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Der Kreißsaal schließt: Warum die Geburt riskant wird

Immer mehr Kreißsäle machen dicht, weil sie sich wirtschaftlich nicht tragen. Vor anderthalb Jahren kam das Aus für die Geburtsstation in Bad Belzig. Das hat dramatische Folgen fürs Kinderkriegen, für Mutter und Kind.

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Wer kennt sie nicht, die dramatische Filmszene, bei der ein Taxi mit quietschenden Reifen und einer stöhnenden Frau, kurz vor der Niederkunft, durch die Stadt fährt? In Bad Belzig, einer Stadt, die etwa 60 Kilometer südwestlich von Potsdam liegt, ist es nicht das Taxi, sondern der Rettungswagen – übrigens der Einzige im Ort –, der etwa einmal im Monat mit einer Hochschwangeren über die Landstraße ins nächste Krankenhaus rast. Das erzählt uns der Kinderarzt Dr. Burkhard Kroll. Seit März letzten Jahres ist der Kreißsaal in Bad Belzig dicht. Obwohl Kroll gemeinsam mit Einwohnern, Hebammen und der Bürgermeisterin gegen die Schließung der Geburtsstation protestiert hat und schon damals gegenüber der TAZ davor warnte, dass ohne die Geburtsstation das Entbinden gefährlich würde. „Die Rettungstransporte sorgen hier regelmäßig für Stress, gerade bei Müttern, die ihr drittes oder viertes Kind erwarten, bei denen die Geburt oft unvorhersehbar schnell abläuft“, sagt er heute.

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Mal eben unterwegs gebären

Das Krankenhaus in Bad Belzig werde gar nicht mehr angefahren, sagt Burkhard Kroll. „Das will man dort nicht – also muss immer der weite Weg nach Brandenburg oder Wittenberg gefahren werden – und das oft in rasantem Tempo.“ Um ihre Kinder zu gebären, müssen die Bad Belziger Frauen inzwischen also einen Weg von über 40 Kilometer in Kauf nehmen, das sind mindestens 45 Autominuten – eine lange Zeit, wenn man in den Wehen liegt oder gar Komplikationen eintreten.

Kinderarzt Kroll sind aus dem ersten Jahr nach der Kreißsaalschließung zwei Fälle bekannt, bei denen Frauen auf der Landstraße entbunden haben. „Das eine war eine reguläre Geburt, das Kind aber zu früh geboren, beim anderen Mal, handelte es sich um eine unbemerkte Schwangerschaft.“ Es ging beides Mal glimpflich aus, aber soll so der Start ins Leben sein? Mit Risiko und Notarzt?

Für die Geburt in die Fremde ziehen?

Eine natürliche Geburt ist nun mal nicht berechenbar, nicht planbar: „Man weiß ja nicht, wie lange sich das Kind Zeit lässt“, sagt Melanie Nawrath aus Bad Belzig, die vor fünf Wochen in Brandenburg ihr zweites Kind geboren hat. Sie brachte zwei Wochen vor dem Geburtstermin ihren 5-jährigen Sohn zur Schwiegermutter und quartierte sich selbst dann bei ihrer Schwester in Brandenburg ein. „Zu den 45 Minuten, die ich von Zuhause zur Klinik brauche, wäre dann noch die Zeit dazugekommen, die mein Mann von der Dienststelle bis zu uns nach Hause benötigt“, erzählt Nawrath. Das war ihr zu heikel. Drei Wochen war sie insgesamt von ihrem kleinen Sohn getrennt, alleine in einer anderen Umgebung, in einer Situation, in der man besondere Bedürfnisse hat, Zuspruch und Sicherheit braucht. „Ich habe meine Familie und mein Zuhause sehr vermisst.“

Nackte Zahlen statt Babys

Bad Belzig ist ein Beispiel unter vielen, ein Opfer der Gesundheitspolitik: Mit ihren rund 11.000 Einwohnern verzeichnete die Kreisstadt Bad Belzig im Jahr 2014 knapp 185 Geburten, von der Klinik angestrebt waren mindestens 300. Damit gehörte das Bad Belziger Krankenhaus zu den 58 Prozent der Geburtsstationen, die laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft Defizite einfährt. „Die Rahmenbedingungen wie sinkende Geburtenzahlen sowie der steigende Fachkräftemangel bei Ärzten und Hebammen machen es kleinen Geburtskliniken unmöglich, die geforderten Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen überhaupt noch zu erfüllen“, lautet die offizielle Begründung der Klinikleitung Bad Belzig zur Schließung der Geburtsstation. Außerdem würden „sich heute immer mehr Frauen selbst bei absehbar normalen Geburten für eine Entbindung in einem ausgewiesenen Perinatalzentrum entscheiden.“ Doch angesichts der Lage in Bad Belzig klingt es paradox, wenn kleine Geburtsstationen unter dem Vorwand, dass sie keine sichere Geburten mehr garantieren könnten, geschlossen werden, die Wege in die größeren Perinatalzentren aber unzumutbar lang werden und gerade deshalb womöglich das Leben von Mutter und/oder Kind in Gefahr ist.

Demo für Geburtskultur

Foto: Niemegk-bloggt.de/Gunnar Neubert - Kinderarzt Dr. Kroll, Bürgermeisterin Hannelore Klabunde-Quast und Angela Hauer von pro familia (v.r.n.l.)

Immer weniger Kreißsäle, immer schlechtere Betreuung

Ein anderes Problem: Die Geburtsstation in Brandenburg platzt aus allen Nähten. Die Anzahl an Kreißsälen sei viel zu knapp berechnet, sagt Mutter Nawrath. „Bei der Geburt meiner Tochter haben sechs Frauen gleichzeitig entbunden, und das bei nur drei Kreißsälen. Eine Frau musste dann auf die Liege im Untersuchungsraum ausweichen.“ Die Hebammen hatten alle Hände voll zu tun, eine Eins-zu-eins Betreuung war nicht möglich: „Ich war die ganze Zeit allein. Die Hebamme kam nur kurz rein, um nach dem Muttermund zu schauen, ich kann von Glück reden, dass mein Mann bei mir war.“ Für Melanie Nawrath war diese Situation neu: Denn bei der Geburt ihres Sohnes vor fünf Jahren in Bad Belzig wich die Hebamme nicht von ihrer Seite.

Geburtskultur

Geburtskultur vor dem Aus?

Der Gesundheitsmarkt hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Die Folgen für Schwangere und die ganze Familie werden den (zukünftigen) Eltern erst langsam bewusst. Wir informieren dich hier über die aktuelle Situation, du findest hier auch die Einschätzung von Experten.

Elterninitiativen brauchen deine Unterstützung!

Damit sich die Geburtshilfe nicht weiter verschlechtert, kämpft das „Netzwerk der Elterninitativen für Geburtskultur" für bessere Bedingungen sowohl für Gebärende als auch für Hebammen. Hier findest du bundesweite und regionale Vereine des Zusammenschlusses.

Rationalisierung trotz Baby-Boom

„Die meisten Mütter haben sich mit der Situation abgefunden, doch das Gefahrenpotenzial aufgrund der langen Wege ist und bleibt groß”, beschreibt Beatrix Lichter-Spatzier die momentane Lage. Sie ist selbst Mutter von drei Kindern und leitet die Kita des Kinder- und Familienzentrums WIR e.V. in Bad Belzig. Seit drei Jahren kämpft sie im Bürgerbündnis Bad Belzig gegen die zunehmende Wegrationalisierung der medizinischen Grundversorgung in der Region Fläming. Eine Entwicklung, die so gar nicht zum derzeitigen Baby-Boom, zu den meist kinderreichen Familien und dem steigenden Zuzug passt: „Der viel zitierte demografische Wandel trifft hier bei uns einfach nicht zu.“

Die Spontangeburt wird zur Zitterpartie

„Inzwischen entscheiden sich viele Mütter für eine Hausgeburt“, erzählt Lichter-Spatzier weiter. Dass die Hausgeburtsrate gestiegen ist, bestätigt auch Dr. Kroll: „Im ersten halben Jahr haben wir bei etwa 100 Geburten 10 Hausgeburten gezählt, zuvor waren es 2 bis 3 Prozent.“ Er steht Hausgeburten generell positiv gegenüber. Unter fachkundiger Begleitung einer Hebamme sind diese auch sehr sicher. Zuhause bei ihrer Familie findet die Gebärende die nötige Ruhe und Sicherheit, die sie rund um die Entbindung und für eine natürliche Geburt braucht. In den Niederlanden zum Beispiel hat die Hausgeburt schon lange Tradition: Etwa zwei von drei Schwangere entscheiden sich hier für die Geburt in vertrauter Umgebung. Tritt der seltene Fall auf, dass die Gebärende doch ins Krankenhaus verlegt werden muss – was in zirka drei Prozent der geplanten Hausgeburten der Fall ist –, sind die Wege in die nächste Klinik kurz.

Anders nun in Bad Belzig. „Wenn es hier mal schnell gehen muss, und der einzige Rettungswagen schon anderweitig im Einsatz ist oder zu lange braucht, wird auch die Hausgeburt zum medizinischen Risiko“, gibt Dr. Kroll zu bedenken.

Geburt nach Terminkalender?

Damit die natürliche Spontangeburt nicht zur Zitterpartie wird, „legen immer mehr Frauenärzte in Bad Belzig ihren Patientinnen eine geplante Entbindung in einem der Perinatalzentren nahe“, erzählt Kroll, „vor allem bei Mehrlingsgeburten.“ Damit entfernen wir uns immer mehr vom natürlichen Geburtsvorgang, hin zur terminierten, eingeleiteten Entbindung mit ungewissem Ausgang. Gerade Anspannung und Unsicherheit verhindern oftmals eine Geburt auf natürlichem Weg – in der Regel ziehen sie sogar weitere Eingriffe nach sich.

Seit 2015 hat der Deutsche Hebammenverband schon 38 geschlossene oder von der Schließung bedrohte Kreißsäle gezählt. Und die Liste wächst.