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Dein Kind ist schüchtern? Was eine Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Eltern rät

Zurückhaltende und ängstliche Kinder brauchen Eltern, die sie so akzeptieren, wie sie sind. Und sie ermutigen statt sie zu bedrängen. Mama Giuliana erzählt, wie sie mit der zurückhaltenden Wesensart ihrer Tochter Clara umgeht.

In diesem Artikel:

Mein Kind ist so ängtlich und schüchtern

Mit vier Jahren ist Clara ein fröhliches Mädchen. Ausgelassen, manchmal sogar richtig frech gegenüber ihrem Bruder und den Cousinen. Deshalb ist Mutter Giuliana völlig überrascht, als die Erzieherinnen sie auf die ausgeprägte Schüchternheit ihrer Tochter hinweisen: In der Kita rede sie kein einziges Wort. „Natürlich habe ich mir Sorgen gemacht“, erzählt Giuliana. Dass sie in der Gruppe untergehe, dass sie allein sei. Und auch, wie das später mit der Einschulung klappen sollte.
Spüren lassen will sie es ihre Tochter nicht. Aber einfach laufen lassen? Dabei habe sie ein ungutes Gefühl, sagt Giuliana.

Buchtipp

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Alltagsängste bei Kindern. Wie Eltern ihren Kindern Sicherheit geben können

Eltern fühlen sich oftmals hilflos, wenn ihr Kind unter Ängsten oder Phobien leidet: Wie sollen sie sich verhalten, was sollen sie sagen, um Unterstützung zu bieten und nicht noch alles zu verschlimmern?

In diesem Buch finden Eltern Antworten auf diese Fragen. Unter anderen werden Techniken aus der Positiven Psychologie, der Kognitiven Verhaltenstherapie, aus Psychosensorischen Therapien, der Hypnotherapie sowie Achtsamkeitsübungen verständlich und kindgerecht aufbereitet, um sie leicht in den Alltag integrieren zu können. Neben allgemeinen Tipps für eine angstreduzierte Umgebung geht die Autorin auch auf spezifische Ängste wie die vor Hunden, Ärzt*innen oder der Schule ein.

Junfermann, ISBN: 978-3-7495-0109-0, 20 Euro

Reich deinem schüchternen Kind die Hand!

Clara fühlt sich in der Kita zu den ebenso stilleren und zurückhaltenden Mädchen hingezogen. Mama Giulianas Idee: Claras Kindergarten-Freundinnen einzeln zum Spielen nach Hause einzuladen, um den Kontakt im vertrauten heimischen Umfeld zu festigen.Sie nimmt sich vor, ihrer Tochter bewusst Geselligkeit vorzuleben, damit diese sieht und lernt, dass der Umgang mit anderen etwas ganz Normales ist. Auch wenn es dauert – ihre Strategie geht auf: „Nicht plötzlich, aber mit der Zeit hat sich Claras Verhalten verändert. Sie wurde immer offener.“

Schüchternheit ist tatsächlich angeboren

„Schüchternheit gehört zu dem Temperament, welches wir in die Wiege gelegt bekommen, und ist somit in unseren Genen verankert“, sagt Özlem Kanal, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychotherapie in Wiesbaden. Gedanken, das Kind könne im Vergleich mit selbstbewusst auftretenden Altersgenossen hintenüberfallen, müssten sich Eltern dennoch nicht machen. Denn Schüchternheit sei kein Nachteil für die Entwicklung eines Kindes, sondern eine Normvariante und gehöre zur natürlichen Vielfalt unserer Persönlichkeitsstruktur. Auch ein vermeintlich nach außen schüchtern wirkendes Kind könne im vertrauten Rahmen durchaus selbstbewusst und bestimmend sein.

So kannst du deinem schüchternen Kind helfen

Insistieren, kritisieren oder gar verspotten sind keine geeigneten Methoden, mit dieser Wesensart umzugehen. Im Gegenteil: „Einem Kind entgegen seinem Temperament etwas aufzudrängen, kann möglicherweise dazu führen, dass dieses Kind nicht lernt, seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen“, gibt die Medizinerin zu bedenken. „Jedes Gefühl – darunter auch Schüchternheit – habe seine Berechtigung und dürfe vorhanden sein.

Wann brauchen Kind und Eltern psychologische Hilfe?

„Es ist eine große Unterstützung, wenn die Eltern Verständnis für die Zurückhaltung ihres Kindes zeigen und es gleichzeitig ermutigen, Neues oder Angstbesetztes auszuprobieren.“ Dabei könne die Haltung helfen: „Es ist okay, dass du dich noch nicht traust. Ich bin bei dir und unterstütze dich, solange du noch Hilfe brauchst.“

Therapeutische Hilfe wiederum sei nur dann sinnvoll, wenn Kinder übersteigerte Ängste entwickeln, sich sozial sehr zurückziehen oder beispielsweise starke Trennungsängstlichkeit zeigen.

Zurückhaltende Wesensart annehmen

Inzwischen ist Clara neun Jahre alt. Mama Giuliana sagt heute über ihre Tochter, dass sie auch jetzt noch ein ruhiges Mädchen sei. „Aber sie kommt in der Schule gut zurecht und hat Freundinnen. Sie meldet sich im Unterricht, kann sich behaupten und notfalls auch wehren.“ Macht sie sich noch Sorgen wegen Claras Schüchternheit? „Nein, das entspricht einfach ihrem Charakter.“