GASTBEITRAG
Marion Glück

Als Autorin und ehemalige Offizierin verbindet sie in ihren Büchern und Interviews persönliche Erfahrungen mit strukturierten Entscheidungs- und Reflexionsprozessen. Mit ihrer Arbeit unterstützt sie Menschen dabei, innere Stabilität zu entwickeln und auch in herausfordernden Lebensphasen handlungsfähig zu bleiben.
Besuche Marion gerne auf ihrer Homepage, dem Glücksuniversum.
Das Buch "Das Leben ist BUND" findest du hier.
Nach außen funktionieren viele Leben scheinbar mühelos: Beruf, Familie, Verantwortung.
Doch innere Krisen halten sich nicht an Rollenbilder und schon gar nicht an Erwartungen. Gerade deshalb ist es so wichtig, Depression offen anzusprechen – vor allem dann, wenn nach außen alles stabil wirkt.
Marion Glück war früher Offizierin bei der Bundeswehr. Eine Position, die Stärke, Disziplin und Belastbarkeit verlangt. Umso schwerer war es für sie, sich einzugestehen, dass sie an einer Depression erkrankt war. In ihrem Buch „Das Leben ist BUND – Die lange Depression“ beschreibt sie offen ihren Weg durch die Krankheit, ihren Klinikaufenthalt und warum genau das Funktionieren-Müssen lange ein Teil ihres Problems war.
Heute arbeitet Marion als Mentorin für Führungskräfte und unterstützt Menschen dabei, mentale Stärke aufzubauen. Als Mutter weiß sie aus eigener Erfahrung, wie eng Depression und Elternschaft miteinander verknüpft sein können und wie wichtig Offenheit im Familienalltag ist.
Im Interview spricht sie darüber, warum es so wichtig ist, über psychische Gesundheit bei Eltern zu sprechen, weshalb Hilfe anzunehmen keine Schwäche ist und wie Offenheit dabei helfen kann, sich selbst und andere besser zu verstehen.
Im Gespräch
„Hallo Marion, schön, dass wir heute zu deinem Buch sprechen können. Wie kam es dazu? Also was gab den Impuls, ein Buch über die Depression zu schreiben – ist man nicht einfach froh, wenn es vorbei ist?“
Naja, um ehrlich zu sein, kam das eher aus einem Gespräch mit meiner Therapeutin.
Ich wollte Ende 2015 von ihr wissen, wann ich aus ihrer Sicht gesund bin. Sie sagte, ich wäre schon wieder gesund. Die Frage wäre eben, woran ich festmachen würde, dass ich wieder gesund bin, denn das ist bei Krankheiten, die man nicht sehen kann, ein wichtiger Punkt. Bei einem Beinbruch könnte man am Röntgenbild sehen, dass man gesund ist, bei einer Depression ist es nicht so einfach.
Meine Antwort kam aus dem Bauch heraus: Wenn ich darüber ein Buch schreiben kann. Und so hat sich das ergeben, denn immer, wenn ich nach 2015 gefragt wurde, seit wann ich wieder gesund bin, hatte ich das Gefühl zu lügen, wenn ich „Ende 2015“ sagte, weil ich ja noch kein Buch geschrieben habe. 2018 hat es mir dann gereicht. Ich habe mir gesagt, so, ich mache das jetzt zu meinem Projekt 2019, weil ich endlich sagen will, ich bin wirklich gesund."
Manchmal merken wir erst im Rückblick, dass wir noch nicht so weit sind, wie wir glauben. Gesund sein ist so viel mehr als „nicht krank sein“. Gesund sein heißt für mich, dass ich mir meine emotionalen Themen anschauen kann, ohne wegzulaufen oder sie unter den Teppich zu kehren, um weiter funktionieren zu können.
Was war deine größte Angst vor der Klinik – und hat sie sich bestätigt?
Ich hatte einerseits Angst vor den Themen, die sich dort zeigen würden. Außerdem wusste ich nicht, was in so einer Klinik passiert, wie der Tagesablauf ist, wie die einzelnen Therapieformen ablaufen.
Für mich war es außerdem überhaupt das Schwerste, mir einzugestehen, dass ich krank bin. Ich hatte Angst, dass ich keinen Anschluss finde, dass man mir sagt, ich bin überhaupt gar nicht krank und ich sollte mich mal nicht so anstellen.
Das hat sich alles nicht bestätigt und war nur in meinem Kopf. Interessanterweise war das Teil meines Problems. Dieses Gefühl, ich bin eine Mimose, eine Simulantin. Viele Eltern kennen genau dieses Gefühl: Andere bekommen das doch auch hin. Warum ich nicht? Ich darf mich doch nicht so anstellen, usw.).
Jedenfalls dachte ich, ich gehöre da gar nicht hin. Aber das hat sich definitiv nicht bestätigt.
Ganz im Gegenteil, mir wurde gesagt, dass ich sehr schmerzresistent bin und mich lieber selbst quäle, statt mir helfen zu lassen. Der Aufenthalt in der Klinik hat mir im Nachhinein gezeigt, wie sehr ich meine eigenen Grenzen ignoriert hatte.
Für mich war es außerdem überhaupt das Schwerste, mir einzugestehen, dass ich krank bin.
Gibt es eine Stelle im Buch, die dir besonders nahegeht – und warum?
Oh ja, da gibt es eine Stelle, als ich auf der Gorch Fock bin und das erste Mal in den Mast klettern muss:
„(…) Und da kommt sie, die Angst, unerwartet und schnell. Während ich dort hänge und nach unten sehe, wird mir bewusst, dass ich nicht gesichert bin. Jetzt ist mir klar, was geschehen könnte, wenn meine Kraft nicht reicht und ich abstürze.
,Wenn du jetzt loslässt‘, sagt meine innere Stimme ganz leise, ,dann bist du tot.‘
Die Angst weicht der Panik. Kein Vor und kein Zurück, ich bin wie gelähmt. Mit verkrampften Fingern klammere ich mich fest, zittere und heule. Ich will nicht weinen, aber die Tränen kommen einfach so, sie sprudeln aus mir heraus und hören nicht mehr auf. (…)
Das war die erste Panikattacke meines Lebens und es sollte nicht die letzte sein. Viele Panikattacken beginnen genau so. Sie kommen ohne Vorwahrnung, ganz plötzlich, mitten im Alltag. Das hat nichts mit mangelnder Belastbarkeit zu tun, sondern mit einem Nervensystem, das zu lange über seine Grenzen hinaus beansprucht wurde.
Die Reaktionen zeigen sehr gut, wie viel Angst wir immer noch davor haben, Schwäche zu zeigen – gerade als Erwachsene und vor allem als Eltern
Weißt du noch, was dich dazu bewegt hat, dein Kliniktagebuch in dein Buch zu integrieren?
Naja, ich war dabei, das Buch zu schreiben, und hab dann überlegt: Gerade für Menschen, die selbst keine Depression erlebt haben – Partner:innen, Eltern, Freunde – ist es oft schwer zu verstehen, was da eigentlich passiert. Durch das Kliniktagebuch können sie es nicht nur verstehen, sondern fühlen.
Meine Überlegung war, dass ich da mit der Zeit ein bisschen spielen kann, in dem ich mein Kliniktagebuch im Präsens integriere. Es ist für die Lesenden dann so als würden sie das selbst gerade erleben. Mir ging das damals mit dem Tagebuch von Anne Frank zumindest so. Das hat sehr intensiv auf mich gewirkt.
Außerdem zeigt das Tagebuch mit welchen höchstpersönlichen Herausforderungen ich zu kämpfen hatte. Gleichzeitig wusste ich: Im Rahmen von Buchtherapie war es ein ganz wichtiger Punkt, dass ich mein eigenes Kliniktagebuch noch mal lese, weil ich eine Schreibblockade hatte.
Ich fühlte, dass da irgendwas in diesem Buch ist, an das ich unbedingt noch mal ran muss, weil es noch nicht ausgeheilt war. Und deswegen habe ich mich entschieden, das Kliniktagebuch in mein Buch "Das Leben ist BUND" zu integrieren.
Was kann jemand aus deinem Buch mitnehmen, der sich selbst gerade „irgendwie falsch“ fühlt?
Mein Ziel war es und ist es immer noch, mit dem Buch Mut zu machen, sich in jeder Lebenslage auf Hilfe einzulassen und Neues auszuprobieren.
Das bedeutet ganz allgemein:
· sich jemandem anzuvertrauen, obwohl es Überwindung kostet
· professionelle Hilfe anzunehmen, bevor gar nichts mehr geht
· alte Glaubenssätze loszulassen wie z.B.: Ich muss das allein schaffen. /Ich muss stark sein.
Weil das, was man bisher gemacht hat, einen ja dahin gebracht hat, wo man gerade ist. Wenn man sich da irgendwie falsch fühlt oder sogar richtig krank ist, dann muss man etwas Neues ausprobieren und sich darauf einlassen. Das gilt auch für Situationen, mit denen man noch nie konfrontiert war. Bei mir waren das die Fehlgeburten, mit denen ich später konfrontiert wurde.
Umgang mit Reaktionen aus dem Umfeld
Welche Reaktionen hast du auf das Buch bekommen – vor allem von Menschen, die selbst unsicher sind, ob Therapie etwas für sie ist?
Ich habe durchaus Gegenwind bekommen. Es gab Kamerad:innen, die gesagt haben: "Das kannst du nicht veröffentlichen!" Dann gab es auch Menschen in meinem Umfeld, die mich warnten: "Das solltest du auf jeden Fall nicht veröffentlichen! Du wirst deine Kunden verlieren!"
Ich glaube, diese Reaktionen zeigen sehr gut, wie viel Angst wir immer noch davor haben, Schwäche zu zeigen – gerade als Erwachsene und vor allem als Eltern. Dabei brauchen Kinder doch vor allem ehrliche Erwachsene, die sich Hilfe holen, wenn sie nicht mehr können. Als Mutter sage ich das zumindest immer meinem kleinen Sohn. Warum nicht auch Vorbild sein?
Und gleichzeitig gibt es eben auch ganz viele Rückmeldungen, und die überwiegen zum Glück, die mir bestätigen, wie hilfreich mein Buch war, um endlich zu verstehen, wie sich so eine Depression für einen Menschen im Umfeld anfühlt und warum ein Ratschlag wie "Du musst halt einfach mal raus gehen!", keine Hilfe ist.
Weitere artikel
Auf kidsgo findest du weitere Artikel zum Thema Wochenbettdepression. Hol dir Hilfe und Unterstützung nicht erst, wenn es Probleme gibt.
Weitere Interviews zu den anderen Büchern von Marion Glück findest du hier:
Schwere Entscheidungen leicht treffen
Gerade bei Entscheidungen in der Schwangerschaft oder generell zu den Themen Familie, Kinder und Elternschaft geraten Frauen wie auch Männer immer wieder in Situationen, für die es keine einfachen Lösungen gibt und bei denen es unmöglich ist, allen Erwartungen gerecht zu werden.
Priorität Nr. 1 nach der stillen Geburt.
Der Verlust eines Kindes reißt einem den Boden unter den Füßen weg und verändert das ganze Leben. Die darauffolgende Trauer nach einer Fehlgeburt ist nichts, was man „hinter sich bringt“.
Vertrauen fassen nach der stillen Geburt - Schwanger mit dem Regenbogenkind
Nach einer stillen Geburt ist nichts mehr selbstverständlich. Vertrauen in den eigenen Körper, in das Leben und in eine erneute Schwangerschaft muss oft erst mühsam wieder wachsen.
KINDERBUCH: "Mimi wird Weihnachtsmann"
Träume von Kindern sind ein wichtiger Teil ihrer Entwicklung. Wie Eltern sie stärken können,erzählt die Autorin durch Mimi, die Weihnachtsmann werden will.
Wieso ist es wichtig, auch über mentale Gesundheit in der Elternzeit zu sprechen – gerade, wenn alles nach außen perfekt scheint?
Ich glaube, es ist wichtig, weil einem Social Media ein Bild zeichnet, das ganz oft Augenwischerei ist. Dazu kommt der möglicherweise gefühlte Druck der Gesellschaft von der perfekten Mutter, dem perfekten Vater oder der perfekten Familie.
Von Eltern und vor allem von Frauen, die alles unter Kontrolle haben, die die Kinder großziehen, selbst den Babybrei kochen, natürlich nur Bio und handgezupft und die auch noch arbeiten gehen.
Da kann sich abends im Bett schon mal der Gedanke anschleichen: „Alle bekommen es hin, nur ich nicht.“
Oder man hat nach der Geburt vielleicht mit einer Kindbettdepression zu tun und quält sich mit dem Vorwurf eine schlechte Mutter zu sein. Gerade hier zeigt sich die enge Verbindung von Depression und Elternschaft und wie wichtig es ist, offen über Überforderung und Unterstützung zu sprechen. Vielleicht ist man als frischgebackene Mutter oder Vater auch einfach mit der Situation überfordert, weil die Rolle und die Lebenssituation ganz neue Herausforderung mit sich bringen, mit denen man gar nicht gerechnet hat.
Das kann durchaus auch zu viel sein.
Überforderung ist für mich kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Indikator dafür, dass zu viel gleichzeitig gestemmt wird und die Anforderung oder Aufgabenfülle zu viel sind.
Genau deshalb finde ich es ganz wichtig, offen darüber zu sprechen. Niemand sollte das Gefühl haben, damit allein zu sein. Denn wie oft hört man von der älteren Generation „Na, wir haben es ja auch alles hinbekommen. Die Jugend ist einfach nicht belastbar.“
Was würdest du einer Mutter sagen, die das Gefühl hat: Ich darf doch nicht schwach sein?
Ich würde ihr sagen „Das hat nichts mit schwach sein zu tun. Schwach bist du, wenn du denkst, dass du es allein schaffen musst. Wenn du dir helfen lässt und mentale Stärke aufbaust, dann wirst du die Energie haben, die du brauchst. Also hilf dir zuerst selbst, um stark für dein Kind und deine Familie zu sein. Dein Kind braucht in erster Linie eine Mutter, die gut für sich sorgt.“
Dein Buch ist sehr persönlich – warum ist es dir trotzdem wichtig, es mit der Welt zu teilen?
Weil ich glaube, dass wir sehr viel von anderen Menschen lernen können. Das geht aber nur, wenn wir darüber sprechen und unsere Erfahrungen nicht wie ein Schatz horten, sondern mit anderen teilen. Ich habe das Medium des Buches gewählt, weil so viele Menschen die Möglichkeit haben, im stillen Kämmerlein Lösungsoptionen für die eigenen Herausforderungen zu finden. Außerdem schreibt bekanntlich das Leben die besten Geschichten, als Betroffene müssen wir sie nur aufschreiben. Mit meinem Konzept Buchtherapie funktioniert das innere Aufräumen erfahrungsgemäß sehr gut.
Du hast inzwischen mehrere Bücher geschrieben – was verbindet sie alle miteinander?
Bis auf „Mimi wird Weihnachtsmann“ habe ich aus meinem eigenen Erleben geschrieben. In allen Büchern gebe ich einen Einblick in meine Gefühlswelt und zeige Lösungsoptionen auf und teile Übungen, die ich angewendet habe, um gestärkt aus den Katastrophen hervorzugehen.
Liebe Marion, wir danken dir ganz herzlich für das Gespräch und für deine wunderbare Arbeit, mit der du so viele Menschen stärkst. Ich freue mich schon auf die weiteren Gespräche mit dir.
