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Infos für Väter - Elternzeit als Qualifikation

Überzeugt davon, dass Elternschaft unter anderem beruflich relevante Fähigkeiten wie Multitasking, Empathie, Verhandlungsführung oder Geduld verstärkt, bewegt Volker Baisch, Geschäftsführer von Vaeter e.V., Personalabteilungen und Vorstände zum Umdenken: Sie beginnen, Elternzeit als Qualifikation zu verstehen und aktiv Anreize zu setzen, damit Väter diese Auszeit nehmen können.

In diesem Artikel:

Elternzeit als Qualifikation

Volker Baisch vernetzt Väter über seine Internet-Plattform und propagiert ein Rollenmodell, das aktive Vaterschaft und Karriere nicht als Widerspruch versteht, sondern als optimale Ergänzung. Sein Ziel ist es, dass Paare sich frei entscheiden können, wie sie ihre Zeit zwischen Familie und Beruf aufteilen.

Volker Baisch


Volker Baisch ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern. Er ist Geschäftsführer von Vaeter e.V. und hat in den letzten Jahren eine Vielzahl von Väterprojekten geleitet. 2007 ist er von Ashoka D (www.ashoka.org/de) für seine innovativen Projektansatz Vätern in Unternehmen anzusprechen als „Social Entrepreneur“ mit einem dreijährigen Stipendium ausgezeichnet worden. Somit hat er die Möglichkeit, das Hamburger Väterprojekt auf ganz Deutschland auszudehnen. Er ist Mitbegründer des bundesweiten Netzwerkes „Väterexpertennetz Deutschland“ (VEND).

Gespräch mit Volker Baisch

kidsgo: Wie hat sich die Rolle des Vaters in den letzten Jahrzehnten verändert?

Volker Baisch: Heute sehen sich 67 Prozent der Männer als Erzieher ihrer Kinder und nicht mehr als der klassische Ernährer, wie noch vor zehn Jahren. Väter verbringen heute achtmal mehr Zeit mit ihren Kindern. Die Zeitbudgetstudie des statistischen Bundesamtes (Peter Döge, 2003) hat ergeben, dass Väter heute mit einem Kind im Alter bis zu sechs Jahren durchschnittlich täglich 168 Minuten Hausarbeit und 75 Minuten für Kindererziehung aufbringen. Männer mit Kindern sind also heute viel präsenter, übernehmen viel selbstverständlicher Aufgaben in der Erziehung. Dreiviertel der Väter möchten laut Allensbach heute gerne ihre Arbeitszeit reduzieren, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Auch die Einführung des Elterngeldes hat gezeigt, dass die Bereitschaft und die Rollenvorstellungen von Vätern sich stark verändert haben in Richtung einer gelebten Vaterschaft.

kidsgo: Wie wichtig ist der Vater für die Entwicklung des Kindes?

Volker Baisch: Der Vater des Kindes ist für die Entwicklung des Kindes genau so wichtig wie die Mutter. Das bestätigen vielfältige Untersuchungen und aktuelle Forschungen. Jean Le Camus (Anm. d. Red.: Psychologe und Professor an der Universität von Toulouse-Le Mirail, dessen Forschungsarbeit und zahlreiche Publikationen sich mit der frühkindlichen Entwicklung und dem besonderen Anteil der Väter hierbei befassen) hat beispielsweise herausgefunden, dass Väter offensiver spielen als Mütter. Er stellte fest, dass Väter - häufiger als Mütter - ihre Kinder necken und ihre Erwartungen an das Spiel mit impulsiven Gesten und Ideen stören. So ermutigen sie ihre Kinder, neue Lösungen zu entdecken und Hindernisse zu überwinden. Ab und zu mal über Grenzen zu gehen, scheint ein häufiges Merkmal väterlichen Spielverhaltens zu sein. Auch Wettkämpfe und körperliches Spiel schaffen wichtige Voraussetzungen für soziale Entwicklungen. Grenzen erkennen, Regeln einhalten, Mitgefühl entwickeln, hierzu scheinen nach Beobachtungen von Le Camus vor allem Väter aufzufordern. Untersuchungen von anderen Väterforschern , wie Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis (Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen), haben deutlich gezeigt, dass Väter durch ihr Spiel die Neugier und das Durchhaltevermögen ihrer Kinder mehr fördern und damit das Selbstbewusstsein in die eigenen Fähigkeiten stärken.

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kidsgo: Neben der klassischen Kleinfamilie entstehen immer mehr so genannte Patchworkfamilien. Und es gibt jede Menge Väter, die nicht in traditionelle Denkkategorien passen, z.B. Adoptivväter, Pendelväter, Pflegeväter, Ein Drittel-, Zwei Drittel-, Fifty-fifty-Väter, homosexuelle Väter, Tagesväter, Hausmänner, „Opapas“ und zunehmend allein erziehende Väter. Wie wirkt sich das auf unsere Gesellschaft aus, welche Folgen hat das für die Kinder?

Volker Baisch: Die Mehrzahl der Kinder leben immer noch in der klassischen Kleinfamilie (Vater/Mutter/Kind), doch Sie haben Recht, dass sich die Formen zunehmend wandeln. Am stärksten wächst die Form der Patchwork- und der Trennungsväter. Gesellschaftlich spürt man diesen Trend bisher nur in den Medien und an der Nachfrage an Beratungsangeboten. Doch heute ist es viel selbstverständlicher unter Erwachsenen und Kindern über ihre neuen Familienformen zu reden. Während früher Trennungskinder noch stigmatisiert wurden, ist diese Form in einigen Kitas und Schulen in Hamburg schon die häufigste Form und viel akzeptierter. Das hat zur Folge, dass auch Beratungsangebote leichter von den Beteiligten angenommen werden und das Fachpersonal in den Einrichtungen auf die unterschiedlichen Schwierigkeiten und Probleme reagieren kann.

Väter e.V.


Volker Baisch gründete 2001 in Hamburg den Vaeter e.V. Er unterstützt Männer in dem Wunsch, mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen zu können, ohne gleichzeitig Nachteile in ihrem Job befürchten zu müssen. Der Diplom Sozialwirt arbeitet gemeinsam mit Gleichgesinnten und in Kooperation mit verschiedenen Unternehmen daran, die immer noch herrschende Kultur zu ändern, dass Männer, die auf ihre Kinder aufpassen, nicht ernst genommen werden und ihre Aufstiegschancen vertun.

www.vaeter.de

kidsgo: Gibt es eigentlich den idealen Vatertyp?

Volker Baisch: Genauso wie es den idealen Muttertyp nicht gibt, gibt es auch den idealen Vatertyp nicht. Es gibt unterschiedliche Typen von Vätern. Der Typ Vater, der Familie und Beruf vereinbaren möchte, ist prozentual schon der weitaus größte und das lässt hoffen, dass es in den nächsten Jahren für viele Väter selbstverständlicher wird, sich um Beruf und Kinder gleichermaßen zu kümmern.

kidsgo: Was hat sich mit Einführung des neuen Elterngeldes verändert?

Volker Baisch: Väterfreundlichkeit ist für Unternehmen und Väter – nach all unseren Erfahrungen – eine „Win-Win“-Lösung. Die Personalentwicklungsabteilungen der Unternehmen sind neugieriger und offener seit der Einführung des Elterngeldes. Wir machen die Erfahrungen, dass Unternehmen sehr wohl gesprächsbereit sind, wenn es um die Umsetzung des neuen Elterngeldes geht. Bis jetzt fehlten die Experten und Fachleute, die solche Konzepte entwickelt haben und auch umsetzen konnten. Mit unserem Modellprojekt (Innovative Personalentwicklung für Väter) konnten wir uns viel Know How erarbeiten, um nun auch anderen Unternehmen Angebote zu machen, das Konzept "Väterfreundlichkeit" als Personalentwicklungsinstrument zu sehen. Wir machen die Erfahrung, dass gerade durch den Facharbeitermangel viele Personaler nach neuen Anreizmodellen für Mitarbeiter Ausschau halten.

kidsgo: Wie kann ein Vater, der aufgrund seiner Berufstätigkeit oder weil er ein so genannter Wochenend- oder Besuchsvater ist, trotzdem positiven Einfluss auf die Entwicklung seines Kindes nehmen?

Volker Baisch: Beim Vater kommt es nicht auf die Menge der Zeit an, um ein anwesender Vater zu sein, sondern eher auf die emotionale Präsenz, also auf die Qualität der Zeit. Ob er mal in der Woche anruft, eine SMS schickt (bei älteren Kindern), eine Karte schreibt, dass er gerade an sie denkt, sich an Elternabenden über das Fortkommen der Kinder informiert oder mal ein Wochenende im Rahmen unseres Programms mit Gleichgesinnten wegfährt - wichtig ist, mit den Kindern im Austausch, im Dialog zu bleiben, ihnen zu zeigen, dass sie trotz der Trennung oder der Distanz wichtig sind.

kidsgo: Zum Schluss ein ganz persönlicher Appell an alle Väter?

Volker Baisch: Ich glaube, dass es wichtig ist, sich immer wieder als Vater zu fragen, ob man seinem Kind nahe genug ist, um mit ihm in den Austausch über Alltäglichkeiten zu gehen oder mal allein mit dem Kind wegzufahren – das sind oft die schönsten Momente für beide und auch eine Kraftquelle für den Alltag.