MENU

Eltern-Kind-Turnen: Wie das Kleinkinderturnen früh fördert

Konzentriert kneift Lucas die Augen zusammen. Was der Zweieinhalbjährige vor sich sieht, kann er schwerlich nur mit einem Seitenblick streifen. Ob er es wagen soll? Etwas wackelig sieht das ja aus… Dann nimmt er seinen Mut zusammen und erklimmt den Mattenberg. Zwei Mal rutscht er ab, dann steht er oben und strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Seine Mutter Jennifer hat den gleichen Gesichtsausdruck. „Es ist so schön, wie Lucas sich über seine Erfolge freut! Das macht mich richtig glücklich.“

In diesem Artikel:

Eltern-Kind-Turnen: Freude pur

Auch die zweijährige Luzia flitzt in der Turnhalle fröhlich hin und her. „Sie kann hier ihre Selbstständigkeit entdecken und ausleben. Und sich so richtig auspowern, ohne dass ich ständig daneben stehen muss“, sagt ihre Mama Korinna Lang. Denn anders als auf dem Spielplatz ist hier alles ausgepolstert und weich. Und die Auswahl in dem von Kursleiterin Ingrid Schäfer aufgebauten Parcours ist wesentlich größer: Die Kleinen zwischen ein und drei Jahren wuseln zwischen Trampolin und Balancierstange, Krabbelrolle und Rutsche, nutzen Bälle, Kletterkästen und zur Schaukel umfunktionierte Ringe. Nicht sportliche Leistungen stehen hier im Mittelpunkt, „sondern schlicht und einfach die Freude am körperlichen Ausprobieren“, erklärt Ingrid Schäfer. Und die ist bei den Kleinen groß, wie die 72-jährige Gymnastiklehrerin weiß: Seit fast 50 Jahren bietet sie in Sonnenberg bei Wiesbaden Turnkurse für Babys, Klein- und Schulkinder an.

Der richtige Kurs

  • Eltern-Kind-Turnkurse richten sich an Kleinkinder im Alter von 1 bis 3 Jahren in Begleitung von Mutter oder Vater. Meist ist ein Parcours aufgebaut, bei dem die Kleinen im freien Spiel ihre körperlichen Fähigkeiten altersgemäß ausprobieren und erweitern können.
  • Gesonderte Kurse gibt es für Mädchen und Jungen im Kindergartenalter sowie Vorschulkinder, meist ohne Begleitung der Eltern. Vereinzelt werden auch Turnkurse für Babys im Alter von 3 bis 12 Monaten angeboten, die dem Kind dabei helfen sollen, durch angeleitete leichte Übungen, wie beispielsweise Rollen, den eigenen Körper kennenzulernen.
  • Meist bieten Turnvereine die Kurse an. Hier haben Eltern die Sicherheit, dass die Kursleitung eine spezielle Ausbildung hat, etwas als Gymnastiklehrerin. Entscheiden sich die Eltern für eine Vereinsmitgliedschaft, turnt das Kleinkind oft kostenlos oder für einen sehr geringen Obolus mit und ist auch im Falle eines Unfalls versichert. Auch Familienbildungsstätten bieten kostengünstige Bewegungskurse an (werden nicht immer von Sportlehrern geleitet – vorab nachfragen).

Erst die ganze Hand – dann ein Finger

Ingrid Schäfer ist überzeugt, dass Kinder so in ihrer körperlichen Entwicklung positiv unterstützt werden – im Nebeneffekt trainieren sie zudem Sozialverhalten. Schließlich müssen sie aufpassen, niemanden umzurennen und sich nicht vorzudrängeln. Sie selbst reicht gerade einem kleinen blonden Jungen die Hand, der auf einer Bank entlang balanciert, die dann in eine kleine Treppe übergeht. „Erst sind sie ganz vorsichtig, und die Mutter oder ich geben Hilfe. Später wollen sie dann nur noch einen Finger – und lassen ihn irgendwann ganz los, weil sie es allein schaffen“, erzählt Ingrid Schäfer lächelnd. „Das ist gut fürs Selbstbewusstsein, weil sie merken: „Ich kann das schon allein!“ Der Kleine lässt wie auf Stichwort die Hand los und blickt stolz in die Runde. Für die nächste Treppenstufe nimmt er die hilfreiche Hand aber wieder – und das ist absolut in Ordnung, denn jedem Kind wird hier sein eigenes Tempo zugestanden. Und wenn ein kleiner Turner keine Lust hat, auf Entdeckungsreise zu gehen, kann er selbstverständlich auch einfach den Anderen beim Ausprobieren zusehen.

Fit wie ein Turnschuh

Korinna Lang, die früher schon mit ihrem Ältesten beim Kinder-Turnen war, bestätigt, dass Eltern-Kind-Turnen in jungen Jahren die Lust auf Bewegung fördert. „Luzia läuft schon längere Zeit und sehr sicher – das hat meiner Meinung nach klar etwas damit zu tun. Ich trage sie selten, auch weitere Strecken sind kein Problem.“ Korinna ist überzeugt, dass die frühe Förderung auf Dauer dazu führen kann, dass Kinder sich auch später gern bewegen, anstatt nur vor Fernseher oder Computer abzuhängen. „Meine Kinder sind topfit auf unserem großen Trampolin im Garten und haben auch sonst eine teils endlos scheinende Kondition und Ausdauer.“ Sie lacht: „Luzia hat sogar schon das Reiten für sich entdeckt. Wenn kein Pferd in der Nähe ist, stellt sie sich aufs Bobbycar und versucht, die Balance zu halten. Wie beim Voltigieren!“ Die 37-Jährige empfiehlt allen Eltern, ihren Nachwuchs beim Kinderturnen mitmachen zu lassen: „Die Turnhalle gleicht oft einem Indoor-Spielplatz für die Allerkleinsten, die sonst noch nirgendwo mitmachen dürfen. Selbst Krabbelkinder haben dort schon Spaß.“
Lucas ist der beste Beweis: Er steht auf seinem Mattenberg und strahlt. Mutter Jennifer lacht: „Sieht so aus, als ob ich ihn nachher nur mit Gummibärchen da wieder herunter kriege.“

Experten-Interview

Frauke Mecher arbeitet seit 1981 als Physiotherapeutin in Braunschweig und hat sich auf die Behandlung von Säuglingen und Kleinkindern spezialisiert. Sie ist Beiratssprecherin im Deutschen Verband für Physiotherapie.

„Kinder wollen immer in Bewegung sein“

kidsgo: Ist Turnen für Kleinkinder sinnvoll oder nur überzogene Frühförderung?

Frauke Mecher: Aus physiotherapeutischer Sicht kann ich Anreize zur Bewegung nur befürworten. Nach meiner Erfahrung sind normal entwickelte Kinder in diesem Alter ohnehin immer in Bewegung, wenn man ihnen die Möglichkeiten dazu bietet und sie lässt. Leider sind viele junge Eltern oftmals nicht mehr in der Lage, ihrem Kind adäquate Bewegungsreize zu geben und seinen natürlichen Bewegungsdrang zu unterstützen. Gründe sind eine kleine Wohnung, fehlende Möglichkeiten, draußen zu spielen, keine Anregungen aus der Familie, übertriebene Fürsorge, Babygeräte wie Gehfrei, Reizüberflutung und verplante Abläufe.

kidsgo: Was können Kinder in diesem Alter überhaupt schon aus körperlicher Sicht leisten?

Frauke Mecher: Turntechnisch sollten sie gar nichts leisten müssen. Mit drei Jahren haben viele Kinder noch physiologisch bedingt X-Beine und Knickfüße. Das Fußgewölbe beginnt sich erst jetzt richtig auszubilden, die Beine stehen meistens erst ab Schulalter achsengerecht. Viele Knochenkerne sind noch nicht ausgebildet, sie sind noch knorpelig. Alles, was hier unter Leistungsaspekten geschieht, ist in meinen Augen eine Belastung. Und Bewegung soll Spaß machen! Etwa Purzelbaum schlagen, Balancieren, auf einem Bein stehen.

kidsgo:Kann man sein Kind auch ohne Turnkurs körperlich fördern?

Kurse in deiner Nähe

Auf kidsgo findest du Baby- und Kinderturnkurse in deiner Region!

Frauke Mecher: Sicher! Vor allem sollte man Vorbild sein: Sich gern bewegen, oft im Freien aufhalten und möglichst selber Sport treiben. Nicht alle Wege mit dem Auto zurücklegen! Zuhause kann man Bewegungslieder und –spiele einsetzen, Ball spielen und für Bewegungsmöglichkeiten sorgen: Etwa über Kissen und Polster krabbeln, auf das Sofa klettern, unter dem Tisch durchkriechen. Außerdem oft auf den Spielplatz gehen und nur im Notfall helfend eingreifen. Viel Schaukeln ist auch gut! Wenn das Kind etwas älter ist, kann man es im Wald über Baumstämme und Steine klettern lassen. Auch über Pfützen springen ist ideales Training.

Sport für die Mama: Beckenbodentraining

Mit speziellem Beckenbodentraining stärkst du nach der Geburt wieder beanspruchtes Muskel- und Bindegewebe! Angenehm und professionell lernst du die Übungen in einem Rückbildungskurs. Schau unserer Vloggerin Manu dabei über die Schulter:


Diese Seite bewerten: