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Die motorische Entwicklung des Babys

Vom Rumlieger wird das Baby zum Rumläufer: Die Entwicklung von Kindern ist im ersten Lebensjahr so rasant wie in keinem anderen Lebensjahr. Besonders deutlich ist das bei der Motorik. Aber auch wenn das Ergebnis am Ende das gleiche ist – die Wege dahin sind zahlreich. Deshalb sollten Eltern auch nicht hektisch werden und die mitunter kuriosen Bewegungen ihrer Sprösslinge genießen.

In diesem Artikel:

Learning by doing - Motorische Entwicklung des Babys

Es ist der 6. April, und die ersten Blumen des Jahres kommen zögernd ans Tageslicht, als es amtlich wird: Tom krabbelt. Aus dem seitlichen Sitz schiebt er seinen Popo über das angewinkelte Knie in den Vierfüßlerstand, kippt nochmal zurück und stößt dabei mit dem Bein an ein Steh-auf-Männchen hinter sich. Das klingelnde Geräusch weckt sein Interesse. Er dreht sich auf den Bauch und nutzt nun das ausgestreckte Ärmchen, um das Steh-auf-Männchen zum Klingeln zu bringen. Und weil das so lustig ist, beugt er seinen Oberkörper hoch, schiebt ihn dann nach hinten über die Füße und macht zwei, drei Krabbelbewegungen auf das Männchen zu. Dort angekommen, streckt er erneut den Arm aus. Dieses Mal sind es das Männchen und Tom, die zu Boden gehen – das eine klingelnd, der andere vergnügt: Geschafft!

Neugierde bringt einen voran

„Neugierde ist ein stark antreibendes Moment“, sagt die Physiotherapeutin für Kinder, Alexandra Sinai. Kinder müssen experimentieren dürfen, um Bewegungsabläufe zu verstehen und zu verinnerlichen.“ Das beginnt schon in den ersten Lebenswochen, wenn das Neugeborene sich gegen die Schwerkraft behaupten und unter anderem lernen muss seinen Kopf zu heben. Eltern können das Kind darin gut unterstützen, indem sie seine Neugierde fördern: sich mit dem Baby unterhalten, mit ihm herumalbern, ihm Spielzeug hinlegen und es zum Greifen animieren. Der kleine Tom hat das alles hinter sich. Er hat gelernt sein Köpfchen selber zu halten, sich auf die Unterarme zu stützen, sich vom Bauch auf den Rücken und wieder zurück zu drehen und schließlich sich selber aufzurichten. Deshalb hat er auch acht Monate bis zu diesem Punkt gebraucht. Und damit ist er ganz gut in der Zeit. Die meisten Kinder krabbeln zwischen dem siebten und dem zehnten Lebensmonat – wohlgemerkt: die meisten.

Jedem das Seine

Toms Freundin Jonna möchte nicht krabbeln – auch nicht mit elf Monaten. Sie robbt, und zwar in einer Affengeschwindigkeit. Vor allem mit dem rechten Arm schiebt sich das Kind in kreisenden Bewegungen über den Boden. Wie eine Mini-Dampflokomotive sieht das aus oder wie ein kleiner Alligator. Anfangs sorgte sich Jonnas Mutter, schließlich krabbeln alle Kinder in Jonnas Umfeld, und einige davon sind jünger. Mittlerweile ist sie entspannt. Sie hat mit ihrem Kinderarzt gesprochen und verstanden, dass die Kleine für sich einfach einen anderen Weg gefunden hat, vorwärts zu kommen. „Babys sind so verschieden wie erwachsene Menschen“, sagt Sinai. „Entwicklung ist variabel. Je invariabler sie ist, desto auffälliger ist es eigentlich.“ Mit anderen Worten: Hat das Kind alle nötigen Fähigkeiten, etwas zu tun, darf es auch eine Variante wählen. Viele Kinder krabbeln gar nicht, sondern beginnen gleich sich an Möbeln hochzuziehen. Andere kreiseln um ihre eigene Achse wie eine Katze, die versucht ihren Schwanz zu packen. Tom geht inzwischen an Möbeln entlang und erkundet den Inhalt von Bücherregalen. Das eine oder andere Mal ist er dabei bereits abgerutscht. Stoßen und hinfallen gehören leider auch mit zum Experimentieren wie die Erkenntnis, was geht und was nicht – nur aus Fehlern kann man lernen.

Angekommen

Es ist Juli, und über Deutschland brütet die Sommerhitze, als es amtlich wird: Jonna läuft. Breitbeinig stakst sie über den Sandweg, ein wenig torkelnd noch, aber durchaus zielgerichtet. Das Krabbeln hat die nun sechzehn Monate junge Dame tatsächlich ausgelassen. Ihre Entwicklung hat sie auch so gemeistert.

Expertin

Dr. Candan Basoglu ist niedergelassene Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Diabetologin in Hildesheim. Aktuell macht sie eine vierjährige Weiterbildung zur osteopathischen Medizinerin (ÄSOM).

Experten-Interview: Entwicklung ist individuell

Welche Rolle spielt Bewegung bei der Entwicklung von Babys?

Bewegung wirkt sich auf die gesamte körperliche und seelische Entwicklung des Kindes aus. Kinder sind der Inbegriff der Bewegungsfreude: Schon im Mutterleib bewegen sich Babys ab der 8. Schwangerschaftswoche. Dabei sind die prä- und postnatalen Bewegungsmuster sehr ähnlich. Sie zeigen uns den Entwicklungsstand des Kindes. Ein Neugeborenes nutzt bereits seine motorischen Fähigkeiten zum Überleben.

Was treibt ein Kind eigentlich an, selber aktiv in Bewegung zu kommen?

Kinder haben einen ausgeprägten Spiel- und Bewegungsdrang. Sie entdecken ihre Welt, erproben ihre Fähigkeiten und entwickeln sich dabei. Wichtig ist, ihnen Bewegungsmöglichkeiten im Alltag zu schaffen. Denn die Bewegungsfreiräume sind in heutiger Zeit sehr eingeschränkt. Bewegte Bilder aus den Medien sind kein Ersatz für einen bewegten Alltag! Eltern erhalten den natürlichen Bewegungsdrang, indem sie das Kind laufen lassen, mit ihm spielen und tanzen. Leider sind viele Eltern schlechte Vorbilder in puncto Bewegung.

Muss man sich Sorgen machen, wenn von zwei gleichaltrigen Kindern eines krabbelt und das andere nicht?

In der Regel nicht. Früher sprach man von den „Meilensteinen der Entwicklung“. Demnach mussten Kinder eine bestimmte Abfolge von Entwicklungsstufen durchlaufen. Vom Liegen zum Sitzen zum Krabbeln zum Hochziehen zum Laufen. Heute wissen wir, dass etwa krabbeln nicht nötig ist, um laufen zu lernen. Die vermeintlichen Meilensteine müssen also nicht zwangsweise alle und in fester Reihenfolge erreicht werden. Das Kind muss lediglich bestimmte Entwicklungsstufen in einem bestimmten Zeitraum abgeschlossen haben. Viele Eltern und auch Fachleute sehen dabei den Zeitraum als Zeitpunkt an und stehen dann unter Druck etwas tun zu müssen. Dabei ist die Spanne mitunter groß. Es reicht aus, wenn ein Kind im Alter von 18 Monaten läuft. Vorausgesetzt, es ist an sich alles in Ordnung. Die Gründe für ein Verhalten sind zahlreich – Entwicklung ist individuell. Weicht sie stark von den Entwicklungsmustern ab, die für diese Altersspanne typisch sind, sollte man den Kinderarzt oder die -ärztin um Rat fragen.

Ein Kind spricht ein Wort und schweigt dann lange Zeit. Oder es steht auf, geht ein paar Schritte und lässt das Gehen dann für Monate sein. Ist das besorgniserregend?

Nein. Wichtig ist, dass das Kind zeigt, dass es etwas kann. Wenn es dann eine Pause einlegt, ist das unproblematisch. Auch hier ist die Zeitspanne wichtig. Die Grenzsteine werden vom Kinderarzt beurteilt. Vielleicht lässt es die Dinge nur sacken und macht eine andere Schublade auf – sozusagen ein innerliches Vertiefen.

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