MENU

DAS TRAUMA DES ALLEINGEBORENEN ZWILLINGS

Viele Zwillinge sterben früh im Mutterleib – der überlebende Zwilling trägt oft unbewusst Verlustängste, Schuldgefühle und Beziehungsprobleme. Erfahren Sie, wie das Trauma entsteht und wie Heilung gelingt.

In diesem Artikel:

„Es bleibt ein Loch in der Seele“ 

Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären zu Beginn ihres Lebens in der Gebärmutter ihrer Mutter nicht allein gewesen. Es gab da eine Zwillingsschwester oder einen Zwillingsbruder, oder vielleicht sogar mehrere, die mit ihnen nicht nur die ersten Stunden ihres Lebens geteilt haben, sondern vielleicht sogar noch einige oder manchmal viele Wochen nach der Zeugung und Einnistung der befruchteten Eier in der Gebärmutter.

Die ersten Ultraschalluntersuchungen erfolgen in der 10. bis 12. Schwangerschaftswoche. Zu diesem Zeitpunkt ist der erste Akt des Dramas im Mutterleib bereits vorbei. In der Regel sind keinerlei Anzeichen einer Zwillingsschwangerschaft mehr vorhanden. Meistens absorbiert die Gebärmutterschleimhaut oder die Plazenta den gestorbenen Embryo. Es kommt auch vor, dass der verstorbene Zwilling in den überlebenden Zwilling einwächst.

 

Die traurige Realität aus der Forschung

Die intensiven Forschungen des Biologen und Genetikers Charles Boklage haben ergeben, dass mehr als 12 % aller natürlichen Befruchtungen zu Mehrfachschwangerschaften führen. Davon verlieren sich mehr als 76 % vollständig vor der Geburt, rund 22 kommen als Einlinge auf die Welt und etwa 2 % werden als Zwillingspaare geboren.

Mit anderen Worten, auf jedes lebende Zwillingspaar kommen mindestens zehn Personen, die ihre Entwicklung als Zwillinge begannen und ihr Geschwister während der Schwangerschaft verloren haben!

Das tragischste Element hierbei ist eben die Tatsache, dass das Absterben eines Zwillings oft in den ersten Wochen der Schwangerschaft auftritt und für die Schwangere größtenteils unbemerkt bleibt. Das bedeutet, dass außer dem überlebenden Embryo niemand etwas von dem Vorhandensein eines Zwillings und dessen Tod erfährt. Wenn einer der beiden Zwillinge in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten abstirbt, wird er gewöhnlich sehr rasch von der Gebärmutter oder der Plazenta absorbiert und hinterlässt demzufolge keine Spuren. Nur der Überlebende weiß darum und sein Empfinden ist geprägt von der Verzweiflung allein zurückzubleiben. Er hat den ersten und den wichtigsten Menschen in seinem Leben verloren!

In diesem Zusammenhang eröffnet sich auch eine weitere Problematik durch den starken Anstieg der verschiedensten Methoden der künstlichen Befruchtung. Die Zahl der Zwillingsgeburten hat sich in diesem Rahmen fast verdoppelt und man kann natürlich davon ausgehen, dass sich die Anzahl alleingeborener Zwillinge damit auch drastisch erhöht hat und in Zukunft weiter erhöhen wird!

 

Drama im Mutterleib?

Es ist inzwischen bekannt, dass das Verhältnis von Zwillingen zueinander sehr viel inniger ist als das zwischen einem Baby und seiner Mutter. Inzwischen wurde auch der Begriff vom „Drama im Mutterleib“ geprägt, denn genau das ist es für denjenigen, der überlebt, wenn einer der Zwillinge plötzlich verschwindet oder langsam abstirbt. Diese Erfahrung im Mutterleib bringt massive Gefühle von Einsamkeit, Sehnsucht, Traurigkeit, Wut, Schuld, Trauer und Angst hervor und hat Auswirkungen auf das ganze spätere Leben!

Versetzen Sie sich noch einmal gedanklich in die Lage eines Zwillings, der sich am Dasein eines Zwillingsbruders oder seiner Zwillingsschwester in der Gebärmutter freut. Und dann erlebt er/sie, wie dieses innig geliebte Geschwisterkind immer ruhiger, immer weniger wird und schließlich ganz einfach verschwindet. Fühlen Sie einmal in diese Situation hinein. Spüren Sie die Schuldgefühle des Embryos, der allein zurückbleibt und sich schreckliche Vorwürfe macht: „Habe ich meinem Bruder, meiner Schwester Nahrung weggenommen? Trage ich die Schuld, dass er/sie nicht mehr lebt?“

Die Erfahrung, dass der/die andere plötzlich oder langsam verschwindet, kann sogar Todesängste in dem verbleibenden Zwilling hervorrufen und die Frage: „Werde auch ich sterben?“ wird ihn sehr wahrscheinlich bis zum Ende seiner Zeit in der Gebärmutter begleiten und darüber hinaus. Später, im Erwachsenenleben kann das dazu führen, dass er/sie ständig in Angst vor drohenden Katastrophen lebt oder von heftigen Schuldgefühlen geplagt wird, weil er/sie nicht in der Lage gewesen ist, den Bruder oder die Schwester zu retten.

 

Wie jetzt das Leben beeinflusst wird

Im Erwachsenenleben kann sich das so auswirken, dass man sein Leben lang immer wieder versucht, Menschen zu retten und wenn das nicht gelingt, werden die Gefühle aus der primären Verlustsituation getriggert, was beispielsweise zu Angst- und Panikattacken, sowie zu Depressionen führen kann. Jahrelange, intensive Forschungen haben ergeben, dass überlebende Zwillinge starke Verlustängste verspüren und ihr ganzes Leben lang eine exzessive Verantwortung für das Wohlergehen anderer empfinden.

Seit den neunziger Jahren ist das Phänomen des verschwundenen Zwillings und die Auswirkungen des Zwillingsverlusts auf den Überlebenden intensiv erforscht worden. Die Betroffenen leiden oft ihr ganzes Leben lang unter vielfältigen Folgen: Dazu gehören auch die unerklärlichen Gefühle, nicht ganz zu sein, nie gut genug zu sein, immer für zwei arbeiten zu müssen, oder zum Beispiel ständig auf der Suche nach dem perfekten Lebenspartner zu sein, dem Seelenpartner, der der verlorene Zwilling sicher war.

Beziehungsängste und -probleme herrschen oft bei überlebenden Zwillingen vor. Engere Beziehungen werden entweder stets vermieden, weil die Angst, wieder einen geliebten Menschen zu verlieren, allgegenwärtig, jedoch unbewusst,  ist oder das gegenteilige Verhaltensmuster herrscht vor in Form von exzessivem Anklammern an andere Menschen. Die Gesamtsymptomatik von überlebenden Zwillingen ist ausgesprochen facettenreich!

Ein weiteres Phänomen des überlebenden Zwillings ist eine gewisse Verwirrung in Bezug auf die eigene Identität. Sie wird verstärkt auftreten, wenn der andere Zwilling vom anderen Geschlecht war. Therapeuten, die Klienten mit Zwillingsverlust betreuen, schildern einhellig, dass es in einem solchen Fall zu einem seelischen Wechselspiel zwischen den beiden Geschlechtern kommt. Das führt zu Frauen mit starken männlichen Anteilen oder zu Männern mit sehr starken weiblichen Anteilen.

Wie können alleingeborene Zwillinge das in der Gebärmutter erlebte Trauma auflösen? Es gibt inzwischen die verschiedensten Therapien wie z.B. die Familienaufstellung, Hypnose- und  Regressionsverfahren wie auch die Pränatalpsychologie.

Wenn man vermutet, ein alleingeborener Zwilling zu sein, und mehr erfahren möchte, kann man in einem der besten Bücher zu diesem Thema fündig werden. Peter Bourquin hat ein ausgezeichnetes Buch geschrieben: „Der allein gebliebene Zwilling“, Er beschreibt in seinem Buch einen sehr hilfreichen Heilungs- und Integrationsprozess:

Vermutet man oder hat man im Rahmen einer Therapie herausgefunden, dass man tatsächlich ein überlebender Zwilling ist, was vielleicht zuerst nur eine vage Vermutung war,  gilt es, diese Entdeckung voll und ganz anzunehmen.

In einem weiteren Schritt kann man eine imaginäre  Beziehung zu dem verlorenen Zwilling herstellen, indem man ihm oder ihr einen Namen gibt und einen mentalen Kontakt aufnimmt.  Das führt dazu  den schmerzlichen Verlust  emotional noch einmal zu durchleben, was sehr heilsam ist, denn als  Erwachsener ist man besser gewappnet und vermag mit Trauer gut umzugehen.

Die nächste Aufgabe besteht darin, sich von seinem Zwilling abzugrenzen. Dies kann in Form eines intensiven Zwiegespräches geschehen, was  dazu dient, eine unbewusste Identifizierung mit ihm/ihr zu überwinden, wodurch  es letztendlich leichter fallen wird, sich von ihm/ihr endgültig zu verabschieden.

Es ist in diesem Zusammenhang hilfreich sich vor Augen zu führen, inwieweit der Zwillingsverlust dazu geführt hat, dass man sein Leben auf eine bestimmte Art und Weise lebt. Vielleicht ist man sehr häufig umgezogen, leidet unter Depressionen, Erschöpfungszuständen bis hin zum Burn-Out, sabotiert rasch neue Partnerschaften oder vermeidet generell neue Beziehungen. Das Reflektieren darüber bewirkt, dass man zur Ruhe kommt und sich nicht weiter auf eine sinnlose und fruchtlose Suche begeben muss.

Danach sollte man sich liebevoll seinem inneren Kind zuwenden, das Kind, das damals den Verlust erlebt hat. In dem Prozess lernt man, sich selber Trost zu spenden, Verständnis für die eigene Trauer zu zeigen und vorhandene Resilienzen anzuzapfen.

Letztendlich ist es ratsam, sich von seinem Zwilling mittels eines Rituals oder eines symbolischen Begräbnisses zu verabschieden. Eine solche Handlung ist eine tiefgehende Geste der Annahme und der Liebe. So kommt die Trauerarbeit des Betreffenden um das Fehlen seines Zwillings an seiner Seite im realen Leben allmählich zu seinem Abschluss.“

Das neue Leben

Der letzte Schritt schließlich führt in ein neues Leben. Man hat die Trauer über den Verlust noch einmal durchlebt, hat sie als Erwachsener mithilfe anderer Ressourcen bewältigt, sich von dem verschwundenen Zwilling verabschiedet, und kann sich jetzt endlich einem neuen Leben zuwenden, einem Leben ohne Trauer, Angst und Schuld.

 

Christa Balkenhol-Wright


Newsticker Interessiert?