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Kangarooing erleichtert Frühchen den Start ins Leben

Katrinas Sohn Luis kam in der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt – 1550 Gramm, eine Handvoll Kind. So winzig und verloren in dem Wärmebettchen zwischen Kabeln und piepsenden Geräten. So schwer, zwischen Hightech und Plexiglas Kontakt zu dem kleinen Wesen zu finden, das eben noch sicher geborgen im eigenen Bauch strampelte.

In diesem Artikel:

Kangarooing erleichtert Frühchen den Start ins Leben

Erst das Kangarooing ließ Katrina und ihren Mann spüren, wie es ist, ein Kind zu haben, zu berühren und zu umsorgen. Ähnlich wie Kängurumütter ihre Neugeborenen noch mehrere Monate im Beutel austragen, liegen die Frühchen beim Kangarooing immer wieder für ein oder mehrere Stunden auf dem nackten Oberkörper der Mutter oder des Vaters.

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Kangarooing: eine aus der Not geborene Methode festigt Bindung

Bereits in den 1970er Jahren wandten kolumbianische Mediziner diese Methode an. Eine aus der Not geborene Idee: Weil es keine Brutkästen und keine medizinische Versorgungsmöglichkeiten für Frühgeborene gab, wickelten die Ärzte die Winzlinge Tag und Nacht auf Mamas Brust, um sie so warm zu halten. Das Ergebnis überzeugte: Überraschend viele Kinder überlebten. Inzwischen hat sich diese Methode weltweit etabliert.

Die positiven Effekte, die die Kuscheleinheiten für Eltern und Kinder haben, sind offensichtlich. Der unmittelbare Hautkontakt, Mutters Wärme, ihr Herzschlag, ihr Geruch: All das lässt die kleinen Patienten wunderbar entspannen. Es kommt zu weniger Komplikationen, sie nehmen schneller an Gewicht zu und kommen sogar mit Schmerzen besser zurecht. Auch für die Eltern ist das Kangarooing eine wertvolle Hilfe, um die Bindung zu ihrem Kind zu festigen.

Geburtserlebnisse

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Vergleichsstudie: Brutkasten versus Kangarooing

Die israelische Neurowissenschaftlerin Dr. Ruth Feldman hat Eltern und Kangarooring-Kinder über einen langen Zeitraum beobachtet. Das Ergebnis: Die Kinder waren selbst nach zehn Jahren im Schnitt wesentlich stressresistenter als die Kinder einer Brutkasten-Vergleichsgruppe. Und die Mütter? Sie empfanden die Erziehung ihrer Kinder weniger anstrengend, da es ihnen leichter fiel, sich in die Bedürfnisse ihrer Kinder einzufühlen.

Katrina indessen ist froh, dass sie und Luis mittlerweile nach Lust und Laune auf dem heimischen Sofa kuscheln dürfen.

Erfahrungsbericht - Zwei Wunder von Bern

Nach einer kurzen und aufregenden Schwangerschaft hat Madeleine Hänni in der 29. Schwangerschaftswoche ihre Zwillinge per Kaiserschnitt entbunden. Für kidsgo berichtet sie vom frühen, aber liebevollen Start ins Leben, vom Kangarooing und wie sich ihre Töchter – heute 3 ½ Jahre alt – entwickelt haben.

Anfang 2011 wurde ich mit Zwillingen schwanger. Schnell war klar, dass wir eineiige Zwillinge erwarten – monochorial-diamniote Zwillinge um genau zu sein. Das heißt, unsere beiden Mädchen hatten zwar je eine eigene Eihaut, teilten sich jedoch eine Plazenta. Bei dieser Zwillingsform besteht das Risiko eines Zwillingstransfusionssyndroms. Bei dieser Fehlentwicklung haben die Kinder einen gemeinsamen Blutkreislauf, was meistens zur Folge hat, dass das Wachstum und die Versorgung eines Kindes zu kurz kommt, während das andere mit einer Überversorgung an Blut kämpft. Unbehandelt ist dies für beide Kinder tödlich. Anfang der 24. Schwangerschaftswoche (SSW) wurde bei unseren Zwillingen dieses Syndrom festgestellt; von da an hieß es für mich, das Krankenhausbett zu hüten und alle zwei bis drei Tage Ultraschalluntersuchungen. Ausführliche Berichte über meine Schwangerschaft, die Krankenhauszeit und das erste Jahr findet ihr in beiden beendeten Schwangerschaftstagebüchern und den Babytagebüchern.

Trotz Umstände und Diagnose optimistisch geblieben

Unser Mantra war: Unsere Mädchen würden sich da schon durchschaukeln. Wir nahmen einen Tag nach dem anderen und unser festes, erstes Ziel war die 28+0 SSW. Vor der Diagnose wollte ich eine natürliche Geburt möglichst nahe am Geburtstermin, jetzt aber war es einfach wichtig, dass die beiden so lange wie möglich in meinem Bauch blieben. Und tatsächlich schaukelten sich die Mädchen durch, und mehr als ein Mal wusste der Professor nicht, weshalb jetzt die Werte der Zwillinge so viel besser waren, als er erwartet hatte. In der 28+3 SSW war es aber dann soweit: Die beiden sollten geholt werden. Ich wurde auf den Kaiserschnitt vorbereitet, und auch mein Mann konnte dabei sein. Kurz vor Mittag am 12. Oktober 2011 haben unsere beiden Mädchen Liana und Luana das Licht der Welt erblickt.

Beide haben beim Verlassen des Bauchs kurz gequäkt, und nachdem sie erstversorgt worden waren, durften wir zu ihnen. Beide Babys haben selbst geatmet. Jedoch wurde es für Liana, die kleinere mit 540 Gramm Startgewicht, bald zu anstrengend, und sie wurde intubiert, um das Atmen zu erleichtern. Luana mit ihren 760 Gramm bekam eine CPAP-Atemhilfe, dann durften sie auf die Station. Bei unserem ersten Besuch war ich einfach nur glücklich und froh. Schon in der ersten Nacht wurde Liana extubiert und benötigte von da an nur noch die Atemhilfe.

Unbeschreibliches Gefühl

Zwei Tage nach der Geburt durften wir unsere Mädchen das erste Mal aus der Isolette nehmen und känguruen. Es war einfach ein unbeschreibliches Gefühl, dieses kleine Wesen auf der Brust zu haben. Von da an waren die beiden bis auf ganz wenige Ausnahmen täglich mindestens zwei Stunden bei uns auf der nackten Haut. Nach drei langen Wochen durften sie das erste Mal beide zusammen auf meinem Oberkörper liegen. Vorher haben mein Mann und ich uns immer abgewechselt und jeweils nur eine unserer Töchter gekängurut. Wir haben diese Zeit sehr genossen. Ich war mehr oder weniger den ganzen Tag bei den Mädchen, ich habe sie gewickelt, geholfen sie zu waschen, einzuölen und zu versorgen. Gefüttert habe ich sie mit meiner abgepumpten Milch, die sie über die Magensonde bekamen. Etwa zwei Wochen nach der Geburt haben wir dann erste Anlegeversuche gemacht.

Abends kam immer mein Mann. Oft waren wir die letzten Eltern auf der Frühchenstation. Die Kinderärztin führte in einem Gespräch auf, was die Mädchen aufgrund ihrer Frühgeburt alles noch bekommen könnten, aber dabei blieb es eigentlich auch. Sie entwickelten sich in der eigentlichen Schwangerschaftszeit sehr gut und hatten „nur“ die für die bestimmte Schwangerschaftswochen üblichen Herzrhythmusstörungen und Atemstillstände. Zweimal hatten sie einen kleinen Infekt, der sofort mit Antibiotika behandelt wurde, aber sonst hatten die beiden keine größeren Probleme. Und so konnten wir gut zwei Monate nach der Geburt eine nach der anderen mit nach Hause nehmen und uns an das neue Familienleben gewöhnen. Anfangs bekamen beide hauptsächlich meine abgepumpte und angereicherte Milch im Fläschchen, zwischendurch auch meine Brust.

Umstellung aufs Stillen

Und so konnte ich beide noch über vier Monate voll stillen. Die Zwillinge entwickelten sich weiter super und nahmen auch gut zu. Nur auf dem Bauch liegen mochten sie nicht wirklich. Deshalb begannen wir drei Monate nach dem errechneten Geburtstermin mit Physiotherapie. Mit Hilfe dieser klappte auch das bald. Die von den Ärzten prophezeiten Infekte und Arztbesuche blieben aus.

Kurz nach der Entlassung aus dem Krankenhaus mussten wir wegen einer Virusinfektion doch noch einmal für drei Tage anrücken. Aber danach waren unsere Mädchen im ersten Jahr, außer bei den Vorsorgeuntersuchungen, nie beim Arzt. Beim Kontrollbesuch 18 Monate nach der Geburt meinte unsere Kinderärztin, dass von der Frühgeburt nichts mehr zu sehen sei. Einzig das schmale Gesicht von Liana weise darauf hin, aber sonst seien sie genau so wie Gleichaltrige. Und so ist es auch heute noch. Mittlerweile sind unsere Töchter gut 3 ½ Jahre alt und zwei ganz aufgeweckte und gesunde Mädchen. Sie sprechen, gehen auf Toilette, fahren Laufrad und lieben das Plantschen in jeder Form von Wasser. Im Vergleich zu anderen gleichaltrigen Kindern stelle ich bisher keine Unterschiede in der Entwicklung fest. Das Einzige, was heute noch auf den frühen Start ins Leben hinweist, ist ihr Körperbau: Beide sind sehr schlank.

Seit knapp acht Monaten weiß ich, wie der Start ins Leben im Normalfall verläuft

Wir haben nämlich noch einen Sohn bekommen. Er wurde termingerecht geboren und ist kerngesund. Das ist schon ein komplett anderes Erlebnis und nicht zu vergleichen. Aber auch hier finde ich, dass jede Medaille zwei Seiten hat: Durch das Känguruen und die Tatsache, dass wir Zwillinge haben, hatte mein Mann bei den Mädchen von Anfang an die viel engere Bindung. Unser Junge war und ist sehr auf mich fixiert und beginnt erst jetzt auch eine enge Bindung zum Papa aufzubauen. Klar: Nur bei Mama gab’s etwas zu essen, zudem wird Papa doch sehr von den Twins beansprucht. Auch durften wir bei den Mädchen Entwicklungsschritte miterleben, die normalerweise im Bauch stattfinden. Ein weiterer Vorteil der Zeit im Krankenhaus war, dass wir unsere Mädchen schon gut kannten, als wir nach Hause durften.

Du kannst deinen Kindern nur eine Hilfe sein, wenn es dir selbst gut geht!

Wenn ich gefragt werde, wie man so eine Situation übersteht, kann ich rückblickend zwei ganz wichtige Dinge antworten: Das Ganze möglichst positiv sehen und Vertrauen in den kleinen Menschen haben. So klein dein Kind auch ist, wenn es will und es so sein soll, wird alles gut! Meine Mädchen haben einen riesigen Dickschädel, der uns viel Geduld und Nerven abverlangt. Aber: Ohne diesen Dickschädel wären sie heute nicht bei uns. Und der zweite Punkt ist, auf sich selbst achtzugeben. Du kannst deinen Kindern nur eine Hilfe sein, wenn es dir selbst gut geht. Das heißt: sich gesund und ausgewogen ernähren, viel trinken, genügend schlafen und auch mal ein paar Minuten für sich Zeit nehmen. Ich weiß, das ist einfacher gesagt als getan, aber für mich ein unumgänglicher Punkt.

Rückblickend bin ich einfach extrem dankbar und froh, dass es uns und unseren beiden Wundern von Bern so gut geht!


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