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Waldkindergarten: Warum ein Kindergarten aus Stämmen und Kronendach kreativ macht

Waldkindergärten gibt es in Deutschland seit mehr als zwei Jahrzehnten, und es werden jährlich mehr. Im Waldkindergarten verbringen die Kinder ihren Vormittag an der frischen Luft, mitten in der Natur. Wir haben uns mit Mama Bettina, deren Sohn Linus einen Waldkindergarten besucht, und Gabriele Vömel, Leiterin eines Waldkindergartens, darüber unterhalten.

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Kinder spielen auch im Winter gerne draußen

Seine regendichten Wanderstiefelchen kann Linus schon allein anziehen, nur bei der Schleife muss Mama Bettina helfen. Anorak zu, Halstuch um und Mütze auf. Fertig zum Abmarsch. Wetterfeste Kleidung ist wichtig, der Wind weht heute recht frisch, und Linus wird die nächsten sechs Stunden draußen im Wald verbringen. Linus war von Anfang an ein richtiges „Draußen-Kind“, erzählt Mama Bettina, laufen gelernt hat er zwischen den Bäumen der eigenen Apfelplantage. Mit Bäumen kennt er sich aus. „Da lag die Entscheidung für einen Waldkindergarten eigentlich nah.“ Trotzdem war sie sich anfangs nicht hundertprozentig sicher. „Ich hatte ein wenig Sorge wegen der kalten Wintermonate“, gibt sie zu. Doch eine andere Kindergartenmutter mit norwegischen Wurzeln konnte sie überzeugen, dass die Kinder mit Regen, Kälte und Schnee bestens zurechtkommen.

Lernen zwischen Wald und Wiese – Waldkindergärten oder Natur-Kitas

Tatsächlich stammt die Idee der Waldkindergärten aus Skandinavien. In Dänemark gibt es sie schon seit den 1950er Jahren. Der erste Waldkindergarten in Deutschland wurde 1993 in Flensburg gegründet. Schnell folgten weitere Initiativen und mittlerweile auch einige Mischformen. Inzwischen gibt es bundesweit schon 1500 Natur- und Waldkindergärten. Während es in einem reinen Waldkindergarten bis auf eine Schutzhütte oder einen Bauwagen kein Kindergartengebäude gibt und die Kinder bei wirklich jeder Witterung den Tag draußen verbringen, bieten einige Naturerlebnis-Kitas regelmäßige oder flexible Wald- und Wiesentage.

Naturmaterialien als Spielzeug – Blätterrauschen statt Autolärm

Was aber kann ein Waldkindergarten, was eine herkömmliche Kita nicht kann? „Viel“, sagt Gabriele Vömel. Sie leitet den Ev. Kindergarten in Haan-Gruiten, der neben fünf normalen Gruppen seit 2012 auch eine Waldgruppe anbietet. „Bei jedem Wetter draußen zu sein, trainiert das Immunsystem", ist eines von Erzieherin Vömels Argumenten. Kinder, die regelmäßig viel Zeit draußen verbringen, sind weniger oft krank, haben weniger Infekte und Erkältungskrankheiten. Auch Bewegungsmangel und seine negativen Folgen sind im Wald kein Thema. Die Kinder sind dort im Grunde ständig in Bewegung. Das fängt schon damit an, dass die Gruppe sich morgens am Treffpunkt sammelt, um dann gemeinsam in einem etwa halbstündigen Fußmarsch zu ihrem Spielgelände im Wald zu laufen. Mittags dann retour.

Die Natur regt die Fantasie an

Das Laufen über Stock und Stein, das Schnitzen von Stöckchen, das Spielen mit Gräsern, Eicheln und Tannennadeln trainieren die Grob- und Feinmotorik. Wo es kein fertiges Spielzeug gibt, kommt eben Fantasie ins Spiel. Die Kinder erleben den Rhythmus der Jahreszeiten und lernen Achtung vor der Natur zu haben. Es fällt auf, wie gut es Kindern in der Natur gelingt, ihre Wut sozialverträglich abzubauen und Konflikte gewaltfrei zu lösen. Der Zorn hat einfach genügend Raum, um zu verrauchen.

 

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Bewegungsfreiheit und strikte Regeln

Häufig stellen Eltern die Frage, ob ihr Kind in einem Waldkindergarten ausreichend auf die Schule vorbereitet wird. Ja, sagen die Verfechter der Waldkindergärten. Denn gerade Waldkinder lernen schon früh selbstständig zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Sei es dabei, den eigenen Rucksack zu tragen oder sich an Regeln zu halten. Nicht alle Früchte im Wald sind essbar, tote Tiere dürfen auf keinen Fall angefasst werden, nicht jeder Baum ist zum Klettern da.

 

35-Stunden-Betreuung für Kinder ab drei

Für wen ist der Waldkindergarten keine Alternative? Kinder, die den ganzen Tag im Wald spielen und sich Rutschen aus Matsch bauen, sind am Ende des Tages dreckig. Das müssen Eltern aushalten können. Wer eine Betreuung für sein Kind unter drei sucht, wird in einem Waldkindergarten in der Regel nicht fündig. „Die Kinder müssen einfach schon ganz gut zu Fuß sein und so ein Tag im Wald ist anstrengend“, sagt Gabriele Vömel. Oft ist die wöchentliche Betreuungszeit auf maximal 35 Stunden begrenzt, manche Kitas helfen bei der Suche nach Anschlusslösungen. Bleiben die Kinder über Mittag, wird fast immer an einem Stützpunkt ein warmes Mittagessen angeboten.

Trotz höherem Kitabeitrag: ein Waldkindergarten für alle

Da viele Waldkindergärten Privatinitiativen sind, müssen Eltern mitunter auch mit etwas höheren Kosten rechnen. Im Evangelischen Kindergarten in Gruiten ist das nicht der Fall. Hier ist es Leiterin Gabriele Vömel auch wichtig, zu betonen, dass ein Waldkindergarten auf keinen Fall nur eine Institution sein soll für Kinder, deren Eltern es sich leisten können. „Hat zum Beispiel eine Familie Schwierigkeiten, die Kosten für gute Outdoorbekleidung aufzubringen, die die Kinder im Wald unbedingt brauchen, suchen wir mit der Gemeinde eine Lösung.“


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