GASTBEITRAG
Marion Glück

Als Autorin und ehemalige Offizierin verbindet sie in ihren Büchern und Interviews persönliche Erfahrungen mit strukturierten Entscheidungs- und Reflexionsprozessen. Mit ihrer Arbeit unterstützt sie Menschen dabei, innere Stabilität zu entwickeln und auch in herausfordernden Lebensphasen handlungsfähig zu bleiben.
Besuche Marion gerne auf ihrer Homepage, dem Glücksuniversum.
Das Buch "Mimi wird Weihnachtsmann" findest du hier.
Warum Träume für Kinder wichtig sind
Was wünschen wir uns eigentlich für unsere Kinder? Dass sie glücklich sind, an sich glauben und dass sie den Mut haben, ihren eigenen Weg zu gehen.
Vielleicht auch, dass alle ihre Träume in Erfüllung gehen. Doch genau die gehen im Laufe der Entwicklung manchmal verloren. Dabei zeigen die Träume von Kindern oft schon sehr früh, was sie bewegt und wer bzw. wie sie sein möchten.
In ihrem Kinderbuch „Mimi wird Weihnachtsmann“ erzählt Marion Glück eine Geschichte über große Wünsche, ungewöhnliche Wege und darüber, wie wichtig es ist, an sich selbst zu glauben. Entstanden ist das Buch in einer sehr persönlichen Lebensphase.
Im Interview spricht die Autorin darüber, warum Träume für Kinder so wichtig sind, wie Eltern ihre Kinder dabei begleiten können und warum ein Kinderbuch für sie ein zentraler Baustein seelischer Stärke ist.
Im Gespräch
Hallo Marion, du hast ein Buch darübergeschrieben, dass ein Mädchen Weihnachtsmann wird. Wie kamst du auf die Idee?
Ich habe schon im Studium angefangen, mir kleine Mimi-Momente aufzuschreiben. Damals habe ich immer davon geträumt eine Tochter zu haben, die Mimi heißt und die die Heldin in meinem Buch ist.
2022 war die ganze Genderthematik sehr präsent. Zumindest habe ich sie in dieser Zeit sehr intensiv wahrgenommen. Und dann kam irgendwann diese ganz einfache Frage bei mir auf: Kann man eigentlich Weihnachtsmann werden, wenn man eine Frau ist?
Da gendern wir ja auch nicht. Das ist einfach der Weihnachtsmann.
Und dann habe ich gedacht: Okay, dann schreibe ich da einfach ein Buch drüber.
Es sollte ein Mutmachbuch werden, um zu zeigen, dass Kinder alles werden können, was sie wollen – auch Weihnachtsmann. Aber eben anders. Denn die eigentliche Frage ist doch nicht: Ist das jetzt ein Mann oder eine Frau?
Sondern: Was verbinden wir mit dem Weihnachtsmann?
Und können wir genau diese Werte und Gefühle anderen Menschen schenken?
Selbstbewusstsein bei Kindern stärken
Was war dir beim Schreiben besonders wichtig – für die Kinder, aber auch für die Eltern?
Mir war beim Schreiben ganz besonders wichtig, dass es ein Buch ist, das Mut macht – und zwar nicht nur den Kindern.
Ich finde es unglaublich wichtig, Kindern von Anfang an dieses Selbstwertgefühl mitzugeben, dass sie groß träumen dürfen. Genau so lässt sich Selbstbewusstsein bei Kindern stärken.
Träume sind kein Quatsch. Wenn wir über unsere Träume sprechen, dann gibt es immer wieder Menschen, die unterstützen. Und genau das ist mir auch für die Eltern so wichtig. Viele haben im Laufe ihres Lebens vergessen, wie man richtig träumt oder auch, wie man Hilfe annimmt.
Früher galten Träumer schnell als „Träumerle“ oder „Hans guck in die Luft“. Ich war immer die „Träumsuse“
Mit dem Buch wollte ich Eltern ermutigen, ihr inneres Kind wieder zu entdecken, wieder mehr Spaß am Leben zu haben und sich selbst zu erlauben, größer zu denken.
Mir war wichtig, ein Buch für Familien zu schreiben. Ein Buch, das man nutzen kann, um gemeinsam über die eigenen Träume ins Gespräch zu kommen.
Was ist eigentlich aus unseren eigenen Träumen geworden?
Was wünschen wir uns noch vom Leben?
Und wem könnten wir davon erzählen?
Wer würde uns vielleicht sogar unterstützen, auch wenn wir anders denken, als es erwartet wird.
Warum sind Träume von Kindern wichtig – auch wenn sie vielleicht von etwas scheinbar „Unmöglichem“ träumen?
Ich finde es unglaublich wichtig, dass Kinder träumen. Dabei geht es nicht darum, sich komplett in Träumen zu verlieren. Es geht darum zu wissen, dass man selbst etwas tun darf, um seine Träume zu erreichen. Für mich sind Ziele Träume mit einem Datum dran. Mit Meilensteinen.
Wenn ein Kind sagt: Mein Traum ist es, Tierärzt:in zu werden, dann gehört dazu, in der Schule gute Noten zu haben und später Medizin zu studieren.
Oder wenn jemand Prima Ballerina werden will, dann gehört Disziplin dazu.
Ich finde es auch wichtig, dass Kinder von scheinbar unmöglichen Träumen ausgehen. Nur so können sie ihre eigene Realität kreieren. Wenn wir ihnen ständig sagen: „Das ist unmöglich, das kannst du nicht schaffen“, dann machen wir sie klein und demotivieren sie. Wofür sollen Kinder dann losgehen, wenn sie von Anfang an hören, dass es sowieso nichts wird?
Kinder ermutigen, an sich zu glauben
Welche Botschaft steckt hinter Mimis Geschichte – zwischen den Zeilen?
Als ich „Mimi“ geschrieben habe, war ich gerade in einer psychosomatischen Klinik. Für mich persönlich war die Botschaft in diesem Moment, wieder mehr Kind zu sein. Wieder mehr zu träumen. Mich nicht so sehr von meiner Umwelt beeinflussen zu lassen mit der Frage, was geht und was nicht geht, sondern selbst zu schauen: Was geht für mich und was geht für mich nicht?
Es ging darum, wieder als Forscherin loszuziehen und die Welt mit Kinderaugen zu sehen. Zu merken, wie leicht Dinge sein können. Und auch zu erkennen, wie viel wir von Kindern lernen können.
In mir drin hat sich in dieser Zeit sehr viel verändert. Und genau das steckt für mich hinter Mimis Geschichte. Die Möglichkeit, das eigene innere Kind wiederzufinden und die Welt noch einmal mit anderen Augen zu sehen.
Ich glaube, das ist etwas, das viele Menschen im Laufe des Erwachsenwerdens unbewusst verlernen.
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Mimi bekommt Hilfe auf ihrem Weg – warum ist das ein zentrales Element im Buch?
Mimi bekommt nicht sofort Hilfe. In erster Linie schaut sie erst einmal, wie sie sich selbst helfen kann. Sie überlegt, was sie tun kann, wie sie ihre Reise überhaupt finanziert und organisiert. Und erst dann bekommt sie Hilfe.
Für mich steckt dahinter eine ganz zentrale Botschaft: Erst ins Handeln kommen, erst Verantwortung für den eigenen Traum übernehmen.
Ich glaube, das gehört immer dazu, wenn wir unsere eigenen Träume verwirklichen wollen oder Ziele erreichen möchten. Dass wir unseren eigenen Anteil erkennen und uns zuerst fragen: Was kann ich selbst tun? Es steigert unsere Selbstwirksamkeit.
Und dann dürfen wir uns überraschen lassen, wer uns hilft. Wer kennt wen? Wer hat welche Fähigkeiten? Wer kann unterstützen?
Mimi zeigt, dass man nicht allein ist. Aber eben auch, dass Hilfe oft dann kommt, wenn man selbst an seinen Traum glaubt und schon aktiv daran arbeitet.
Wie können Eltern ihre Kinder dabei unterstützen, an ihre Träume zu glauben?
Ich glaube, wenn Kinder ihre Träume äußern, dürfen Eltern sich die Zeit nehmen und sie darin bestärken. Kinder zu ermutigen, an sich zu glauben, ist dabei ein ganz wichtiger Schritt.
Auch wenn Eltern nicht daran glauben, ist es wichtig, die eigenen Grenzen nicht auf das Kind zu übertragen. Das Kind sollte sich ausprobieren. Viele Kinder merken ganz von allein, wo ihre Grenzen liegen. Und genau das ist eine wichtige Erfahrung.
Wenn ein Kind zum Beispiel sagt, es möchte Fußballprofi werden, kann ein erster Schritt sein zu sagen: „Hey, super. Dann melde ich dich im Sportverein.“
Manchmal merken Kinder dann auch: Das ist doch gar nicht mein Ding. Kindern diese Erfahrungen zuzugestehen, ist eine der wichtigsten Formen von Unterstützung. Das Vertrauen wird gestärkt.
Was hat Mimi mit deinem eigenen Weg zu tun?
Ziemlich viel. Als ich zum Beispiel Offizierin bei der Bundeswehr werden wollte, war ich nicht die Sportlichste. Da musste ich mir ehrlich die Frage stellen: Wie kann ich meine überwinden? Was muss ich tun, damit ich dort überhaupt ankomme?
Meine Mama ist damals mit mir laufen gegangen und hat mich dabei unterstützt. Sie hat nicht gesagt: „Das wird sowieso nichts“, sondern: „Los, lass uns ‘ne Runde drehen.“ Und sie hat mich auch daran erinnert, wenn ich mal keine Lust hatte.
Ich habe mir immer wieder Dinge in den Kopf gesetzt, bei denen andere gesagt haben: Das ist unmöglich. Und ich habe sie trotzdem gemacht.
Dabei hatte und habe ich Unterstützung aus meinem Umfeld. Das ist bis heute so. Bei mir fängt vieles mit dem Satz an: „Und dann hab ich mir überlegt ...“
Mein Umfeld weiß dann meistens schon: „Oh, jetzt kommt wieder irgendwas.“
Du schreibst auch über schwere Themen wie Trauer oder Entscheidungen in Krisen – wie passt ein Kinderbuch da rein?
Das fragen tatsächlich viele, wie so ein Kinderbuch in die Bücherserie passt, die ich sonst schreibe.
Die anderen Bücher sind im Kern immer eigene Themenbewältigung. Diese Themen würde ich mir niemals selbst aussuchen. Schreiben war für mich ein Weg, mit Erlebtem umzugehen, Dinge zu verstehen und zu verarbeiten.
Wenn ich mir das Kinderbuch anschaue, ist die Frage: Was ist hier das zentrale Thema? Und da geht es viel um Weihnachten, um Traditionen und darum, wie sich Dinge entwickeln. Und genau das spielt auch in meinen anderen Büchern eine große Rolle. Die Frage: Wie bin ich eigentlich so geworden, wie ich heute bin? Und warum habe ich bestimmte Themen oder stehe vor bestimmten Herausforderungen?
So gesehen passt das dann wieder sehr gut zusammen.
Gleichzeitig wollte ich bewusst auch mal etwas Leichtes schreiben und konnte zusätzlich mit den Zwillingen ein gemeinsames Projekt umsetzen. Das hatte wiederum einen großen Einfluss auf ihr Selbstvertrauen und ihr Selbstbewusstsein. Zu erleben, dass ich mit meinem eigenen Tun etwas erschaffen kann, ist ein unglaublich schönes Gefühl.
Was wäre für dich das größte Kompliment, das du für dieses Buch bekommen könntest?
„Marion, Mimi hat mir die Augen geöffnet und ich kann wieder träumen.“
Was wünschst du dir, dass Eltern nach dem Vorlesen anders machen oder anders sehen?
Ich wünsche mir, dass Eltern sich vielleicht in der einen oder anderen Figur aus dem Buch wiederfinden. Dass sie für einen Moment die Perspektive dieser Figur einnehmen und daraus etwas für sich mitnehmen. Vielleicht entsteht daraus der Impuls, im eigenen Leben etwas zu verändern und ihre Kinder auf ihrem Weg zu unterstützen.
Liebe Marion, wir danken dir ganz herzlich für das Gespräch und für deine wunderbare Arbeit, mit der du so viele Menschen stärkst. Ich freue mich schon auf die weiteren Gespräche mit dir.
