GASTBEITRAG
Marion Glück

Als Autorin und ehemalige Offizierin verbindet sie in ihren Büchern und Interviews persönliche Erfahrungen mit strukturierten Entscheidungs- und Reflexionsprozessen. Mit ihrer Arbeit unterstützt sie Menschen dabei, innere Stabilität zu entwickeln und auch in herausfordernden Lebensphasen handlungsfähig zu bleiben.
Besuche Marion gerne auf ihrer Homepage, dem Glücksuniversum.
Das Buch "Priorität Nr. 1 nach der stillen Geburt " findest du hier.
Trauer nach Fehlgeburt verarbeiten
Der Verlust eines Kindes reißt einem den Boden unter den Füßen weg und verändert das ganze Leben. Die darauffolgende Trauer nach einer Fehlgeburt ist nichts, was man „hinter sich bringt“. Sie lässt sich weder beschleunigen noch normieren.
In "Priorität Nr. 1 nach der stillen Geburt" macht Marion Glück ihren eigenen Trauerweg sichtbar. Ein Jahr lang hat sie sich durch die Trauer gearbeitet und unterschiedliche Wege ausprobiert, bevor sie begonnen hat, darüber zu schreiben.
Im Interview spricht sie darüber, warum Trauer Zeit braucht, warum Orientierung helfen kann und weshalb es keinen richtigen Weg gibt. Sie teilt persönliche Einblicke, aber auch Gedanken, die anderen Betroffenen Mut machen können, ihren eigenen Weg zu gehen.
Im Gespräch
Hallo Marion, in deinem ersten Buch war deine Trauer noch kein Thema. Was hat dazu geführt, dass dieses Thema dort noch keinen Platz hatte?
Mein erstes Buch „Schwere Entscheidungen leicht treffen“ war ein erheblicher Teil meines Trauerprozesses. Als ich begonnen habe, wollte ich zunächst alles in einem Atemzug schreiben – also auch über die Trauerarbeit. Sehr schnell habe ich gemerkt: So wird das nichts. Ich hatte ja gerade erst angefangen und war weder fertig, noch konnte ich darüber reflektiert sprechen.
Deshalb habe ich die Bücher getrennt. Ich habe während meines Trauerjahres bereits geschrieben, mir aber bewusst ein Jahr Zeit genommen, um Abstand zu gewinnen und später aus der Distanz zu schauen: Wie ging es mir in diesem Jahr wirklich? Was habe ich gelernt? Wie sah mein innerer Prozess aus und was habe ich alles ausprobiert?
Trauer heißt nicht umsonst Trauerarbeit. Sie ist anstrengend. Und genau deshalb habe ich mir diese Zeit bewusst genommen.
Was war der wichtigste Unterschied zwischen dem Schreiben deines ersten Buchs und diesem?
In meinem Buch „Das Leben ist BUND“ habe ich über meine Depression geschrieben. Es ist erst Jahre nach meiner Therapie und komplett aus der Rückschau entstanden. Bei „Priorität Nr. 1 nach der stillen Geburt“ war ich mitten im Prozess und konnte das erste Mal erkennen, wofür meine Depression gut war und wie viel ich daraus gelernt hatte.
In „Das Leben ist BUND“ teile ich mein Therapietagebuch. Das ist sehr persönlich. In „Priorität Nr. 1“ gebe ich zwar auch private Einblicke, habe das Buch aber prozessorientiert aufgebaut: mit Erklärungen, Übungen und Angeboten, wie Menschen ihren eigenen Weg durch die Trauer finden können.
Trauerphasen nach Fehlgeburt
Wie sah dein eigener Trauerweg aus – und was hat dir besonders geholfen?
Für mich gibt es drei Möglichkeiten: abkürzen, verdrängen oder eintauchen. Ich habe mich fürs Eintauchen entschieden.
Besonders geholfen hat mir, wirklich alles auszuprobieren – auch Übungen, bei denen ich dachte: Das kann doch nichts bringen. Genau da kamen oft die größten Erkenntnisse. Neugierig zu bleiben und Dinge nicht vorschnell abzulehnen, war für mich entscheidend.
Du sprichst davon, dass die Trauerphasen nach einer Fehlgeburt auch Orientierung geben können. Wie meinst du das?
Wissenschaftliche Modelle gibt es nicht umsonst. Ich sage nicht, dass sie für alle gleich gelten müssen. Aber sie geben Orientierung.
Wenn ich weiß, in welcher Phase meines Trauerprozesses ich mich gerade befinde, kann ich reflektieren: Was brauche ich jetzt? Was könnte mir helfen? Auch Rückschritte lassen sich so bewusster wahrnehmen und besser einordnen.
Für das tägliche Reflektieren und das eigene Einordnen des Gefühlslebens finde ich diese Prozesse sehr hilfreich.
Was möchtest du Menschen sagen, die sich für ihre Trauer rechtfertigen müssen?
Sich für Gefühle rechtfertigen zu müssen, ist oft erlernt. Viele von uns haben früh gelernt: Reiß dich zusammen.
Wenn Kinder für Wut oder Traurigkeit ausgelacht werden, entsteht schnell der Gedanken „Ich bin falsch“ und der wird durch das Leben mitgetragen. Nicht umsonst, ist es so schwer, sich seinen Gefühlen wirklich hinzugeben. Dabei haben Gefühle einen Sinn.
Niemand ist falsch, weil er fühlt. Trauer hat viele Gesichter und gerade, wenn man ein Kind verloren hat, zeigt sie, dass Liebe da war. Niemand muss sich für seine Trauer schämen oder rechtfertigen.
Individuelle Trauerwege nach Fehlgeburt
Warum ist es dir so wichtig, individuelle Trauerwege nach einer Fehlgeburt aufzuzeigen?
Es gibt eben nicht diesen einen richtigen Weg. Jeder Mensch findet seinen eigenen. Das sehe ich auch ganz klar in meiner Arbeit. Deshalb mache ich ausschließlich individuelle 1:1-Begleitung, weil es das oft erwartete „Schema F“ nicht gibt. Man kann keine Schablone auf Menschen legen. Das funktioniert in meiner Welt nicht.
Mir ist wichtig aufzuzeigen, welche Möglichkeiten es gibt. Was hat Person A ausprobiert? Was hat Person B geholfen? Wie sind andere durch ihre Trauer gegangen? Genau deshalb finde ich Trauergruppen so hilfreich. Dort begegnet man unterschiedlichen Perspektiven und kann für sich selbst entscheiden, ob man davon etwas mitnehmen möchte, um im eigenen Prozess weiterzukommen.
Genau deshalb kann es auch nicht den einen richtigen Weg geben. Wir Menschen sind nicht alle gleich. Wir sehen unterschiedlich aus, wir ticken unterschiedlich und wir brauchen unterschiedliche Dinge, um unsere Prozesse zu bearbeiten. Und das gilt für den Trauerprozess ganz genauso.
Ein Wendepunkt in der Trauer
Was war für dich ein Wendepunkt in deinem Trauerjahr?
Ein Wendepunkt war definitiv nach einem halben Jahr, als ich wieder schwanger war. Ab da konnte ich mich nicht mehr zu hundert Prozent nur meiner Trauer hingeben.
Ich habe plötzlich viel nachgedacht: Was macht das mit meinem Baby? Wie lange gehe ich noch in die Trauergruppe? Was bedeutet das für die Menschen dort – für die Familien, die gerade ihr Baby verabschiedet haben, wenn ich wieder schwanger bin? Das war für mich ein riesiger innerer Umbruch.
Ende 2023 ist dadurch ganz viel in Bewegung gekommen. Es ging um Fokus, um innere Zerrissenheit und um die Frage: Kann man Liebe überhaupt aufteilen? Auch das musste ich für mich sortieren.
Meine Folgeschwangerschaft war für mich der Wendepunkt schlechthin, denn sie hat mir viel Hoffnung gegeben und mir gezeigt, wie schnell sich das Blatt nach einem Verlust auch wieder wenden kann.
Weitere artikel
Auf kidsgo findest du weitere Artikel zum Thema Sternenkinder und auch zu Orten der Erinnerung.
Hol dir Hilfe und Unterstützung. Viele Initiativen, die dich begleiten, findest du im gelben Kasten auf dieser Seite.
Weitere Interviews zu den anderen Büchern von Marion Glück findest du hier:
Schwere Entscheidungen leicht treffen
Gerade bei Entscheidungen in der Schwangerschaft oder generell zu den Themen Familie, Kinder und Elternschaft geraten Frauen wie auch Männer immer wieder in Situationen, für die es keine einfachen Lösungen gibt und bei denen es unmöglich ist, allen Erwartungen gerecht zu werden.
Vertrauen fassen nach der stillen Geburt - Schwanger mit dem Regenbogenkind
Nach einer stillen Geburt ist nichts mehr selbstverständlich. Vertrauen in den eigenen Körper, in das Leben und in eine erneute Schwangerschaft muss oft erst mühsam wieder wachsen.
KINDERBUCH: "Mimi wird Weihnachtsmann"
Träume von Kindern sind ein wichtiger Teil ihrer Entwicklung. Wie Eltern sie stärken können,erzählt die Autorin durch Mimi, die Weihnachtsmann werden will.
"Das Leben ist BUND": Über Depression, Klinikaufenthalt und den Mut, Hilfe anzunehmen.
Was hättest du selbst zu Beginn deines Trauerjahres gern früher gewusst?
Ich bin ja eher von der schnellen Sorte. Ich hätte gern früher das Bewusstsein gehabt, dass ich mit Trauer weder früher noch später „fertig sein“ muss.
Trauer ist nicht an eine Zeitlinie gebunden. Meine Traurigkeit bleibt. Mal ist sie intensiver und mal kaum wahrnehmbar. Wenn meine Traurigkeit weit weg ist, bedeutet das nicht, dass ich meine Tochter weniger liebe.
Ich hätte gern früher gewusst, dass es okay ist, nicht immer gleich traurig zu sein. Dass das nichts über die Tiefe der Liebe aussagt. Dieses Verständnis habe ich mir selbst erarbeitet und hätte es mir früher gewünscht.
Selbstfürsorge nach Fehlgeburt
Welche Rolle spielt die Selbstfürsorge nach einer Fehlgeburt in der Trauerarbeit – und wie kann sie konkret aussehen?
Selbstfürsorge spielt in der Trauerarbeit für mich eine sehr große Rolle, weil von außen sehr viel auf einen einwirkt und man sich in der Trauer auch verlieren kann.
Trauer heißt nicht umsonst Trauerarbeit. Sie ist anstrengend. Deshalb gehört es dazu, sich Pausen zu erlauben: mal ins Theater gehen oder einen witzigen Film schauen und sich zu erlauben, wieder zu lachen.
Das heißt nicht, dass alles plötzlich gut ist. Aber es dürfen auch schöne Momente da sein. Für andere wirkt das manchmal wie Egoismus, wenn man sagt: Ich nehme mir jetzt Zeit für mich, ich möchte gerade nicht darüber reden.
Für mich ist das kein Egoismus, sondern Selbstliebe. Und ein ganz wichtiger Punkt dabei ist immer wieder zu schauen: Wie geht es mir gerade? Geht es mir mit dem, was ich tue, besser oder eher schlechter? Diese ehrliche Selbstbeobachtung ist für mich zentral.
Was brauchen trauernde Mütter (und Väter) deiner Erfahrung nach am meisten – aber bekommen es oft nicht?
Am meisten brauchen sie wahrscheinlich echte Aufmerksamkeit. Die Frage: ‚Was brauchst du gerade von mir?‘ ist hilfreicher als ungefragte Ratschläge oder unpassende Hilfe.
Nicht dieses oberflächliche „Wie geht’s dir?“, sondern echtes Interesse: Wie fühlst du dich wirklich damit?
Und dann einfach zuzuhören. Den Schmerz auszuhalten, ohne sofort bei sich selbst zu sein. Genau das bekommen die wenigsten Menschen: jemanden, der nicht gleich denkt „Wie geht es mir jetzt damit?“, sondern der den Raum hält und zuhört.
Am Ende brauchen Betroffene keine Sätze wie „Es muss ja irgendwann auch mal gut sein“, sondern die Erlaubnis wirklich traurig sein zu dürfen.
Liebe Marion, wir danken dir ganz herzlich für das Gespräch und für deine wunderbare Arbeit, mit der du so viele Menschen stärkst. Ich freue mich schon auf die weiteren Gespräche mit dir.
