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Beziehungsprobleme nach der Geburt: Mit Baby Paar bleiben

Die erste Zeit mit dem Baby kann die Paarbeziehung auf eine harte Probe stellen. Erfahre hier, wie du Paarprobleme nach der Geburt vermeiden kannst!

In diesem Artikel:

Frust statt Freude: Beziehungsprobleme nach der Geburt

„Wir haben uns plötzlich nur noch gestritten. Die vielen schlaflosen Nächte, die Hilflosigkeit, wenn Justine stundenlang schrie. Zärtlichkeiten haben wir so gut wie gar nicht mehr ausgetauscht, geschweige denn, dass es im Bett zu mehr gekommen wäre.“ Der 26-jährige Daniel und seine Frau Svenja (24) erleben gerade das, was vielen Paaren in der ersten Zeit mit dem Baby nicht erspart bleibt. Frust statt Freude.

„Das ist gar nicht so selten“, sagt Musik- und Paartherapeutin Brigitta Zuber aus Lippstadt. Die Gründe dafür seien unterschiedlich. Romantisch überhöhte Vorstellungen, Unerfahrenheit, unterschwellige Probleme, die auch schon vor Schwangerschaft und Geburt vorhanden waren und jetzt erst recht ans Licht kommen. „Wer zum Beispiel geglaubt hat, mit einem Kind würden sich die Konflikte vielleicht von selber lösen, der wird enttäuscht werden. Vor allem unerfüllte Erwartungen führen hier schnell zu negativen Gefühlen. Dass es gerade in der ersten Zeit, bedingt auch durch das Stillen, durchaus einen Unterschied in der Rollenverteilung gibt, dessen müssen sich die Eltern bewusst sein.

In dieser Zeit wünschen sich die meisten Frauen viel Unterstützung und Schutz seitens des Mannes. Er braucht ein großes Herz und darf nicht jede Reaktion persönlich nehmen. Sie hingegen darf nicht den Fehler machen, in der engen Symbiose mit dem Kind, den Partner auszugrenzen. Klar muss sein: Die Elternschaft steht zunächst im Mittelpunkt. Wenn es beiden gelingt, respektvoll und in Liebe miteinander umzugehen, dann geht es fast von selbst wieder in die Paarrolle hinein.“

Wichtig sei auch, betont die Fachfrau, möglichst viel miteinander zu reden: „Viele Konfliktsituationen lassen sich auf diese Weise schon von vornherein vermeiden. Dazu gehören klare Absprachen. Wer kümmert sich wann um das Baby. Wer steht nachts auf. Welche Vorstellungen von Erziehung hat man. Das klingt einfach, ist es aber nicht. „Es sind schon Riesenstreits darüber entstanden, ob das Kind einen Schnuller bekommt oder nicht“, sagt Brigitta Zuber. Sie rät allen Paaren, möglichst schon vor dem ersten Kinderwunsch die Kommunikation zu üben.

Natürlich ist es von der Theorie zur Praxis immer ein weiter Weg. Und auch die beste Planung scheitert manchmal an der Realität. Das kann schon mit der Geburt anfangen, die einen ganz anderen Verlauf nimmt, als geplant. Oder die erste Zeit zu Hause, die man sich so schön vorgestellt hat mit dem Kind. Und dann ist alles ganz anders. Die junge Mutter leidet unter der Hormonumstellung. Das Stillen will nicht klappen. Das Baby schreit, scheinbar ohne Grund. Die Oma mischt sich zu sehr ein. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. „Irgendwann wird das Paar vielleicht sogar darüber lachen“, sagt die Therapeutin. „Doch wer mittendrin ist, in dieser Situation, der empfindet sie als höchst belastend. Tränen und böse Worte bleiben nicht aus.“

Was in den meisten Fällen eine kurze Phase der Eingewöhnung, des Hineinfindens in die neue Rolle ist, kann im Extrem eine echte Bedrohung für die Partnerschaft werden. Brigitta Zuber: „Nämlich dann, wenn einer dem anderen die Schuld gibt, keiner mehr hinhört, was der Partner möchte und Zärtlichkeit und Zuwendung auf dem Nullpunkt angekommen sind.“

Aber auch dann, so die Expertin, sei es noch nicht zu spät: „Es gibt zahlreiche Adressen, an die das Paar sich wenden kann und die kompetente Hilfe anbieten:

Psychologen, Hebammen, Schwangerschaftsberatungsstellen, Familienbildungsstätten, Psychologische Beratungsstellen für Ehe-, Familien- und Lebensfragen.“

Erfahrungsbericht Marcel W.

Marcel W. (28) ist Außendienstmitarbeiter bei einer großen Versicherungsgesellschaft. Mit seiner Frau Nicole (24) hat er ein kleines Töchterchen, Anthea (9 Monate).

„Wir hatten uns so auf unser erstes Kind gefreut. Obwohl ich beruflich sehr eingebunden bin, viele Überstunden mache und oft am Wochenende arbeite - schließlich müssen wir unser Haus abbezahlen - habe ich Nicole zu allen Vorbereitungskursen und Vorsorgeuntersuchungen begleitet. Wir haben gemeinsam Bücher über Kindererziehung und Pflege gelesen. Ich habe mir mit Nicole den Kreißsaal angesehen, wir waren uns immer einig.

Über Kindererziehung denken wir etwas unterschiedlich, ich bin der Älteste von fünf Geschwistern und Nicole ist Einzelkind und schon etwas verwöhnt, wie ich finde. Meine Einstellung ist etwas strenger als ihre. Eigentlich stimmte alles. Die Geburt verlief super ohne Komplikationen, wir hatten ein gesundes supersüßes Baby. Anthea schlief bei uns im Schlafzimmer in ihrer Wiege. Die ersten Wochen war alles gut. Nicole stillte sie nachts regelmäßig. Meistens war ich dabei und war in diesen innigen Momenten echt glücklich.

Dann fing Anthea plötzlich an, stundenlang zu schreien. Manchmal schon kurz, nachdem sie gerade hingelegt worden war. Es war unerträglich. Es gab Momente, da forderte ich Nicole auf, die Kleine schreien zu lassen und nicht so schnell hochzunehmen. Sie nannte mich lieblos. Die Hilflosigkeit machte mich verrückt. Der Kinderarzt diagnostizierte „Dreimonatskoliken“.

Beratungsangebote

Auf kidsgo finden Paare Hilfe bei partnerschaftlichen Problemen vor und nach der Geburt: Beratungsangebote

Es wurde immer schlimmer. Ich musste morgens wieder fit sein und zog irgendwann ins Gästezimmer. Nicole hat nichts gesagt, aber später hat sie mir gestanden, dass sie sich total im Stich gelassen fühlte. In dem Moment habe ich aber nur an meinen Schlaf gedacht und daran, dass ich im Job meinen Mann stehen muss. Um es kurz zu machen. Wir haben uns in dieser Zeit sehr entfremdet.

Ich schäme mich dafür, dass ich Nicole in dieser Phase fast betrogen hätte. Aber mehr als Küssen ist nicht passiert, weil ich plötzlich an unsere Kleine denken musste. Eines Abends kam ich nach Hause, da saß Nicole mit Anthea auf dem Sofa. Die beiden waren ein unheimlich schöner Anblick. In dem Moment war mir klar, dass ich beide nie verlieren möchte.

Ich bin in dieser Nacht nicht ins Gästezimmer gegangen. Wir haben stundenlang geredet. Ich habe Nicole zugehört und begriffen, dass mein Rückzug nicht gerechtfertigt war. Auch Nicole hatte tagsüber genug mit Haus, Kind und den beiden Hunden zu tun. Wir haben es geschafft. Die erste Zeit mit einem Baby kann sehr hart werden, aber da muss man gemeinsam durch, das weiß ich jetzt.

Erfahrungsbericht Julia N.

Julia N. (32), verheiratet mit Jörg (38). Die beiden haben zwei Kinder. Felix (12), Julias Sohn aus erster Ehe und Anna (1 Jahr und acht Monate). Julia ist Lehrerin und will bald wieder arbeiten. Jörg arbeitet als Physiotherapeut.

Meine erste Ehe war nicht sehr glücklich. Mein damaliger Mann war sehr dominant, der klassische Oberlehrertyp. Inzwischen verstehen wir uns besser. Felix trifft sich regelmäßig mit seinem Papa und als ich Jörg kennen lernte, suchte ich keineswegs einen Ersatzvater für meinen Sohn.

Mit Jörg war von Anfang an alles anders. Er war viel toleranter als mein Exmann, unglaublich kreativ. Er ging sehr kameradschaftlich, aber auch feinfühlig mit Felix um und versuchte nie, den Erzieher zu spielen. Ich wusste gar nicht, dass es solche Männer gibt. Wir waren überglücklich, als Anna sich anmeldete. Jörg war in der Zeit der Schwangerschaft ein liebevoller, zärtlicher Papa. Wir haben unser Liebesleben auch in dieser Zeit noch sehr genossen.

Doch nach der Geburt änderte sich das drastisch. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich eine schmerzhafte Milchdrüsenentzündung hatte oder ob es die Hormone waren oder beides. Ich hätte tagelang nur noch heulen können. Jede noch so liebevolle Berührung von Jörg machte mich rasend. Als er sechs Wochen nach der Geburt mit mir schlafen wollte, habe ich ihn schroff zurück gewiesen. Ich habe ihm gesagt, dass er nur an das Eine denken würde und ich ihm scheinbar ganz egal sei. Böse Worte. Danach hat sich Jörg zunehmend zurückgezogen. Und je mehr er das tat, desto mehr wandte ich mich dem Baby zu. Wir gingen zwar schon im Interesse der Kinder freundlich und höflich miteinander um, aber in puncto Zärtlichkeit spielte sich nichts mehr ab.

Ich ging auf in meiner Mutterrolle und Jörg spielte den Ernährer. Ein Paar waren wir schon lange nicht mehr. Irgendwann vertraute ich mich einer Freundin an. Sie gab mir die Adresse eines Familientherapeuten. Jörg und ich sind beide hingegangen, zunächst einzeln, dann gemeinsam. Da habe ich auch erfahren, dass Jörg damals eine extreme Eifersucht auf unser Töchterchen entwickelt hatte. Dafür schämte er sich aber auch gleichzeitig sehr, was ihn sehr belastet hat. Inzwischen sind wir wieder ein Paar, ein richtiges, meine ich. Ich weiß nicht, ob wir es ohne die professionelle Hilfe geschafft hätten..“


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