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Schwangerschaftsdiabetes: Wie kann ich vorbeugen und wann macht eine Behandlung Sinn?

Das Diabetes-Screening zählt zu den wichtigsten Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft. Manchmal verunsichern aber die Testergebnisse die werdenden Mütter unverhältnismäßig stark. Umso wichtiger ist es, dass Schwangere auf ihren Lebensstil achten, um einen Diabetes von Beginn an zu vermeiden.

In diesem Artikel:

Als Anna aufgrund ihres Übergewichtes bereits in der 12. Schwangerschaftswoche zum oralen Glukosetest aufgefordert wird, nimmt sie die Sache noch locker. „Klar, macht man ja, soll ja nix passieren. Die Werte waren absolut in Ordnung“, berichtet sie in dem Buch „Die Geburt meines ersten Kindes“.

Buchtipp

Irene Behrmann, Ulrike Bös: Die Geburt meines ersten Kindes. Geburtserfahrungen, Geburtsakten und Erläuterungen schwerer Geburten in der Klinik, Fidibus Verlag, 2013, 29,95 Euro, ISBN 9783943411003

Ihre Frauenärztin überweist sie zu einem Diabetologen, der zwei weitere Tests anordnet: einen in der 24. Schwangerschaftswoche und einen in der 33. Woche. Der zweite fällt erneut unauffällig aus, der dritte jedoch zeigt, dass Anna Schwangerschaftsdiabetes hat mit einem erhöhten Blutzuckerwert von 188 mg/dl, „statt 180“, wie sie betont. Demnach handelt es sich lediglich um eine geringfügige Überschreitung des 1-Stundenwertes beim sogenannten oGTT-Test (siehe Infokasten). Annas Eindruck: Es wurde solange getestet, bis der Wert ins Krankheitsschema passte. Und krank fühlte sie sich seitdem auch. „Also stand es fest! Ich hatte einen Diabetes. Ich bekam sofort ein Aufklärungsgespräch, musste streng Diät halten und mich zwei Tage später wieder melden. Und natürlich meinen Blutzucker messen.“ Als sie sich wie verlangt zurückmeldete, kam erneut die Bestätigung, die Werte seien zu hoch. Nun sollte sie sofort mit Insulinspritzen beginnen. Anna war zutiefst verunsichert. Offenbar wurde ihr auch ein wesentlicher Aspekt nicht vermittelt: Hohe Blutzuckerwerte sind meistens auf die Zeit der Schwangerschaft begrenzt und verschwinden nach der Geburt wieder. Darauf weist Diabetesberaterin Sabine Auer auf der Homepage des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) der Universität Düsseldorf hin.

Kaiserschnitt statt natürlicher Geburt

Bei Anna kommt dann eins zum anderen. Der Diabetologe rät ihr „dringend“ zur Entbindung in einer Kinderklinik mit Neonatologie (Neugeborenenmedizin) anstatt in der bereits ausgesuchten Wunschklinik. Dort stellt sich beim Vorgespräch heraus, dass ihr Baby mit dem verhältnismäßig hohen Gewicht von circa 4,5 Kilogramm auf die Welt kommen würde. Die Folge: Es könnte bei der Geburt mit den Schultern stecken bleiben. Anna wird deshalb ein Kaiserschnitt vor dem errechneten Termin empfohlen.

Aus Sorge um ihr Kind entscheidet sie sich dafür. Ihre ausgesuchten Hebammen reagieren verärgert über die Klinik und wollen das Wochenbett nicht mehr betreuen. Die werdende Mutter steht Ängste aus, wird bei dem Eingriff ausgerechnet mit einem unsensiblen OP-Team konfrontiert, fühlt sich allein gelassen, leidet danach an Wochenbettdepressionen. Trotz aller Unkenrufe und Vermutungen ist ihre Tochter gesund auf die Welt gekommen, der Blutzuckerspiegel von beiden liegt im normalen Bereich. „Hatte ich also überhaupt einen Diabetes?“, fragt sie sich. Auf die Erfahrung eines Kaiserschnittes und des Trennens von ihrem Baby nach der Geburt hätte sie lieber verzichtet. Geblieben sind Zweifel, ob das alles wirklich nötig war. „Ich habe lange daran geknabbert und tue dies jetzt noch.“

Diabetes-Screening: Ablauf und Grenzwerte

  1. Vortest: Screening auf Schwangerschaftsdiabetes zwischen der 24. und 28. SSW, auch Hebammen dürfen ihn durchführen. Dabei werden 50 g Glukose oral eingenommen und nach einer Stunde die Plasmaglukosekonzentration (Blutzucker) gemessen. Normale Werte liegen zwischen >135 mg/dl und < 200 mg/dl.
  2. Oraler Glukosetoleranztest (oGTT): Er ist zeitnah nach dem Vortest durchzuführen, wenn die Grenzwerte beim Vortest über- oder unterschritten wurden. Dieser ärztlich durchgeführte Test erfolgt in drei Schritten, wobei jeweils erneut Blut abgenommen wird: Wenn einer der drei folgenden Blutzuckerwerte erreicht oder überschritten ist, wird die Diagnose „Schwangerschaftsdiabetes“ gestellt:
  • nüchtern: 5,1 mmol/l (92 mg/dl),
  • nach einer Stunde: 10,0 mmol/l (180 mg/dl),
  • nach zwei Stunden: 8,5 mmol/l (153 mg/dl).

Die Kosten beider Tests werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Grundlage sind die Mutterschafts-Richtlinien (MuRL).

Mehr Infos gibt es im Merkblatt „Test auf Schwangerschaftsdiabetes“.

Geburt mit Schwangerschaftsdiabetes

Laut Dr. Ulrike Bös stecken auch Ärzte in einem ständigen Dilemma „zwischen ärztlicher Aufklärungspflicht einerseits und Verängstigung der Schwangeren andererseits“. Nach ihrer Einschätzung hat der „rechtzeitig erkannte, deshalb behandelte und gut eingestellte Gestationsdiabetes“ nach Abwägung der möglichen Risiken zur Kaiserschnittempfehlung geführt. Jedoch: „Denkbar wären allerdings auch Wehenanregung und Geburtseinleitung vor dem Geburtstermin mit dem Versuch einer normalen Geburt gewesen.“ Auch seien Bedeutung und Einordnung von Diagnose und Therapie der Mutter und ihrem Mann offenbar nicht gut vermittelt worden, was zu Schwierigkeiten in der Verarbeitung des Geburtsgeschehens führte. „Aufgrund der möglichen Komplikationen wird bei Diabetesmüttern überdurchschnittlich oft zum Kaiserschnitt schon vor dem Geburtstermin geraten“, erklärt die Gynäkologin.

Es kommt vor, dass schwangere Frauen schon bei kleinsten Überschreitungen im Diabetes-Screening in Panik versetzt werden, zu Ernährungsumstellung und Blutzuckermessen, manchmal auch zum Insulinspitzen aufgefordert werden – was wiederum negative Folgen für die Kinder haben kann, etwa verzögertes Wachstum oder spätere Problem mit dem Stoffwechsel und Übergewicht.

 

Diabetes-Screening: Trotz allem wichtig

Dennoch sollten Schwangere keinesfalls auf diese gesetzliche Vorsorgeuntersuchung verzichten. Diabetes ist eine der häufigsten Komplikationen in der Schwangerschaft, bedeutet ein erhöhtes Gesundheitsrisiko für die werdende Mutter und auch für das ungeborene Kind. „Beim Schwangerschaftsdiabetes ist der Blutzucker der Mutter entweder ständig oder auch nur ungewöhnlich lange nach den Mahlzeiten erhöht“, erläutert Prof. Dr. med. Birgit Seelbach Göbel, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). „Die hohe Zuckermenge geht direkt auf das Baby über, das dadurch überernährt wird. Es wächst häufig zu schnell, und sein Stoffwechsel stellt sich schon vor der Geburt auf das ständige Kohlehydrat-Überangebot ein.“ Tritt die Erkrankung schon früh in der Schwangerschaft auf und wird nicht entdeckt, so können sich auch Fehlbildungen des Herzens entwickeln. Die Hormonsituation beim Kind verzögert außerdem die Reifung der Lungenbläschen, so dass vor allem frühgeborene Babys häufiger mit Atemnot zu kämpfen haben und beatmet werden müssen. Außerdem enthält die Fruchtblase oft zu viel Fruchtwasser. Die Gebärmutterwand wird durch das zu große Kind und die hohe Fruchtwassermenge überdehnt, so dass die Geburt oft um Wochen zu früh beginnt.

Auch für die Mutter ist der Schwangerschaftsdiabetes ein Risiko, denn es entwickelt sich dann häufiger ein hoher bis sehr hoher Blutdruck mit Ödemen, Nierenproblemen und der Neigung zu Krampfanfällen, eine so genannte Präeklampsie. Genauso häufen sich Infektionen der Harnwege, die das Risiko für Frühgeburten zusätzlich erhöhen. Ein weiteres, großes Problem stellt sich laut Seelbach-Göbel oft während der Geburt selbst: Es kommt bei einem großen Kind häufiger zum Geburtsstillstand und zu Schwierigkeiten bei der Geburt der kindlichen Schultern, es muss häufiger eine Vakuumglocke verwendet und ein größerer Dammschnitt gesetzt werden.

Behandlung von Schwangerschaftsdiabetes

„All diese Entwicklungen können von der Frau selbst verhindert werden“, sagt Dr. med. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF). An erster Stelle stehen eine ausgewogene und ballaststoffreiche Ernährung und der weitgehende Verzicht auf Süßigkeiten und Limonaden, um den Blutzuckerspiegel niedrig zu halten. Außerdem gehören reichliche, möglichst tägliche Bewegung dazu und eine regelmäßige Blutzuckerkontrolle. „Eine Insulintherapie ist erst in Betracht zu ziehen, wenn diese Maßnahmen nicht greifen“, bestätigt Dr. med. Nikolaus Scheper, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Niedergelassener Diabetologen e.V. (BVND). Er weist jedoch darauf hin, dass mit dem Insulin dann auch nicht zu lange zugewartet werden darf, weil es ja gilt, das ständige Überangebot an Zucker von dem Baby so gut es geht fernzuhalten und die Entwicklung von Folgeschäden bei der Mutter zu verhindern.

„Betroffene Frauen sind oft verunsichert“

„Leider sind betroffene Frauen häufig verunsichert, wie viel Therapie beim Schwangerschaftsdiabetes tatsächlich erforderlich ist“, betont Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Alle oben genannten Experten und Institutionen sind sich einig, dass die erste Behandlungsmaßnahme in einer Änderung des Lebensstils besteht. Ob zusätzlich Insulin gegeben werden muss, um die Risiken für Mutter und Kind in den Griff zu bekommen, müsse genau abgewogen werden. Fest steht aber auch: Obwohl der Schwangerschaftsdiabetes nach der Geburt von allein verschwindet, ist von nun an für Mutter und Kind erhöhte Achtsamkeit notwendig. Jede zweite ehemalige Patientin entwickelt innerhalb von zehn Jahren einen Typ-2-Diabetes; und auch ihre Kinder haben lebenslang ein erhöhtes Diabetes-Risiko, vor allem dann, wenn der Schwangerschaftsdiabetes nicht entdeckt und behandelt wurde. Aus diesem Grund sind Früherkennung und rechtzeitiger Therapiebeginn wichtig.

 


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