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Stillen: Muttermilch ist viel mehr als nur Ernährung

Muttermilch ist viel mehr als Ernährung. Denn Stillen macht glücklich und schützt dich und dein Baby vor Krankheiten. Der einzigartige Muttermilch-Cocktail ist durch nichts zu ersetzen.

In diesem Artikel:

Muttermilch ist mit jedem Schluck ein Gewinn fürs Baby

Ich sitze im Stillcafé und lausche den Gesprächen. Es geht ums Eingemachte, um Milch und Stillen. Der Bedarf an Beratung ist groß. Warum ist Muttermilch so gut und wie lange soll ich mein Kind stillen? „Meine Hebamme hat sich so gefreut, dass Emil sofort nach der Geburt die Brust gefunden und getrunken hat“, erzählt eine der Mamas, „ich hab das in diesem Moment gar nicht verstanden. Sie meinte, ich hätte ihm mit meiner Milch gerade zu seiner ersten Impfung verholfen.“

Wie viel Milch für dein Baby?

Magengröße eines Neugeborenen

Die Magengröße eines Neugeborenen am ...

Dein Baby ist da – endlich. Jetzt schlummert es nach dem ersten Anlegen an deiner Brust. Bestimmt stellst du dir irgendwann die Frage, wie oft du stillen sollst und ob es auch wirklich satt wird. Um zu verstehen, wie viel Milch dein Kind benötigt, ist es wichtig zu wissen, wie groß der Magen eines Neugeborenen überhaupt ist. Am ersten Tag ist er so klein wie eine Haselnuss und fasst nur 5 bis 7 Milliliter, bis zum 10. Tag wächst er auf die Größe eines Hühnereis an. Dein Baby gibt dir Bescheid, wenn es Hunger hat und trinkt so viel, wie es gerade braucht. Stillen nach zeitlichen Vorgaben ist passé, das Bedürfnis deines Kindes bestimmt den Rhythmus.

Übrigens: Je mehr dein Säugling trinkt, desto mehr Milch produziert deine Brust. Dein Kind regelt also selbst Angebot und Nachfrage. Nach einiger Zeit seid ihr beiden ein gut eingespieltes Team!

Tatsächlich ist die Vormilch, das gelbliche, dickflüssige Kolostrum, weit mehr als Nahrung. Denn der Cocktail enthält neben Nährstoffen und Vitaminen wichtige Immunstoffe, die das Kind in den ersten Lebensmonaten vor Krankheiten schützen.

„Doch auch die reife Muttermilch ist mit jedem Schluck ein Gewinn fürs Baby,“ erzählt Hebamme Iris, die dieses Mal im Stillcafé all unsere Fragen beantwortet. „Sie hat das Zeug zum echten Alleskönner: So vitaminreich wie ein ganzer Obstkorb liefert sie den passenden Anteil an Fetten und Eiweißen und ist dank enthaltener Enzyme leicht verdaulich.“ Daneben bietet sie eine große Geschmacksvielfalt, lernen wir, denn je nachdem, was Mama gegessen hat, verändert sich auch der Geschmack der Milch. Im Alltags-Handling ist sie unschlagbar praktisch. Muttermilch ist immer frisch, wohl temperiert und sofort lieferbar. Zudem stellt sie sich, was Menge und Zusammensetzung anbelangt, automatisch auf den Bedarf des kleinen Konsumenten ein. Darüber hinaus ist Mamas Milch auch noch äußerst preisgünstig und hat einen hohen Kuschelfaktor. Nirgendwo schläft es sich so schön ein wie an Mamas Brust – das würde mein Sohn sofort bestätigen.

Wie lange Mütter stillen, hängt von ihrer Herkunft ab

In der Realität werden in Deutschland im Alter von sechs Monaten jedoch nur noch rund 20 % der Kinder ausschließlich gestillt. Fast die Hälfte der Babys ist dann bereits vollständig abgestillt. Knapp ein Viertel der deutschen Mütter stillt ihr zwölf Monate altes Baby noch teilweise. Ganz anders in England: Nur eins von hundert Kindern wird mit zwölf Monaten noch gestillt. In ärmeren Ländern der Welt hingegen ist das Stillen des einjährigen Kindes weit verbreitet: In Bolivien bekommen noch 88 % der Kleinkinder die Brust, in Ruanda sogar 96 %. Gerade dort, wo es an sauberem Trinkwasser und Nahrung mangelt, kann Stillen Leben retten. Selbst im zweiten Lebensjahr kann ein Kind noch ein Drittel seines Nährstoffbedarfs über Muttermilch decken, zwei Drittel seines Bedarfs an Vitamin A und Folsäure, 60 % seines Vitamin C-Bedarfs und sogar 94 % seines Vitamin B12-Bedarfs. Kinder, die gestillt werden, entwickeln seltener Über- oder Untergewicht. Die Hebamme und Stillbeauftragte des Deutschen Hebammenverbandes Ayled von Gartzen erklärt das so:„ Ein Kind, das gestillt wird, ernährt sich selbst. Es lernt, seinem eigenen Gespür für Hunger oder satt sein zu vertrauen.“ Das bedeutet auch: Statt nach starrem Zeitplan das Kind nach dessen Still-Bedürfnis anzulegen.

Muttermilch: das Rundum-Vorsorgepaket

Auch in den reicheren Ländern senkt Stillen die Säuglingssterblichkeit, da es dem plötzlichen Säuglingstod (SIDS) vorbeugt. Und die Natur verteilt gleich noch einen Extra-Bonus, denn Kinder, die das erste Lebensjahr hindurch, oder auch noch darüber hinaus, gestillt werden, haben insgesamt ein niedrigeres Krankheitsrisiko. Und so treten Infektionskrankheiten wie Mittelohrentzündungen, Bronchitis oder Durchfallerkrankungen bei Stillkindern seltener auf und verlaufen weniger schwer. Jüngst haben Forscher weitere Wirkstoffe, Schnipsel von sogenannten Ribonukleinsäuren, in der Muttermilch entdeckt, die sogar Gene an oder ausschalten können. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, warum Stillen das Risiko von Allergien, aber auch von Diabetes, Leukämie, chronischen Darmerkrankungen und Herzkrankheiten verringert.

Stillen beugt Krebs und anderen Krankheiten vor

Hebamme Iris betont, dass auch wir Mütter vom Stillen profitieren: Eine lange Stillzeit hilft, überschüssige Schwangerschaftspfunde wieder loszuwerden. Und: Jeder Monat Stillen reduziert das Risiko, an Brust-, Gebärmutter- oder Eierstockkrebs zu erkranken. Entgegen der oft propagierten Meinung, Stillen raube der Mutter das Kalzium aus den Knochen, konnte eine niederländische Studie das genaue Gegenteil belegen. Demnach wird während der Stillzeit zwar mütterliches Kalzium mobilisiert, die Speicher aber nach dem Abstillen dafür umso besser wieder aufgefüllt, was eine spätere Osteoporose eher verhindert.

Muttermilch: Was ist das?

Lies hier, was Muttermilch so einzigartig macht:
Was macht Muttermilch so einzigartig? (PDF)

Unterstützung führt zu einer längeren Stillzeit

Wenn so viel gute Gründe für das Stillen sprechen, was hindert Mütter daran, es zu tun? Und was müsste geschehen, damit mehr Mütter sich für eine längere Stillzeit entscheiden? Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt schon lange eine Stillzeit von zwei oder mehr Jahren. Im weltweiten Vergleich fällt auf, dass dort länger gestillt wird, wo es soziokulturell verankert ist und die Mütter sich aufgehoben fühlen, bestärkt und unterstützt werden. Zum Beispiel stillen Mütter in muslimisch geprägten Ländern ihre Kinder durchschnittlich länger, auch weil der Koran eine Stillzeit von zwei Jahren empfiehlt. Aber auch in den USA, wo das staatliche Gesundheitssystem nur sehr wenig Unterstützung für Familien bietet und es kein gesetzliches Recht auf bezahlten Mutterschutz und Elternzeit gibt, konnte durch das Engagement professioneller Stillberaterinnen des Netzwerks La Leche Liga und ihren Stillgruppen die Anzahl der Mütter, die überhaupt stillen, auf rund 70 % erhöht werden.

Unser Ratgeber Stillen

Warum stillen? Wie stille ich richtig? Reicht die Milch? Viele junge Mütter sind am Anfang der Stillzeit unsicher. Sie möchten alles richtig machen – und vor allem das Beste für ihr Kind. Und einen Ratgeber, der ihre Fragen beantwortet. Hier kannst du unseren

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Kurze Elternzeit – schnelleres Abstillen

Oft entscheidet die Arbeitssituation darüber, ob und wie lange Mütter stillen. Zwar gibt es in vielen Ländern gesetzliche Regelungen, die der Mutter Stillpausen am Arbeitsplatz zugestehen, doch es bleibt stressig und stressiger, je kleiner das Kind ist. Die Statistik zeigt: In Ländern mit vergleichsweise kurzer Elternzeit wie Frankreich oder Spanien wird in der Regel auch kürzer gestillt.

Auch in unserer Stillrunde stellen wir am Ende die Frage, wie lange denn gestillt werden sollte. „Das darf jede Familie für sich entscheiden“, gibt uns Iris mit auf den Weg. „Es passt, wenn das Kind es will. Denn Essen gehört genauso wie Schlafen zu den Grundbedürfnissen eines Menschen, und es ist für alle Beteiligten ein Gewinn, wenn diese mit Freude statt mit Druck und Zwängen verknüpft werden.“

Und ein bisschen stolz bin ich jetzt schon: Dieses Wundermittel produziere schließlich ich und diese allumfassende Bedeutung für das ganze Leben war mir gar nicht bewusst.

Stillkultur in anderen Ländern

In diesem Jahr lautet das Motto der Weltstillwoche „Stillen – Fundament für eine nachhaltige Entwicklung“. Mit Aktionen vom 3. bis 10. Oktober 2016 möchte die Organisation World alliance for breastfeeding action (WABA) darauf aufmerksam machen, wie wichtig Stillen für einen guten Start ins Leben für jede Mutter und jedes Kind, aber auch für das Miteinander weltweit ist. Wie steht es eigentlich um die Stillkultur in anderen Ländern? kidsgo befragte dazu drei Mütter aus unterschiedlichen Kulturkreisen.

Stillkultur - ArgentinienPia aus Argentinien

Pia ist 44 Jahre alt, Architektin, Produktdesignerin und dreifache Mutter. Sie selbst ist in Argentinien geboren. Ihre Kinder – heute elf, zehn und sieben Jahre alt – sind in Barcelona zur Welt gekommen. Schon ihr erstes Kind hätte sie gern gestillt, aber in der Klinik findet sich niemand, der sie dabei unterstützt. Sie kann ihr Kind nach der Geburt nicht einmal direkt in die Arme schließen. 48 Stunden später ist sie zu Hause. Eine Nachsorgehebamme gibt es nicht. Die Familie ist weit weg. Beim zweiten Kind, ein Jahr später, ist sie schlauer und sucht sich eine Stillgruppe. Hier findet sie die Unterstützung, die sie sich erhofft hat. Aber in Spanien ist die bezahlte Elternzeit kurz. Nach 16 Wochen ist Schluss. Pia und ihr Mann entscheiden sich für doppelte Teilzeit: Sie arbeitet vormittags, ihr Mann am Nachmittag. Obwohl es die gesetzlichen Rahmenbedingungen gibt, muss sie Pionierarbeit leisten. „In meinem Ingenieurbüro war ich die Erste, die von dem Recht auf reduzierte Arbeitszeit und Stillzeiten Gebrauch gemacht hat.“ Richtig gut wird das Stillen für sie erst beim dritten Kind. „Schon der Anfang war ganz anders.“ Diesmal hat Pia Glück. Sie gerät an eine Hebamme, die ihr hilft, ihr Baby direkt nach der Geburt anzulegen.

Stillkultur - IranHajer aus Tunesien

Hajer ist 33, Ärztin und in zwei Kulturen, in Deutschland und Tunesien, groß geworden. Welche Unterscheide ihr zum Thema „Stillen“ einfallen, frage ich sie. „Ich kenne in Tunesien keine Frau, die schon vor der Geburt gesagt hat: Ich will nicht stillen.“ Es zumindest zu versuchen, ist gesellschaftlicher Konsens. Professionelle Stillberaterinnen gibt es nicht, dafür aber die Mutter, die Oma, die Nachbarin oder Freundin. Das Wissen wird familiär weitergegeben, und auch wenn keine Nachsorgehebamme ins Haus kommt, kann die Wöchnerin sicher sein, in dieser Zeit umsorgt und bekocht zu werden. Als Hajer in Göttingen ihren Sohn zur Welt bringt, reist ihre Tante an, um in den ersten Wochen für sie da zu sein. Kann eine Mutter in der arabischen Kultur ihr Kind nicht stillen, kann eine stillende Freundin oder Nachbarin diese Aufgabe übernehmen, mit nicht unerheblichen Konsequenzen. Denn die Kinder, die von ein und derselben Frau gestillt werden, werden automatisch zu Milchgeschwistern und dürfen beispielsweise später nicht heiraten.

Stillkultur TunesienSoofia aus dem Iran

Die 30-jährige Soofia ist gebürtige Iranerin und zweifache Mutter. Ihre Tochter ist fünf, ihr Sohn zwei. „Im Iran“, erzählt sie, „werden Kinder normalerweise rund zwei Jahre lang gestillt.“ So, wie es auch als Empfehlung im Koran steht. Stillende Mütter seien in der Öffentlichkeit vollkommen normal, einzige Voraussetzung: Man darf von der Brust nichts sehen. Hebammen, an die Mütter sich wenden können, gibt es. Viele Frauen aber, berichtet Soofia, würden die ersten Monate nach der Geburt bei ihren Eltern verbringen, wo sich Mutter, Schwester oder Tante um sie kümmert. Nach dem Koran darf eine Frau im Falle einer Scheidung für das Stillen ihrer Kinder sogar eine finanzielle Entschädigung von ihrem Ex-Mann verlangen.