der Bevölkerung: 16% der Väter! Die Zahlen steigen deutlich und das ist gut. Gleichzeitig verändert sich auch eine Grundhaltung: Kindererziehung ist nicht mehr nur die Sache von Frauen, sondern ein gemeinsames Thema. Das ist, glaube ich, das Wichtigste. Das wertet Erziehung überhaupt auf.

kidsgo: Da müssen auch hartnäckige Chefs jetzt umdenken...

Ursula von der Leyen: ... ja, nun merkt man in den Unternehmen plötzlich: Unsere jungen Nachwuchskräfte nehmen Vaterzeit. Also muss ich mein Unternehmen darauf einstellen, ich muss mir überlegen, wie ich gut jonglieren kann, mit Wiedereinstiegsprogrammen, Teilzeitangeboten oder flexiblen Arbeitszeiten. All dies ist für manche Betriebe völliges Neuland.

kidsgo: Noch mal zurück zum Thema Kinderbetreuung. Die empfinden viele Familien als zu teuer und nicht gut erreichbar. Es gibt nicht nur Kritik wegen fehlender Kitaplätze, bemängelt wird auch die Qualität des gesamten Betreuungsangebots.

Ursula von der Leyen: Jetzt, wo der Ausbau der Kitas beginnt, ist Qualität das ganz große Thema. Ich denke, dass wir auch die Tagesmütter aus der Schwarzarbeit rauskbekommen müssen. Sie müssen verlässlich qualifiziert sein. Und sie müssen endlich leistungsgerecht bezahlt werden. Deshalb haben wir mit den Ländern zusammen eine Qualifizierungsoffensive gestartet. Der Gedanke ist: Tagesmutter ist kein Beruf, den man mal so nebenbei macht. Eltern müssen wissen, wo es gute Tagesmütter gibt, und Tagesmütter müssen wissen, wo Eltern suchen.

kidsgo: Nun sind bald Wahlen. Was wollen Sie bis zum Ende dieser Legislaturperiode noch schaffen?

"Investitionen in Schulen und Kindergärten sichern unsere Zukunft"

Ursula von der Leyen: Ich möchte ein Kinderschutzgesetz auf den Weg bringen. Also Misshandlung und Verwahrlosung von Kindern vorbeugen. Ich will mit Filtern Kinderpornografie im Internet blocken. Andere Länder zeigen seit Jahren, wie das geht. Und ich werde in der Diskussion um die Finanzkrise immer wieder darauf pochen, dass Investitionen in Schulen und Kindergärten unser aller Zukunft sichern.

kidsgo: Wie verteidigen Sie die Erfolge Ihrer Arbeit wie Elterngeld, die Kindergelderhöhung und den Kinderzuschlag angesichts der wirtschaftlichen Lage in den kommenden Finanzkürzungsdiskussionen?

Ursula von der Leyen: Mein schlagkräftigstes Argument ist, dass nach der abgeschlossenen Statistik für 2007 und der offi ziellen Schätzung des Statistischen Bundesamtes für 2008 die Zahl der Geburten wieder steigt. Langfristig ist doch viel entscheidender als alle Jahresbilanzen, dass wieder Kinder in diesem Land heranwachsen und erzogen werden. Und auf Dauer werden alle Subventionen des Staates nicht helfen, wenn es keine Menschen mehr gibt, die fleißig diese Wirtschaft mit vorantragen - und das sind natürlich die Familien.

kidsgo: Frau von der Leyen, Sie haben bereits viel erreicht. Machen Sie weiter, stehen Sie für eine zweite Amtszeit als Familienministerin zur Verfügung?

Ursula von der Leyen: Wenn meine Kanzlerin mich wieder beruft, jederzeit. Ich finde, ich habe das spannendste Ressort überhaupt.

kidsgo: Und was sagt Ihre Familie dazu?

Ursula von der Leyen: Wir haben eine Lebensform gefunden, da gibt’s mal schlechtere Tage, mal bessere Tage. Eine zufriedene Mutter oder ein zufriedener Vater strahlt ja auch ins Familienleben zurück. Ich glaube, meine Familie hätte nichts dagegen.

kidsgo: ... so lange Sie zum Weihnachtsingen in die Schule kommen.

Ursula von der Leyen: Ja (lacht).

kidsgo: Wir danken Ihnen für das Gespräch, Frau von der Leyen.


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