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Spielend lernen: Warum spielen schlau macht

Was für uns wie Spielerei aussieht, bereitet unsere Kinder perfekt vor aufs Leben. Freies Spielen, sagt Psychologe und Spielforscher Prof. Dr. André Frank Zimpel im Interview, ist ein Entwicklungsmotor und niemals vergeudete Zeit.

In diesem Artikel:

Spielerisch lernen: Alle Menschen sind geborene Spieler

In meinem Alltag stimmt was nicht. Mich mit Freude und Ausdauer einer Sache zu widmen, mich mit Hingabe darin zu vertiefen, will mir in letzter Zeit einfach nicht gelingen. Null Flow, sozusagen. Wo ist meine Lust aufs spielerische Ausprobieren geblieben? Ausgerechnet in dieser Gefühlslage werde ich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, einen Artikel übers Spielen zu schreiben. Klar, sage ich. Denn was könnte ich gerade mehr gebrauchen?

Die 6 wichtigen Spielphasen

  1. Objektspiele – bis zwei Jahre:
    Schon Babys haben Freude daran, Objekte genauer unter die Lupe zu nehmen. Mit etwa 18 Monaten entdecken sie mit Hilfe von Guck-Guck-Spielen, dass es zwischen „sichtbar da“ und „spurlos verschwunden“ doch noch etwas anderes geben muss.
  2. Als-ob-Spiele – Zwei- bis Dreijährige:
    Sich etwas vorstellen, das gar nicht wirklich da ist: eine enorme Leistung für Kleinkinder. In ihren Als-ob-Spielen üben sie sich in Fantasie und abstraktem Denken, da können auch die Spielautos miteinander reden und das Stofftier Hunger auf Kekse haben.
  3. Rollenspiele – Vier- bis Fünfjährige:
    Vorschulkinder schlüpfen gerne in verschiedene Rollen, sind mal Vater, mal Mutter, Polizistin, Kinderarzt oder Feuerwehrmann. Im Rollenspiel lernen sie, sich mit den Augen anderer zu sehen. Sie entwickeln sie sich mehr und mehr vom Eigenbrötler zum Teamplayer.
  4. Regelspiele – Fünf- bis Sechsjährige:
    Regeln einzuhalten ist eine Herausforderung für Kinder in diesem Alter. Karten-, Würfel- und Brettspiele, aber auch „Topf schlagen“ oder „Stille Post“ stehen hoch im Kurs. Regelspiele trainieren ihre Impulskontrolle, üben kritisches Denken und Frustrationstoleranz.
  5. Wettspiele – Kinder im Grundschulalter:
    Kinder im Grundschulalter lieben es, sich mit anderen zu messen: Wer kann am höchsten klettern und wer die meisten Tore schießen? Dabei ist das Gewinnen selbst gar nicht so wichtig. Vielmehr geht es um Fairness und die Erkenntnisse, die ein Kind dabei über sich selbst gewinnt.
  6. Ernstspiele – Pubertätsalter:
    Natürlich wird jedes Spiel von Kindern immer ernsthaft betrieben. Aber Ernstspiel meint hier eine Form des jugendlichen Spiels: Die Teenager wollen erwachsen sein und erproben, wie ernst eine Gesellschaft sie nimmt. Eine Band gründen oder YouTube-Videos drehen sind einige ihrer Gehversuche.

Am Abend sitze ich also auf dem Sofa und sichte die erste Lektüre. Mein Vierjähriger kommt und fragt, was ich denn da lese. Ein Buch übers Spielen. Aha. Seine Neugierde ist geweckt. „Und was steht da?“, will er wissen und zeigt auf die Überschrift. „Spielen macht schlau.“ Er guckt mich an und lacht, dann geht er, über beide Backen grinsend, in sein Zimmer – irgendwas spielen.

Ich hingegen, ganz erwachsen, suche weiterhin Erkenntnis im geschriebenen Wort. Doch die Spiellust, das Spielerische stellt sich nicht ein in der Theorie, sondern im Machen und Tun, beim Spielen selbst eben – ganz nach dem Prinzip: Der Appetit kommt beim Essen! „Wir Menschen sind geborene Spieler, wir brauchen das Spielen als geistige Nahrung, um später im Leben zurechtzukommen. Und dazu werden wir nie zu alt “, sagt der Spielforscher Prof. Dr. André Zimpel.

Guck-Guck-Spiele schulen den Perspektivwechsel

Wir alle kommen also mit der angeborenen Gabe zu spielen auf die Welt. Im Gegensatz zu Fantasie und Impulskontrolle: Ganz kleine Kinder können ihre Gefühle und Reaktionen noch nicht einordnen und kontrollieren oder Situationen abstrahieren. Das heißt, was sich nicht unmittelbar vor ihren Augen abspielt, findet für sie nicht statt. Ein Beispiel: Die Mutter, die kurz den Raum verlässt und damit aus dem Blickfeld gerät, ist für das Baby weg.

Schon sehr kleine Kinder beobachten gern andere Menschen. Die eineinhalbjährige Meira genießt es, ihrer Oma stundenlang beim Backen zuzuschauen. Doch jedes Mal wenn die Oma kommt und begeistert ruft „Da ist ja mein kleines Mädchen“, versteckt sie sich verschämt hinter Mamas Rücken. So direkt angesprochen zu werden irritiert sie, denn in ihrer Wahrnehmung ist sie selbst ein blinder Fleck: Sie begreift nicht, dass sie für die Oma genauso sichtbar ist, wie die Oma für sie. Mit Guck-Guck- oder Versteckspielen, die alle Kleinkinder irgendwann mit großer Begeisterung spielen, wird sie sich die bis ins Schulalter heranreifende Fähigkeit zum Perspektivwechsel erschließen.

Spielend lernen: Im Spiel fürs echte Leben üben

Intuitiv suchen Kinder sich genau das Spiel, das zu ihrer Entwicklung passt und sie weder unter- noch überfordert. Darum lohnt es sich auch für Eltern, mal hinzuschauen, was das eigene Kind gerade spielt, wenn es selbst wählen kann. Im Spiel trainieren Kinder das, was bei ihnen demnächst in ihrem Leben dran sein wird. Sie lernen und üben. „Spielen ist ein Entwicklungsmotor“, so Psychologe Andre Zimpel.

„Das, was Kinder selbst gewählt spielen, ist immer ambitioniert“, betont Spielforscher Zimpel. Denn es liefere immer das zu den jeweiligen Fähigkeiten genau passende Maß an Anforderung – und das könne kein Förderprogramm der Welt leisten. Im Gegenteil: „Ein Kind, das dauerhaft „bespielt“ – also von einem Termin zum nächsten geschleppt wird – erlebt keine Selbstwirksamkeit. Das macht unzufrieden“, gibt André Zimpel zu bedenken. „Freies Spielen ist darum niemals vergeudete Zeit.“ Gute Spielideen entstünden oft aus dem Zustand der Langeweile heraus. Psychologe Zimpel empfiehlt, in die Natur zu gehen und sich einfach mal umzuschauen: „Da findet man Spielzeug oder Zeug zum Spielen überall. Die ganze Welt kann dann eine Bühne sein.“

Was passiert beim Spielen im Kopf?

„Im Gegensatz zu Tieren verfügen Menschen kaum über innere Orientierungshilfen in Form von angeborenen Verhaltensweisen“, schreibt Hirnforscher Gerald Hüther. Unser Gehirn ist wenig vorprogrammiert und darum extrem offen, was die innere Struktur und die Verschaltung von Nerven anbelangt. Besonders im Kindesalter passiert hier unglaublich viel. Das Nervennetz im Großhirn von Kleinkindern ist mit einem leicht chaotischen Rohbau vergleichbar. Es gibt einen groben Plan, aber noch sind viele Spielarten möglich. Weil die Nervenbahnen noch nicht fertig ausgebildet sind, haben Kinder manchmal eine längere Leitung. Ihnen gelinget einiges noch nicht so gut: zum Beispiel ihre Gefühle zu unterdrücken, genau zu lokalisieren, wo im Körper etwas weh tut, etwas wiederzufinden, eine Anweisung zu befolgen oder Regeln einzuhalten. Auch sich etwas nur in ihrer Fantasie vorzustellen oder sich in die Rolle einer anderen Person hineinzuversetzen, ist für Kinder noch schwer. Alle diese Fähigkeiten aber müssen sie nicht über ausgeklügelte Fördermaßnahmen beigebracht bekommen, sondern sie üben sie automatisch im freien Spiel. Immer wenn Kinder glücklich und selbstversunken spielen, dankt es ihnen ihr Gehirn mit neuen Verschaltungen und Verknüpfungen von Nervenbahnen.

Kinder sind Meister im Nachahmen

Kinder sind Meister im „Nachäffen“ – übrigens ganz im Gegensatz Menschenaffen. Menschenkinder müssen, laut Schimpansenforscherin Dr. Esther Herrmann vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, nicht zwangsläufig schlauer sein als Menschenaffen.

Buchtipp

Spielen macht schlauSpielen macht schlau!

Frühförderprogramme werden maßlos überschätzt. Das Kind spielen zu lassen ist die beste Förderung überhaupt.

Was und wie Kinder beim Spielen lernen und welche Spiele in welchem Alter typisch sind, erläutert Psychologe André Zimpel in seinem Spielratgeber für Eltern. Er zeigt auch, wie Eltern ihren Nachwuchs beim freien Spiel unterstützen können.

Prof. Dr. André Frank Zimpel, Spielen macht schlau, Gräfe & Unzer, 2014, E-Book (ePub), ISBN 978-3-8338-4389-1, 12,99 Euro

Jedoch zeichneten sich Kinder vor allem darin aus, dass sie neue Fertigkeiten entwickeln, indem sie mit anderen kommunizieren und deren Verhaltensweisen nachahmen. Das wiederum hilft ihnen, sich immer besser in die Gedankenwelt anderer hineinversetzen zu können und darüber auch sich selbst besser zu verstehen.

Esther Herrmann und ihre Kollegen haben sich dazu einen Versuch ausgedacht: Dabei zeigen Erwachsene Vorschulkindern, wie sie mit einem langen Stock eine unerreichbare Süßigkeit angeln können. Zuvor jedoch führten die Erwachsenen mit dem Stock einen Schwerttanz auf. Obwohl den Kindern klar war, dass sie auch ohne die Tanzeinlage an die Süßigkeit gelangen – und das auch noch um einiges schneller – ahmten fast alle den Tanz nach. Und hatten dabei fast mehr Freude als an der Süßigkeit. Ein Beispiel, das zeigt, welche Rolle uns Eltern beim Spiel unserer Kinder zugedacht ist: Wir sind Vorbild und Ideengeber! Das ist das Eine ...

Die Rolle der Eltern: Raum und Zeit zum Spielen geben

Und das Andere? Wir Erwachsene sind auch diejenigen, die Kindern ausreichend Raum und Zeit fürs freie Spiel geben können und müssen, damit sie sich gesund entwickeln und glücklich aufwachsen.

Als mir mein Sohn eines Morgens erklärt, er wolle in seiner Kita „kündigen“, horche ich auf. Aus seiner Sicht hat er einen guten Grund: Einige Tage zuvor hatte er im Gruppenraum ganz selbstvergessen mit viel „Brumm – bruhuhuhumm“ mit seinen Autos gespielt und wurde dabei von anderen ausgelacht. Niemand weiß, ob die Kinder einfach nur die Situation witzig fanden oder ob sie ihn bewusst ausgelacht haben. Doch für meinen Jüngsten war klar: An einem Ort, an dem er nicht ungestört spielen kann, will er keinen Tag länger bleiben.

Wir müssen für ihn das Spiel retten! Das heißt, ihm zuhören, genau hinschauen, ernst nehmen, was ihn beschäftigt und Raums fürs ungestörte freie Spielen schaffen. Am besten gleich für uns alle. Immer wieder neue Zeitfenster öffnen, in denen wir uns nach Herzenslust und scheinbar zwecklos an irgendetwas ausprobieren dürfen. Nicht selten stellen wir danach fest, dass wir daraus gelernt haben: Das spielerische Ausprobieren führt zu einem Ergebnis – und sei es zu einem Artikel übers Spielen.

Experte

Andre Frank Zimpel

Diplom-Psychologe Dr. André Frank Zimpel

... ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg. Er gehört zu den renommiertesten Spielforschern im deutschsprachigen Raum.

Experten-Interview: Spielen ist wertvolle Zeit 

kidsgo: Was macht das Spielen so unverzichtbar und wertvoll?

Zimpel: Kinder üben im Spiel alle Fähigkeiten, die sie später für ein gelingendes Leben brauchen. Dazu gehört im ganz Wesentlichen die Impulskontrolle, eine gute Selbsteinschätzung und die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Dabei ist Spielen die effektivste und effizienteste Form, um etwas zu lernen. Das gilt im Übrigen auch für Erwachsene. Wir lernen am besten, wenn dabei Emotionen im Spiel sind, im Idealfall positive. Eben solche, die das selbstvergessene Spiel begleiten. Sobald ich etwas mit Begeisterung mache, werden im Gehirn Botenstoffe frei, die sogenannten Glückshormone Dopamin und Serotonin. Diese sorgen dafür, dass ich das Üben, selbst wenn es noch nicht so gut klappt, nicht als pure Quälerei empfinde, sondern mich wohl fühle und ein inneres Bedürfnis entwickle, dran zu bleiben.

kidsgo: Was können Eltern noch tun, um ihre Kinder zu unterstützen?

Zimpel: Natürlich spricht nichts dagegen, auch mit seinem Kind zusammen zu spielen. Dabei können Eltern vor allem tolle Impulsgeber sein und dem Kind eine neue Welt eröffnen. Das Angebot sich zu verkleiden kann zum Beispiel bei einem Kind, das gerade auf der Schwelle zum Rollenspielalter steht, zur Initialzündung werden. Eltern dürfen aber auch nicht enttäuscht sein, wenn nicht jeder Funke überspringt und nicht jede Idee Begeisterungsstürme auslöst. Wichtig für Kinder ist, dass Eltern sie wahrnehmen und sie Vertrauen erleben. Unser gesamtes Sozialleben basiert auf Vertrauen. Kinder brauchen das Gefühl, dass ihre selbst gewählten Leistungen gesehen werden und nicht durch ein überschwängliches Lob, sondern vielleicht nur durch ein kleines Lächeln honoriert werden.

kidsgo: Enthalten Eltern ihrem Kind etwas vor, wenn sie es nicht zu diversen Frühförderangeboten schicken?

Zimpel: Nein, ganz sicher nicht. Die Entdeckung der Hirnforschung, dass sich das menschliche Gehirn nutzungsabhängig entwickelt hat bei vielen Eltern zu wahren Anflügen von Panik geführt. Sie fürchten sich davor, womöglich schuld daran zu sein, dass das Kind seine Potenziale nicht ausreichend ausschöpfen kann. Tatsächlich kommen alle Kinder als Kosmopoliten zu Welt, mit den Anlagen, sich überall auf der Welt, egal in welcher Kultur und Muttersprache mühelos einfinden zu können, und werden dann langsam zu Provinzlern. Doch auch Kurse in Frühenglisch, Chinesisch und Schach ändern nichts daran, dass Kinder nur die Dinge lernen werden, die für sie mit Emotionen verbunden sind. Die 2008 veröffentlichte Studie von John Hattie, bei der weltweit 250 Millionen Schüler befragt wurden, bestätigt, dass der Lernerfolg im Wesentlichen von den Lernenden selbst abhängt Und er wird dadurch positiv beeinflusst, wie gut sie sich selbst einschätzen können. Genau das ist es aber, was Kinder im selbstgewählten Spiel den ganzen Tag trainieren. 

kidsgo: Mein Opa war ein richtiger Kinderopa, obwohl er im wörtlichen Sinne nie mitgespielt hat. Er hat in seinem Garten gearbeitet und wenn ich wollte, konnte ich mithelfen oder einfach nebenher spielen. Wenn ich ein Eis wollte, musste ich mich selbst die schmale Kellerstiege hinunter trauen, um es mir aus der Tiefkühltruhe zu angeln, wo er es für mich deponiert hatte. Was war sein Geheimnis, das ihn für mich als Kind so anziehend gemacht hat und was kann ich als Mutter von ihm lernen?

Zimpel: Eltern oder auch Großeltern haben eine große Vorbildrolle, die oft unterschätzt wird. Sie sind tolle Ideengeber für ein Spiel, aber in ihrer Begeisterungsfähigkeit bleiben sie weit hinter gleichaltrigen Spielpartnern zurück. Kinder lieben es, zu helfen. Vermutlich hat ihr Großvater dahingehend alles richtig gemacht, dass er Ihnen die Möglichkeit eröffnet hat, Selbstwirksamkeit zu erleben. Inspiriert von seinem Tun hatten Sie die Freiheit, Ihr eigenes Spiel zu finden und sich auszuprobieren. Sie mussten sich selbst überwinden, um an das gewünschte Eis zu kommen und durften erleben, wie toll es sich anfühlt, wenn man es geschafft hat. Gleichzeitig durften Sie erleben, dass jemand in Ihrer Nähe ist, der Sie schätzt und wahrnimmt.

Herr Zimpel, wir danken Ihnen für das Gespräch!