GASTBEITRAG
Marion Glück

Als Autorin und ehemalige Offizierin verbindet sie in ihren Büchern und Interviews persönliche Erfahrungen mit strukturierten Entscheidungs- und Reflexionsprozessen. Mit ihrer Arbeit unterstützt sie Menschen dabei, innere Stabilität zu entwickeln und auch in herausfordernden Lebensphasen handlungsfähig zu bleiben.
Besuche Marion gerne auf ihrer Homepage, dem Glücksuniversum.
Das Buch "Schwere Entscheidungen leicht treffen" findest du hier.
Schwere Entscheidungen treffen: Wie Klarheit entsteht, wenn es kein richtig oder falsch gibt
Entscheidungen werden oft schnell beurteilt: richtig oder falsch, mutig oder egoistisch, verantwortungsvoll oder unverantwortlich. Doch was es bedeutet, schwere Entscheidungen zu treffen, begreifen wir erst dann, wenn wir selbst in einer Ausnahmesituation stecken.
Gerade bei Entscheidungen in der Schwangerschaft oder generell zu den Themen Familie, Kinder und Elternschaft geraten Frauen wie auch Männer immer wieder in Situationen, für die es keine einfachen Lösungen gibt und bei denen es unmöglich ist, allen Erwartungen gerecht zu werden.
Marion Glück war viele Jahre Offizierin bei der Bundeswehr. Verantwortung übernehmen und Entscheidungsfähigkeit gehörten zu ihrem beruflichen Alltag. Im Rahmen einer pränatalen Diagnose stand sie 2023 plötzlich vor einer schweren, existenziellen Entscheidung In dieser Situation erkannte sie, wie wichtig ein bewusster innerer Entscheidungsprozess ist.
In ihrem Buch „Schwere Entscheidungen leicht treffen“ beschreibt sie offen, wie sie diese Zeit erlebt hat.
Im Interview spricht sie darüber, wie man Entscheidungen trifft, bei denen es kein richtig oder falsch gibt, warum Selbstkenntnis dabei eine Schlüsselrolle spielt und weshalb es so wichtig ist, sich bei existenziellen Fragen nicht von äußeren Erwartungen leiten zu lassen.
Im Gespräch
Hallo Marion, schön, dass wir heute über das erste Buch deiner Schwangerschaftstrilogie sprechen können. Dein Buch ist aus einer sehr persönlichen Erfahrung entstanden – möchtest du erzählen, was dich zum Schreiben bewegt hat?
Nach meinem ersten Buch „Das Leben ist BUND“ (2019) LINK wusste ich bereits, wie sehr mir Schreiben hilft, Erlebtes zu verstehen und zu verarbeiten.
Die Zeit nach der Diagnose war eine extrem belastende Situation und für mich war klar, dass ich wieder schreiben muss, um innerlich zu verstehen, was da passiert ist.
17 Tage lagen zwischen der Diagnose am 01.03.2023 und Loreleys Geburt am 17.03.2023. Ich habe mir später bewusst diese 17 Tage noch einmal genommen. Am 1. Mai habe ich begonnen und in diesen 17 Tagen meinen Manuskriptentwurf geschrieben. Es war mir wichtig, diesen Zeitraum noch einmal ganz bewusst zu durchleben.
Während des Schreibens habe ich sowohl meine Gedanken als auch meine Gefühle sortiert und genau aufgeschrieben, wie ich diese Entscheidung getroffen habe. Es war mein Weg, mit einer Situation umzugehen, die emotional kaum zu fassen war.
Was war für dich das Schwierigste an der Entscheidung nach der Diagnose – und was hat dir geholfen?
Das Schwierigste war, diese Entscheidung überhaupt treffen zu müssen. ‚Das wünscht man seinem ärgsten Feind nicht‘, dachte ich.
Es gibt Entscheidungen, die sind korrigierbar und dann gibt es die, die es nicht sind.
Ob ich einen roten oder einen blauen Pullover anziehe, kann ich jederzeit ändern. Die Entscheidung meine Schwangerschaft abzubrechen kann ich nicht korrigieren. Denn nach der Entscheidung folgt die Umsetzung und dann gibt es kein Zurück mehr.
In dieser Ausnahmesituation brauchte ich Struktur und dabei hat mir meine Ausbildung zum Offizier geholfen. Ich habe den militärischen Führungs- und Entscheidungsprozess angewendet. Ein strukturierter Prozess, der mir hilft, auch unter extremem Druck handlungsfähig zu bleiben.
Diesen Entscheidungsweg beschreibe ich auch im Buch, weil er zeigt, wie man in Ausnahmesituationen Klarheit finden kann.
Wie trifft man eine Entscheidung, bei der es kein richtig oder falsch gibt?
Es geht darum, welches Leben man führen möchte und welche langfristigen Auswirkungen eine Entscheidung hat.
Wertearbeit ist die Grundlage für wertebasierte Entscheidungen. Welche Werte sind mir wichtig? Und was bedeuten sie ganz konkret in meinem Leben? Wie lebe ich meine Werte?
Nehmen wir den Wert Liebe. Er klingt universell, doch nicht jeder Mensch lebt diesen Wert auf gleiche Weise. Im Fall einer pränatalen Diagnose kann Liebe sehr unterschiedlich gelebt werden. Für die eine Frau bedeutet sie, die Schwangerschaft abzubrechen, weil sie ihrem Kind ein Leben mit schwerer Beeinträchtigung nicht zumuten möchte. Für eine andere bedeutet Liebe, die Schwangerschaft weiterzuführen, gerade weil sie ihr Kind bedingungslos annehmen will. Diese Werteklarheit braucht es, um eine Entscheidung treffen zu können, die sich innerlich stimmig anfühlt.
Wer sich selbst kennt, entscheidet besser.
Du schreibst: Wer sich selbst kennt, entscheidet besser. Was meinst du damit?
Wenn ich mich selbst kenne, damit meine ich meine Werte, meine Ziele, meine Grenzen, dann kann ich Entscheidungen daran ausrichten.
Ich kann prüfen: Passt diese Entscheidung zu meinen Werten? Unterstützt sie meine Lebensziele?
Diese Selbstreflexion sorgt für bewusstere Entscheidungen. Genau das hilft, Verantwortung für die Entscheidung und die Konsequenzen zu übernehmen.
Weitere artikel
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Hol dir Hilfe und Unterstützung. Viele Initiativen, die dich begleiten, findest du im gelben Kasten auf dieser Seite.
Weitere Interviews zu den anderen Büchern von Marion Glück findest du hier:
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Der Verlust eines Kindes reißt einem den Boden unter den Füßen weg und verändert das ganze Leben. Die darauffolgende Trauer nach einer Fehlgeburt ist nichts, was man „hinter sich bringt“.
Vertrauen fassen nach der stillen Geburt - Schwanger mit dem Regenbogenkind
Nach einer stillen Geburt ist nichts mehr selbstverständlich. Vertrauen in den eigenen Körper, in das Leben und in eine erneute Schwangerschaft muss oft erst mühsam wieder wachsen.
KINDERBUCH: "Mimi wird Weihnachtsmann"
Träume von Kindern sind ein wichtiger Teil ihrer Entwicklung. Wie Eltern sie stärken können,erzählt die Autorin durch Mimi, die Weihnachtsmann werden will.
"Das Leben ist BUND": Über Depression, Klinikaufenthalt und den Mut, Hilfe anzunehmen.
Warum ist es wichtig, sich nicht reinreden zu lassen – auch wenn das Umfeld es gut meint?
Bei Entscheidungen hat jeder Mensch eine Meinung. Auch oder vor allem bei schwerwiegenden Entscheidungen. Das ist auch leicht, wenn man nicht selbst betroffen ist und eine Situation von außen betrachtet. Doch eins muss klar sein: Nur die Person, die die Entscheidung trifft, muss damit leben.
Die oder der Entscheidende trägt die Konsequenzen, sowohl emotional als auch körperlich und möglicherweise ein Leben lang. Deshalb muss es wirklich die eigene Entscheidung sein, die aus dem Inneren heraus getroffen wird.
Das Umfeld kann möglicherweise unterstützen, aber die Verantwortung liegt immer bei der betroffenen Person. Im Falle einer Schwangerschaft liegt die Entscheidung aus meiner Sicht in erster Linie bei der Frau selbst, denn es ist ihr Körper und deshalb ihre Entscheidung.
Wie gehst du heute mit der Entscheidung um – und was hat dir geholfen, nicht zu bereuen?
Für mich war es damals die richtige Entscheidung und es wird für mich immer die richtige Entscheidung sein.
Nachdem ich die Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch getroffen hatte, stellte ich mich vor den Spiegel, sah mir in die Augen und sprach diesen Satz laut aus: Unter Berücksichtigung aller mir zur Verfügung stehenden Informationen und basierend auf meinem heutigen Wertesystem habe ich entschieden, die Schwangerschaft abzubrechen.
Das kann ich mit jeder schwerwiegenden Entscheidung machen, wenn ich vorher den Entscheidungsprozess angewendet habe, um eine bewusste Wahl zu treffen.
Inwiefern gehört Trauer zur Entscheidung dazu – ganz egal, wie man sie trifft?
Tatsächlich ist mir das erst beim Schreiben von „Schwere Entscheidungen leicht treffen“ wirklich bewusst geworden, als ich mich mit meinen Gefühlen auseinandergesetzt habe. Immer wenn ich mich traurig fühle, dann weiß ich, dass eine Veränderung ansteht oder bereits eingetreten ist. Die Vorstellung und der Traum von Familie in der geplanten Form, wurde durch die pränatale Diagnose zerschlagen. Dem „was einmal war“ und „was hätte sein sollen“ schaute ich traurig hinterher. Mein Trauerprozess war somit zweigeteilt. Damit habe ich mich in meinem Buch „Priorität Nummer 1 nach der stillen Geburt“ auseinandergesetzt. LINK
Noch vor Loreleys Geburt habe ich mich von der Vorstellung einer glücklichen Schwangerschaft mit gesundem Kind verabschiedet. Diese Traurigkeit ist völlig unabhängig von meiner Entscheidung. Trauer gehört bei Entscheidungen immer dazu, weil jede Entscheidung bedeutet, andere Möglichkeiten loszulassen.
Und dieses Abschiednehmen darf betrauert werden. Wir nehmen es bei Alltagsentscheidungen nur oft und nicht so intensiv war.
Dein Rat für andere Frauen
Gibt es eine Frage, die du dir selbst immer wieder gestellt hast in dieser Zeit – und die dir Klarheit gebracht hat?
Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt: Würde Loreley ein glückliches und erfülltes Leben haben? Doch darum ging es nicht. Diese Frage führt ins Nichts, weil sie nicht logisch ist. Nur Loreley hätte auf diese Frage eine Antwort geben können. Doch meine Entscheidung lag zeitlich davor und deshalb musste ich die Frage verändern „Mit welcher Entscheidung ist für mich am ehesten ein glückliches und erfülltes Leben möglich?“
Was möchtest du anderen mitgeben, die gerade vor einer ähnlichen Entscheidung stehen?
Trefft zuerst eure individuelle Entscheidung und sprecht anschließend als Paar über eure Entscheidungen. Gerade wenn es darum geht, Entscheidungen als Eltern zu treffen, ist eine offene Kommunikation maßgebend für die Paarbeziehung. Entscheidet für euch und danach, wie ihr eure Werte lebt. Unabhängig davon, wie euer Umfeld denkt oder fühlt. Es ist euer Leben.
Wie ordnet sich „Schwere Entscheidungen leicht treffen“ in deine Trilogie ein?
„Schwere Entscheidungen leicht treffen“ ist der erste Band meiner Trilogie.
Dieses Buch hilft Frauen dabei, eine schwerwiegende Entscheidung bewusst, strukturiert und wertebasiert zu treffen. Es ist keine Richtung vorgegeben.
Die beiden folgenden Bücher sind ebenfalls Buchtherapie, richten sich aber an Frauen, die ein Kind verloren haben oder die Schwangerschaft abgebrochen haben.
Dort geht es um den Umgang mit dem Verlust und wie man nach dem Verlust wieder Vertrauen entwickeln kann.
Sowohl „Priorität Nummer 1 nach der stillen Geburt“ als auch „Vertrauen fassen nach der stillen Geburt“ können den weiteren Weg begleiten. In beiden Büchern gibt es Gastkapitel von erfahrenen Begleiter*innen mit ihren Perspektiven, die vielen Betroffenen Orientierung geben können.
Liebe Marion, wir danken dir ganz herzlich für das Gespräch und für deine wunderbare Arbeit, mit der du so viele Menschen stärkst. Ich freue mich schon auf die weiteren Gespräche mit dir.
