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Großfamilie - Leben zwischen Nesthäkchen und Sandwichkindern

15 Prozent aller Familien in Deutschland sind kinderreich. In den meisten von ihnen wachsen drei Kinder auf, in bundesweit rund 200.000 Familien aber auch vier und mehr. Wer selbst in einer Großfamilie groß geworden ist, hat oft eher den Mut zu mehr Kindern. Wir haben nachgespürt, was das Gewusel so schön macht und inwiefern Eltern und Kinder tatsächlich vom Plural profitieren können?

In diesem Artikel:

Wir sind viele - Vom Aufwachsen im Familienrudel

Als ich von kidsgo den Auftrag bekomme, einen Artikel über Großfamilien zu schreiben, freue ich mich – tolles Thema. Gleichzeitig aber überkommt mich Panik. Mein Jüngster, elf Monate alt, übt gerade Kita, ganze zwei Stunden täglich. Für die beiden Großen hat die Schule wieder begonnen, inklusive leidiger Nebenwirkungen wie Elternabende, Materialbeschaffung und Vokabelabfragen. Und der Fünfjährige findet Kita momentan doof. Wann und wo also soll ich als Mutter dieser Kompanie in Ruhe schreiben?

Eine Großfamilie fordert Großes. Zu Hause die Logistik eines kleinen Hotels, im Urlaub die Fähigkeiten eines Reiseleiters. Alltag wird zum Change Management. Planung ist gut, aber da ohnehin immer etwas Unvorhergesehenes passiert, eine neue Phase hereinbricht, gilt es, den ständigen Wandel zu bewältigen. Ja, das ist mitunter echt kompliziert und es gibt Momente, in denen Mutter und Vater nicht mehr anders können, als sich hinzusetzen und zu heulen, weil sie seit mindestens 36 Stunden nicht mehr nennenswert geschlafen haben.

Großfamilien schöpfen aus einer besonderen Kraftquelle

Aber sie kommen durch. Es ist ein Phänomen von Großfamilien, dass sie die Arche doch irgendwie durch den Sturm bugsieren. Mitunter scheint es sogar, dass eine gewisse Mannschaftsstärke hilft, um auf Kurs zu bleiben. Was aber genau ist das Geheimnis der Masse?

„Weil ich ohne nachzudenken weiß, wofür ich da bin“, erklärt mir Maria. Die 46-Jährige Lehrerin ist Mutter von vier Kindern und selbst in einer 12-Kinder-Familie groß geworden. „Ich bin nie allein, stehe mitten im Leben und darf so viel Anteil nehmen. Das gibt meinem Leben einfach einen so tiefen Sinn.“ Natürlich waren die ersten Jahre unglaublich anstrengend. Als ihre Zwillinge geboren wurden, waren die beiden großen Töchter gerade mal anderthalb und drei Jahre alt. „Wir haben unserer Ältesten schon oft viel zugemutet“, gibt Maria zu. Mit ihren drei Jahren war sie nach dem Kindergarten auch oft müde, aber für ein viertes Kind war im oder am Kinderwagen einfach kein Platz mehr, also musste Clara laufen. Dafür ist sie heute mit ihren 14 Jahren ein absolut selbstständiges Mädchen, das sein eigenes Klamottenbudget verwaltet und sich überall zurechtfindet. Und was sagt Clara selbst? Sie fühlt sich schon als diejenige, der bereits früh viel Einsicht abverlangt wurde und die eigene Bedürfnisse zurückstellen musste, sagt sie. Ihre Geschwister missen möchte die große Schwester jedoch auf keinen Fall.

Finn ist fünfzehn und der älteste von vier Brüdern. Die findet er „nervig!“ Ein Einzelkind mag er trotzdem nicht sein. Und obwohl er sich schon in der Position des ständigen Vorkämpfers sieht, ist er gern der Große. Ein verantwortungsvoller Kümmerer sowieso. Seinem vier Jahre jüngeren Bruder Tom geht es ähnlich. Keine Geschwister zu haben, will er sich gar nicht vorstellen, Mittelkind zu sein, findet er okay. Hauptsache nicht der Kleinste.

Zwischen Nesthäkchen und Sandwichkind

Bild: @drubig-photo-fotolia.com

Großfamilie ist gelebte Beziehung. Nirgendwo sonst können Beziehungen so intensiv und facettenreich ausgelebt werden wie innerhalb einer Familie. Wenn Geschwister sich streiten, weiß der eine meist genau, wie er den anderen bestmöglich erwischen kann. Trotzdem ist klar, hier wird innerhalb eines Teams gestritten. Bruder bleibt Bruder und die blöde Schwester sitzt morgen trotzdem wieder mit am Frühstückstisch. Auch erlauben es Geschwister, zu erleben, wie sich Beziehungen wandeln können. Claras zwölfjährige Schwester Lena knabbert gerade gewaltig daran, dass die große Schwester sich von ihr abnabeln will. Wenn die beiden 18 und 20 sind, kann das jedoch schon wieder ganz anders aussehen. Vielleicht beziehen dann beide dieselbe Studenten-WG.

Auch Tom fand es doof, als sein großer Bruder Finn plötzlich Teenager war und nicht mehr spielen wollte. An dessen Stelle ist dann aber der sechs Jahre jüngere Bruder Simon getreten, der Toms Bedürfnis nach Spielzeit nur zu gern teilt. Und in spätestens zwei Jahren wird Simon es sein, der sich umorientieren muss und seinen jüngsten Bruder zum Spielplatz schleppt.

Die Vielfalt der Beziehungen ist so etwas wie die Schatzkiste von Großfamilien. Dabei wird horizontal und vertikal zwischen den Generationen gelernt. Geschwister lernen von Geschwistern, finden in ihnen Ansprechpartner, Halt und Verbündete. Eltern lernen von ihren Kindern und wachsen auf diese Weise an ihrem Elternsein. Da jede Beziehung immer wieder neu gelebt werden muss und Eltern dabei mit jedem weiteren Kind auf einen volleren Erfahrungspool zurückgreifen, können in einer Großfamilie auch die unterschiedlichsten Eltern-Kind-Beziehungen gelebt werden.

Buchtipps

Mehrkindfamilien in Deutschland
Ein Dossier des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Viel Zahlenmaterial kostenlos bestellbar unter: www.bmfsfj.de

Kinderglück. Leben in großen Familien
Rocco Thiele (Hrsg.)
Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, elf Porträts von Familien mit vier und mehr Kindern.
Bestellbar unter: www.bpb.de/186621

Aus Liebe zum Wahnsinn
Georg Cadeggianini
Fischer Verlag, 9,99 €
Der mittlerweile siebenfache Papa gewährt Einblicke in sein Familienleben mit sechs Kindern.

Es gilt, im entscheidenden Moment da zu sein

Jedem Kind jeden Tag gleich viel Aufmerksamkeit zu schenken, ist für Eltern mit vielen Kindern unmöglich - da Kinder aber ohnehin unterschiedliche Bedürfnisse haben, auch nicht nötig. Viel wichtiger ist, im entscheidenden Moment da zu sein. „Man muss ein Gespür dafür haben, wenn ein Kind einen festhalten möchte und in diesem Augenblick die eigene Müdigkeit überwinden“, erklärt Maria. Was dann kommt, funktioniert nicht in zwei Minuten, kann aber über das nächste halbe Jahr tragen. Um mehr Gelegenheiten für solche Momente zu schaffen, haben Maria und ihr Mann Bernhard Papa- bzw. Mama-Kind-Wochenenden eingeführt. Jedes Jahr darf jedes Kind mit Mama oder Papa ein Wochenende lang wegfahren, das muss nicht weit sein. Was zählt, ist die Zeit zu zweit.

Ich kann behaupten, dass jeder meiner vier Söhne unser Familienleben mit einer ganz neuen Qualität bereichert hat und die Beziehung zu jedem einzelnen etwas ganz Spezielles hat. Kein Wunder, bestätigen mir Familienpsychotherapeuten. Im großen Familiengeflecht suchen sich Kinder fast immer eine Nische, die noch nicht besetzt ist und in der sie ein Alleinstellungsmerkmal haben.

Es ist also der Artenreichtum, der bereichert, der den Dschungel bunt und lebendig macht und damit ein Lebensgefühl schafft, das erzählt: Alles lohnt sich irgendwie. „Für mich ist das Beste“, sagt Maria, „zu wissen: Egal wie sich die Beziehung zu meinen Kindern mal gestalten wird, in meinem Kopf und meinem Herzen werde ich immer mit diesen vier Menschen verbunden sein.“

Großfamilien in Deutschland

Die derzeitige Familienpolitik in Deutschland geht an den Bedürfnissen großer Familien vorbei, beklagen sowohl der Deutsche Familienverband (DFV) als auch der Verband kinderreicher Familien in Deutschland. Als kinderreich gelten Familien, in denen mindestens drei Kinder leben. Das trifft auf 15 Prozent aller Familien zu. Klingt auf den ersten Blick nicht viel und lässt die Frage zu, wieviel Nische die Familienpolitik eines Landes bedienen muss. Liest man die Zahlen jedoch genauer, geht daraus hervor, dass jedes vierte Kind in Deutschland in einer Großfamilie aufwächst.

„Im Moment scheint es der Familienpolitik nur darum zu gehen, Eltern nach der Geburt ihres Kindes wieder schnell an den Arbeitsplatz zurückzubekommen“, sagt der Bundesgeschäftsführer des DFV, Siegfried Stresing. Das passiere jedoch meist auf Kosten der Kinder und sei nicht weit genug gedacht. So verzichten viele Eltern nur aus finanziellen Erwägungen auf weitere Kinder. Hier könnte eine deutliche Steuerentlastung ab dem dritten Kind, ähnlich wie in Frankreich, Abhilfe schaffen. Zudem fordern die Familienverbände mehr Gerechtigkeit bei den Sozialabgaben. „Wer fünf Kinder erzieht, kann nicht die gleichen Beiträge in die Kranken- und Rentenversicherung einzahlen müssen wie Menschen, die kein oder nur ein Kind erziehen“, so Dr. Klaus Zeh. Und zum Thema Arbeit zeigt eine vom Bundesministerium für Familie beauftragte Studie über Mehrkindfamilien, dass Müttern mit vielen Kindern ihre Berufstätigkeit annähernd genauso wichtig ist wie Müttern mit wenigen Kindern. Lediglich die Bedingungen, um diese auszuüben, stimmen vielfach nicht. Eine Schallgrenze scheint es hier sehr deutlich bei drei Kindern zu geben. Eltern mit vielen Kindern brauchen darum andere Arbeitsmodelle. Wer vier kleine Kinder zu Hause hat, hat sich meist bewusst dazu entschieden, Zeit in Kinder zu investieren und kann darum nur ein begrenztes Zeitkontingent in den Beruf geben - gibt dieses aber gern.

Damit mehr Eltern das Unternehmen „Großfamilie“ wagen, braucht es Vorbilder aus dem realen Leben. Das geht nur über die Unterstützung von bereits existierenden Großfamilien. Was ihnen hilft, sind Anerkennung ihrer Leistung, finanzielle Entlastung, Angebote für Familienurlaub, clevere Arbeitsmodelle und Freizeitaktivitäten, bei denen die Familienkarte sich nicht auf zwei Erwachsene und zwei Kinder beschränkt.

Fünf Fragen an… Dr. Inés Brock

Dr. Inés Brock ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Erziehungswissenschaftlerin und arbeitet als Ambulanzleiterin am Magdeburger Ausbildungsinstitut für psychotherapeutische Psychologie. Zudem ist sie Mutter von vier mittlerweile erwachsenen Söhnen.

kidsgo: Was bedeutet es für Kinder, Teil einer großen Meute zu sein, und wovon profitieren Großfamilienkinder am meisten?

Experten-Interview


Mehr über Dr. Inés Brock auf www.ines-brock.de.

Dr. Brock: Das Aufwachsen mit vielen Geschwistern bietet Kindern intensive Erfahrungen von Nähe und Verbundenheit, die sie auf diese Weise nirgendwo anders machen könnten. Es ist die längste verwandtschaftliche Beziehung. Nirgendwo sonst lässt sich Empathie, Sozialkompetenz und Konfliktbewältigungskompetenz so gut erlernen wie in der Auseinandersetzung mit Geschwistern. Voraussetzung hier ist jedoch eine empathische Haltung der Eltern. Großfamilienkinder können zudem ihr ganzes Leben lang auf ein größeres Beziehungsgeflecht zurückgreifen, und auch ihre Kinder werden höchstwahrscheinlich in ein größeres Netzwerk aus Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen hineingeboren. Selbst Geschwister, die sich als Kinder gar nicht so gut verstanden haben oder in der Jugend ein eher schwieriges Verhältnis zueinander hatten, rücken im Alter häufig wieder enger zusammen.

kidsgo: Was ist dran am Vorwurf, dass Eltern in einer Großfamilie gar nicht mehr jedem Kind gerecht werden können?

Dr. Brock: Nichts. Es ist ein Mythos, der nicht der Lebensrealität entspricht. Eltern werden nie alle ihre Kinder gleich lieben, aber jedes Kind hat seinen ganz eigenen Platz im Herzen von Mutter und Vater. Und die Kinder profitieren von der Erfahrung, die Eltern mit jedem weiteren Kind gewinnen. Es tut Kindern gut, wenn Eltern ihre Kräfte nicht nur auf ein Kind fokussieren können. Eltern mit mehreren Kindern sind oft entspannter und lassen ihre Kinder Dinge selbst entdecken. Auf diese Weise entstehen innerhalb der Familie kindbestimmte eigene Kulturen, die einen wichtigen Erfahrungsschatz bereithalten. Kinder, die mit mehreren Geschwistern aufwachsen, werden meist früher selbstständig.

kidsgo: Wie empfinden Erstgeborene, Mittlere und Nesthäkchen?

Dr. Brock: Die Frage zielt auf die nicht unumstrittene Geschwisterkonstellationsforschung ab. Tatsächlich sind es viele Einflüsse, die auf ein Kind einströmen und seine Biografie beeinflussen. In der Tendenz jedoch lässt sich sagen, dass die Erstgeborenen in der Regel eher konservativ und leistungsorientierte Kinder sind. Ihr Vorbild sind die Eltern und ihre ersten Ansprechpartner waren Erwachsene. Mittlere Kinder sind oft Menschen, die sehr vermittelnd sind und sich gut arrangieren können. Wenn man nicht aufpasst, sind sie am ehesten Kandidaten für eine Selbstwertproblematik. Nesthäkchen einer Familie ist natürlich erst einmal jedes Kind, so lange, bis klar ist, dass doch noch ein Geschwisterchen geboren wird. Viele Nesthäkchen wachsen in dem sicheren Bewusstsein auf, dass da immer jemand ist, der ihnen hilft und sie nichts mehr wirklich erkämpfen müssen. Das lässt viel Raum für künstlerische Freiheiten.

kidsgo: Was können Eltern tun, um dem Ältesten nicht zu viel aufzubürden, das Mittelkind nicht zu übersehen und das Jüngste nicht zum ewigen Baby zu machen?

Dr. Brock: Sich dessen bewusst sein und die Kinder nicht immer nur als Plural, als Kindergruppe sehen, sondern Gelegenheiten schaffen, in denen Mutter oder Vater sich nur dem einzelnen Kind zuwenden. Natürlich können die Großen helfen, auf die Kleinen aufzupassen, aber sie sind nicht die Assistenten für die Babypflege - genauso wie Unabhängigkeitsbestrebungen der Jüngeren ernst genommen werden müssen.

kidsgo: Welchen Einfluss hat es auf die Eltern und ihre Partnerschaft, viele Kinder zu haben?

Dr. Brock: Studien hierzu zeigen eindeutig, dass die Partnerschaftszufriedenheit steigt. Das Einlassen auf eine Großfamilie setzt voraus, dass Familienorientierung Konsens ist. Das führt dazu, dass der Alltag familienzentrierter gestaltet wird, Mahlzeiten häufiger gemeinsam eingenommen werden, Zeit zusammen verbracht wird. Mütter mit mehreren Kindern sind häufig zufriedener mir der Beteiligung ihrer Partner an Haushaltstätigkeiten und bei der Kinderbetreuung. Im Zusammenleben in einer Großfamilie muss automatisch die Konfliktfähigkeit steigen.

Weitere Infos

  • Deutschlandfamilienkarte: www.deutschland familienkarte.de
    Eine Initiative des Verbandes kinderreicher Familien Deutschland, gesammelt werden besondere Angebote für Familien geordnet nach Bundesländern.

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