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Zahnfehlstellung durch Schnuller: Kann Schnullern oder Daumenlutschen zu Kieferverformungen führen?

Schnuller oder das Nuckeln an den eigenen Fingern kann dein Baby beruhigen. Aber kann das Saugen an Schnuller oder Fingern das Risiko für spätere Zahnfehlstellungen und Zahnspange erhöhen?

In diesem Artikel:

Unser Experte

Dr. Christian Ludwig

 

Kieferorthopäde Dr. Christian Ludwig hat eine eigene Praxis in Wiesbaden.

Er ist selbst Vater von drei Kindern.

die-unsichtbare-zahnkorrektur.de

Zahnfehlstellungen meist genetisch bedingt

kidsgo: Wie entstehen Zahnfehlstellungen im Baby- bzw. Kleinkindalter?
Dr. Christian Ludwig: In vielen Fällen sind Zahnfehlstellungen genetisch bedingt. Wenn Papa oder Mama einen großen Oberkiefer haben, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese Kieferstellungen auch an die Kinder vererbt werden.
Neben solchen genetischen Ursachen gibt es aber auch verhaltensbedingte Ursachen für Fehlstellungen. Eine ungünstige Angewohnheit ist das Daumenlutschen.
Daneben gibt es andere Einflüsse, die von den Eltern sehr gut beeinflusst werden können. Hier ist der vorzeitige Zahnverlust durch schlechte Zahnpflege oder eine schlechte Ernährung zu nennen. Fallen die Milchzähne aufgrund von Karies zu früh aus, entstehen Zahnlücken. Da die zweiten Zähne noch nicht durchbrechen, bestehen über längere Zeit Lücken. Die nebenstehenden Zähne beginnen sich aufgrund des zusätzlichen Platzangebots in diese entstandenen Lücken hineinzubewegen.
Andere seltenere Gründe sind eine Überproduktion von Wachstumshormonen, Infektionserkrankungen oder ein chronischer Vitaminmangel.

Beruhigungssauger...

 … so werden Schnuller auch genannt. Sie können dein Baby beruhigen und helfen ihm, Stress abzubauen. Trotzdem: Das Wichtigste bist du! In vielen Fällen kann allein Körperkontakt – die Nähe zu dir, die Sicherheit – dein Kleines beruhigen. Davon hat dein Baby möglichweise mehr, als wenn es sofort den Schnuller bekommt.

Das sagt die Ärztin Gudrun von der Ohe zum Schnuller-Gebrauch.

Zahnfehlstellung durch Schnuller: Daumenlutschen ist das größere Übel

Schnuller oder Daumen: Was hat gravierendere Folgen für Kiefer- oder Zahnfehlstellungen?
Dr. Christian Ludwig: Laut der Gesellschaft für Zahngesundheit, Funktion und Ästhetik ist der Schnuller das kleinere Übel. Zum einen, weil der Daumen –anders als der Schnuller – immer verfügbar ist, zum anderen ist der Daumen hart und wenig kiefergerecht, so dass das Daumenlutschen starke Kieferfehlstellungen hervorrufen kann.
Durch das Lutschen werden die oberen Frontzähne nach vorne und die unteren nach hinten gedrückt, sodass eine große Stufe zwischen den Frontzähnen entsteht. Zusätzlich drückt der Daumen die Zähne tiefer in die Kieferknochen, dadurch können Abweichungen in der vertikalen Dimension entstehen. Durch das Nuckeln findet die Zunge nicht ihre richtige Position im Mundraum, dies hat zusätzlich einen negativen Einfluss auf das knöcherne Wachstum der Kiefer.

Wann Schnuller abgewöhnen?

Ab wann wird es riskant? Ab wann sollten Eltern den Schnuller abgewöhnen?
Dr. Christian Ludwig: In den ersten Lebensjahren ist das Nuckeln am Daumen oder am Schnuller normal. Grundsätzlich gilt: Vom 3. bis 5. Lebensjahr sollte diese Angewohnheit beendet werden. Diese Zeitspanne ist groß und es existiert kein fester Zeitpunkt. Sicherlich spielt die Häufigkeit und Intensität des Nuckelns eine entscheidende Rolle für die Entstehung von Zahn- oder Kieferfehlstellungen. Spätestens zum Zahnwechsel – also wenn die bleibenden Frontzähne kommen – sollte das Nuckeln der Vergangenheit angehören. Bis dahin können sich leichte Verschiebungen der Milchzähne durch den Zahnwechsel von allein „verwachsen.“

Der richtige Schnuller

Schnuller gibt es in unterschiedlichen Größen. Wähle für dein noch jüngeres Baby entsprechend die kleinste Größe aus. Achte auf ein flaches Saugteil und einen dünnen Schaft zwischen Mundschild und Saugteil.

Tipps für die Schnullerentwöhnung

Was können Eltern tun, wenn das Kind nicht von Schnuller oder Daumen lassen kann?
Dr. Christian Ludwig: Idealerweise ist das Kind aus eigenem Antrieb bereit mit dem Daumenlutschen aufzuhören, vielleicht weil die anderen Kinder im Kindergarten nicht am Daumen lutschen. Es gibt auch die Möglichkeit, mit übelschmeckenden Tinkturen, den Kindern das Daumenlutschen abzugewöhnen. Klappt dies nicht, wäre meine Empfehlung, auf einen Schnuller als weniger schädliche Alternative umzusteigen. Da der Schnuller nicht immer verfügbar ist, kann ihr Kind lernen, langsam darauf zu verzichten und über diesen Zwischenschritt das Schnullern ganz zu lassen. Hilfreich sind hier Rituale wie die Schnullerfee oder ein Schnullerbaum, wo die Kinder auch mit kleinen Geschenken dafür belohnt werden. Ist das Kind ein ganz hartnäckiger Nuckler, gibt es alternative medizinische Hilfen wie beispielsweise Mundvorhofplatten.  

Fehlstellung durch Schnuller: Wann zum Kieferorthopäden?

Ab welchem Alter raten Sie zum Besuch einer Kieferorthopädie-Praxis?
Dr. Christian Ludwig: Die Empfehlung zum Kieferorthopäden zu gehen wird in der Regel vom Zahnarzt ausgesprochen. Grundsätzlich kann man sagen, dass der erste Kieferorthopäden-Besuch sinnvoll ist, wenn die Frontzähne zu wechseln beginnen, also um das 6.  bis 8. Lebensjahr. Bei Syndromen wie zum Beispiel einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte ist ein Besuch beim Kieferorthopäden natürlich schon früher sinnvoll.

Herr Ludwig, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!