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Auch Erziehen will gelernt sein

Wir Eltern sind die Wegweiser für unsere Kinder – das kann manchmal anstrengend sein. Wenn Eltern nicht mehr weiter wissen, hilft ein Elternkurs den Familienstress zu reduzieren.

In diesem Artikel:

Was tun bei "Nein, ich will nicht"?

Noch immer steht Jan mit verschränkten Armen vor seiner Mutter. „Nein, will nicht!“, protestiert er lautstark. Gerade hat ihn Mama Jenny zum vierten Mal aufgefordert, ins Bad zum Zähneputzen zu kommen. Zuerst hat sie ihn kurz weiterspielen lassen, nachdem sie ihn gerufen hat. Doch jetzt wird es ihr zu bunt, sie möchte ihren Zweijährigen packen und ins Badezimmer ziehen, doch Jan versteckt sich schnell unter dem Tisch. Jenny merkt, wie in ihr langsam die Wut hochsteigt. Nach anstrengenden Arbeitsstunden im Büro und einem hektischen Ausflug in den Supermarkt hatte sie sich auf einen gemütlichen und vor allem erholsamen Feierabend gefreut.

Studie Elternkurs

Schon zweimal ließ der Deutsche Kinderschutzbund (DKB) seinen Elternkurs ‚Starke Eltern – starke Kinder‘ wissenschaftlich beurteilen. Eltern und Kinder sagen, was sie gelernt haben und was sich nach dem Kurs in ihrer Familie verändert hat.

Die Eltern

.... lernen viel über und für ihren Erziehungsstil. Dabei hinterfragen sie ihre Erziehungskonzepte, verändern oder ergänzen sie, wodurch es seltener zu negativen Verhaltensweisen kommt. Viele Eltern nehmen die Stärken ihrer Kinder danach bewusster wahr, können sich besser einfühlen und schaffen es, mehr Verbindlichkeit und Struktur in den Alltag zu bringen und Grenzen zu setzen.

Die Kinder

... empfinden mehr Wärme, Trost und Unterstützung. Ein weiterer Effekt: Es kommt zu weniger Konflikten mit anderen Kindern. Auch die Eltern beobachten ein verbessertes Sozialverhalten bei ihren Kindern.

Weitere Informationen unter
www.kinderschutzbund.de

Und wie sieht es andernorts aus? Anna ist zwei und kann sich fast schon alleine anziehen. Ihre Mutter weiß, dass sie es kann und lässt ihr morgens die Zeit, doch heute muss sie in einer halben Stunde mit Anna schon beim Kinderarzt sitzen. Also beschließt sie, ihrer Tochter zu helfen. Das gefällt Anna überhaupt nicht. Sie protestiert lautstark, läuft weg, die Mutter holt sie ein und versucht ihr schnell den Pullover überzustreifen. „Nein, Anna will alleine machen!“, ruft Anna und verschränkt die Arme. Ihre Mutter ist ratlos.

Die meisten Eltern kennen dieses Gefühl, wenn das Kind sich weigert, sich anziehen oder die Zähne putzen zu lassen. Wenn es sich auf dem Boden wälzt, weil es keine neue Windel haben möchte, wenn es den Breilöffel wegschlägt oder im Supermarkt lautstark nach einem Schokoriegel verlangt.

Dem Trotzkopf Paroli bieten

Was hilft jetzt? Schreien? Bitten? Drohen? Gerade im Trotzkopfalter stoßen Eltern ziemlich oft an ihre Grenzen und zweifeln dann an ihrem Erziehungsstil. Wenn dann der Rat der Freundin, die schon alles durchgemacht hat, nichts mehr hilft, ist es an der Zeit, sich professionellen Rat zu suchen. Ein Elternkurs kann Eltern helfen, die Reaktionen des Kindes besser zu verstehen und in Trotzsituationen gelassen, souverän und kindgerecht zu reagieren.

Grundsätzlich fragen wir uns, wie wir heute unsere Kinder erziehen wollen: „Alle wollen gute Eltern sein und das Beste für ihr Kind tun – wenn sie nur wüssten, was das Beste ist“, sagt Paula Honkanen-Schoberth, Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes.

Autoritärer Erziehungsstil ist Geschichte

Der autoritäre Erziehungsstil ist längst überholt, Schläge sind tabu. Im Jahr 2000 wurde die gewaltfreie Erziehung im Bürgerlichen Gesetzbuch in § 1631 Abs. 2 verankert: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Sollte man Kindern stattdessen eine grenzenlose Freiheit gewähren? Und wie lassen sich Konflikte in der Familie lösen? Wann ist es sinnvoll, Grenzen zu setzen und wie geht das? Das sind nur einige Fragen, auf die Eltern Antworten in einem Elternkurs finden.

Eltern wollen gelassen sein

Die klassische Rollenverteilung verlangt meist von den Frauen einen Spagat zwischen Kind und Beruf. Hinzu kommt der eigene und gesellschaftliche Anspruch, seine Kinder bestens zu begleiten und zu fördern. „Mütter wollen Familie und Berufstätigkeit vereinbaren – das ist nicht immer einfach“, sagt die Fachfrau. Oft empfinden berufstätige Mütter den Alltag zwischen Terminen, Kinderbetreuung und Haushalt als stressig. Ist der Druck und Zeitmangel groß, leidet manchmal auch die Beziehung zu ihren Kindern darunter, obwohl sie sich im Umgang mit ihnen Freude, Geduld und Gelassenheit wünschen.

Elternkurs finden

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Auf kidsgo.de/elternkurse stellen wir die Ansätze unterschiedlicher Elternkurse vor. Elternkurse in deiner Nähe findest du auf kidsgo.de/adressen

Elternkurs für Erziehungsfragen

Paula Honkanen-Schoberth war 1985 eine der Ersten, die sich an die Konzeption eines Elternkurses wagte, der sich mit grundlegenden Erziehungsfragen beschäftigte: ‚Starke Eltern – Starke Kinder’ haben bis heute 160.000 Väter und Mütter besucht. Viele andere Elternkonzepte folgten – wie zum Beispiel STEP, SPIN oder SAFE, TAFF und KESS. Ihr Ziel: Sie alle wollen Vätern und Müttern Wege zeigen, wie sie konstruktiv mit Konflikten umgehen können und sie in ihrer Erziehungskompetenz stärken.

Verschiedene Elternkurse, verschiedene Ansätze

Die Ziele mögen ähnlich sein, die Methoden sind es nicht immer. Der Grund: Die Kurse basieren auf unterschiedlichen wissenschaftlichen Hintergründen. ‚KESS’, ‚Familienrat’ und ‚Encouraging’ (Ermutigung) basieren zum Beispiel auf der Individualpsychologie Alfred Adlers. Er ging davon aus, dass jeder Mensch von Geburt an danach strebt, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Kinder, die sich in ihrer Familie nicht gut aufgehoben fühlen, neigen demzufolge zu unsozialem Verhalten.

EFFEKT kommt aus der Familienpsychologie, das heißt: Familien und deren Kinder wurden mehrere Jahre lang  wissenschaftlich begleitet. In diesem Rahmen wurde die Wirksamkeit von selbst entwickeltem Fördertraining erforscht, das das Sozialverhalten verbessern soll.  Triple P dagegen gründet auf Erkenntnissen der Verhaltenstherapie, sprich: Eltern erhalten hier Verhaltens-Empfehlungen, die dazu führen sollen, dass sich das Verhalten ihres Kindes ändert.
Das Problem: Laien können die unterschiedlichen wissenschaftlichen Ansätze kaum beurteilen.

Welcher Weg passt zu uns?

Ein Elternkurs ist dann gut, wenn er die Teilnehmer ermutigt, den Weg zu suchen, der am besten zu ihnen und ihrer Familie passt. Jede Familie ist einzigartig. Es gibt keine fertigen Lösungen. Nachdenken, Lösungen suchen, Kontakte zu anderen Eltern aufbauen und miteinander ins Gespräch kommen – das ist wichtig.

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Kinder brauchen Regeln

Professorin Sigrid Tschöpe-Scheffler, Direktorin des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie in Köln, formuliert es ähnlich: „Unterstützungsangebote sind insbesondere dann erfolgreich, wenn sie die Eltern ermutigen, ihre eigenen Handlungen und Motive zu hinterfragen und sich mit anderen Eltern über ihre Konzepte auszutauschen“, schrieb sie in ihrem Buch ‚Elternkurse auf dem Prüfstand’. Würden Eltern jedoch mit ‚Erziehungsrezepten’ oder abstrakten Informationen konfrontiert, die schnellen Erfolg versprechen, ohne dass man sich darüber groß Gedanken machen müsse, sei das außerordentlich problematisch.

Erziehung ist mehr, als unerwünschtes Verhalten abzustellen. „Voraussetzung für Erziehung ist eine Beziehung“ sagt Silke Voellner, langjährige ‚Starke Eltern – starke Kinder’-Kursleiterin und Familiencoach. „Eltern haben bereits diese Beziehung, diese wunderbare einzigartige Elternliebe zu ihren wunderbaren einzigartigen Kindern! Elternkurse können dazu beitragen und helfen, dass diese Beziehung, die manchmal im Alltagsstress etwas vergraben wird, für die Eltern wieder spürbar ist und trägt.“

Bild: Mirko Phla

Bedürfnisse von Kindern und Eltern

Damit das gelingt, erhalten Eltern in Elternkursen Hintergrundwissen: Welche Bedürfnisse Kinder haben. Wie Familienmitglieder achtsam und respektvoll miteinander umgehen können. Wie sie ihre Achtung und ihren Respekt durch die Art, wie sie miteinander reden, zeigen können. Der Stuttgarter Familiencoach Kay Rurainski nennt ein Beispiel: „Auf Durchzug stellen – das ist eine ganz normale Reaktion von Kindern auf zu viel Text. Viele Eltern erklären ihren Kindern zu oft, was sie tun und lassen und wie sie fühlen und denken sollen.“ Zuhören sei aber viel effektiver. Offen sein für das, was das Kind sagt, wiederholen, was man verstanden hat, und sich selbst mit Kommentaren zurückhalten. ‚Aktives Zuhören‘ heißt das in der Fachsprache. Eine Kunst, die – so Rurainski – gar nicht sehr schwer zu praktizieren sei. Er macht Mut: „Eltern können das!“

„In Familien entstehen immer wieder neue Situationen, die herausfordern“, berichtet Paula Honkanen-Schoberth. „Aber nicht immer müssen Eltern sofort eine Lösung aus der Hosentasche zaubern. Viel besser ist es oft, mit dem Kind altersgemäß zusammen zu überlegen: ‚Was machen wir jetzt?’ Eine solches Vorgehen bestärkt das Kind, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und Probleme kreativ zu lösen.“

Auch Diskussionsrunden über Erziehungsziele gehören zu Elternkursen. Miteinander sprechen, sich austauschen über Erfolge und über die Wege, die dorthin führen. Rollenspiele können helfen, diese neuen Wege auszuprobieren – als Trockenübungen. Damit das Erlernte im Alltag auch angewandt wird, gibt es eine Wochenaufgabe.

Probleme sind normal

„Elternkurse bieten die Möglichkeit, in Ruhe den Erziehungsalltag zu reflektieren und über schwierige Situationen nachzudenken: Was hat mich in dem Moment gestört? Was ist da passiert?“, berichtet Nicola Eschweiler-Trutzenberg, die ‚Starke Eltern – Starke Kinder’-Kurse leitet. Hier können Eltern lernen, aber auch entspannen. „Zu erfahren, dass Probleme in der Erziehung völlig normal sind, lässt Eltern aufatmen.“

Die Reaktionen sind positiv: „Ich habe mich sehr intensiv mit den Fragen beschäftigt: Welche Werte sind mir wichtig? Welche Werte will ich meinem Kind vermitteln?“, berichtet die Kölnerin Sandra Montagna, die an einem Kurs ,Starke Eltern – Starke Kinder‘ teilgenommen hat. Der Kurs hat ihr einiges an Rüstzeug an die Hand gegeben, auf das sie in vielen Alltagssituationen immer wieder zurückgreifen kann. „Zum Beispiel dann, wenn es zum Abendessen nach Hause gehen soll, meine Tochter aber auf dem Spielplatz viel lieber noch weiter schaukeln möchte. Ich habe erfahren, wie ich mich innerlich von dem Konflikt distanzieren kann, ihn mir sozusagen von außen anschaue – und auflöse.“

Konflikt bedeutet nicht kompatible Bedürfnisse

Wie das geht? Die Mutter hat gelernt: Konflikte entstehen immer dann, wenn zwei Bedürfnisse nicht zusammenpassen. „Wichtig ist, nicht nur eigene Interessen, sondern auch das Bedürfnis des Kindes ernst zu nehmen. Und ihm das auch zu signalisieren: ,Ich kann verstehen, dass du noch schaukeln möchtest, aber wir müssen nach Hause, weil ....‘ Merkt meine Tochter, dass sie verstanden wird, kocht der Konflikt oft erst gar nicht hoch. Dann kann ich einen Kompromiss vorschlagen.“ Besonders lobt Kursteilnehmerin Sandra Montagna die vertrauensvolle Atmosphäre, die durch die Kursleiterin geschaffen wurde, so dass ein intensiver persönlicher Austausch unter den Eltern möglich wurde.

Teilnehmer anderer Kurse äußern sich ähnlich. „STEP hat mir als Mutter eine zeitgemäße Kindererziehung ermöglicht, bei der jedes Kind mit seinen Stärken und Schwächen respektiert und gefördert wird“, sagt eine Mutter von zwei kleinen Kindern aus Dinslaken. Wer mit Eltern spricht, die ein Elterntraining absolviert haben, hört immer wieder: „Ich kann mich jetzt leichter in meine Kinder hineinversetzen und verstehe besser ihr Verhalten und Handeln.“

Zuwendung nimmt Stress

Auch Jans Mutter Jenny hat an einem Elterntraining teilgenommen. Zum Machtkampf mit ihrem Sohn kommt es seitdem kaum noch. Denn sie hat begriffen: Jan braucht am Abend einfach noch eine Portion Zuwendung. Ein bisschen spielen, ein bisschen reden, ein bisschen lesen. Deshalb nimmt sie sich jeden Abend, bevor Jan ins Bett soll, eine halbe Stunde Zeit, die nur ihnen beiden gehört. Jan darf bestimmen, womit sie die Zeit ausfüllen. Einzige Voraussetzung der Mutter: Kein wildes Getobe – dazu reichen ihre Kräfte am Abend nicht mehr. Inzwischen genießt nicht nur Jan diese schöne halbe Stunde, die mittlerweile ein liebgewonnenes Ritual geworden ist. Danach geht es gemeinsam ins Bad zum Zähneputzen und dann Richtung Bett.