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Wie erlebt ein Baby eine Kaiserschnitt Geburt?

Stell dir einmal bildhaft vor, du schläfst friedlich in einem ruhigen, warmen, abgedunkelten Raum. Du fühlst dich rundherum wohl, geschützt und sicher. Plötzlich siehst du einen spitzen Gegenstand, der in deine heile Welt eindringt und sie aufreißt. Du siehst fremde Gesichter, die du noch nie zuvor gesehen hast. Die unbekannten Menschen bringen grelles Licht hinein in deinen geschützten Raum, lassen kalte Luft herein, machen dir unverständliche Geräusche, reißen dir die Decke weg, packen dich an den Füßen, heben dich hoch und geben dir vielleicht noch einen Klaps auf den Po. Wie würdest du dich fühlen? Spüre einmal in dich hinein.

In diesem Artikel:

Bis heute glauben viele Wissenschaftler und Mediziner, dass Babys ohne Bewusstsein und Sensibilität dafür geboren werden, was in ihrem Körper und ihrer Psyche vor sich geht; dass Babys keine Erinnerung an ihr vorgeburtliches Leben haben; dass Babys nicht in der Lage sind, zu ermessen, was während der Geburt abläuft.

Kann eine Kaiserschnitt Geburt für ein Baby traumatisch sein?

Viele Eltern suchen Hilfe in der Baby Therapie, weil sie nach der Geburt Probleme mit ihrem Baby haben. Intensives Schreien, Schlafstörungen und Essprobleme sind die häufigsten Symptome. Die meisten Eltern können sich die Ursachen dieser Probleme nicht erklären; denn sie wissen nichts von dem emotionalen Schmerz, unter dem das Baby bei der Geburt leiden kann. Im allgemeinen Bewusstsein ist noch nicht richtig verankert, dass nicht nur die Mutter durch eine Geburt traumatisiert werden kann, sondern auch und meist in größerem Maße das Baby!

Viele Eltern sind überrascht, wenn sie in der Baby Therapie erfahren, dass die zuvor genannten Probleme auf die traumatischen Erlebnisse ihres Kindes beispielsweise unter der Kaiserschnitt Geburt zurückzuführen sind. Es gibt seit einigen Jahren eine neue wissenschaftliche Disziplin, die pränatale und perinatale Psychologie. Sie ist eine noch sehr junge und überwiegend unbekannte Wissenschaft. Sie befasst sich mit dem vorgeburtlichen Leben und Erleben des Babys und sie hat im Laufe ihrer Forschungen erstaunliche Entdeckungen gemacht! Die Aufgaben der klassischen Psychologie sind bekannt, aber wer kennt sich schon mit dem „Seelenleben des ungeborenen Kindes“ aus?

Von Anfang an, also vom Moment der Zeugung an, sind Baby bewusste, interaktive und soziale menschliche Wesen. Sie können auf Signale aus ihrer Umgebung reagieren und durch überwältigenden Input in ihr System traumatisiert werden, Beispiel wenn die Schwangere sehr viel Stress während der Schwangerschaft hat.

Jetzt komme ich zum Hauptthema meines Artikels: Traumatisierung des Babys unter einer Kaiserschnitt Geburt. Dank der intensiven Forschung der Pränatalpsychologie sind sich die Fachleute auf diesem Gebiet einig, dass eine Kaiserschnitt Geburt grundsätzlich traumatisierend ist.

Nun kann uns ein Baby, das diese Erfahrung gemacht hat, nicht erzählen, was es empfunden hat als es aus der Gebärmutter „herausgeschnitten“ wurde. Schon das Wort Kaiserschnitt beinhaltet viel! Später aber gibt es Möglichkeiten heraus zu bekommen, wie es dem Baby ergangen ist.

Was sagt die Pränatalpsychologie über Kaiserschnitt Geburten?

Inzwischen gibt es eine beachtliche Zahl an Fachleuten, die eine traumatische Geburt therapieren können. (u.a. William Emerson, Rien Verdult, Karlton Therry, Matthew Appleton, Ray Castellino, Thomas Harms). Für viele Eltern sind zahlreiche Verhaltensweisen ihrer neugeborenen Babys völlig unverständlich, weil das Wissen über das Leben und Erleben im Mutterleib – und dazu gehört auch u.a. die Kaiserschnitt Geburt – nicht vorhanden ist.

Eine Schwangere, die zu mir in die Bindungsanalyse kam, berichtete, dass ihr 3-jähriger Sohn im Kindergarten plötzlich aufspringt und auf andere Kinder einboxt. Die Mutter erzählte mir, dass seine Geburt plötzlich gestockt hatte und die Hebamme mit dem bekannten Kristeller Griff auf den Bauch „einboxte“, um die Geburt wieder in Gang zu bringen. Welche Kindergärtnerin oder welcher Lehrer erkennt oder vermutet in dem Verhalten des Kindes eine sehr unangenehme pränatale Erfahrung? Es heißt dann ganz einfach, der Junge ist „verhaltensgestört“! Sehr oft agieren Kinder auch noch viel später traumatisierende Geburtserlebnisse aus und zu diesen traumatischen Erfahrungen gehört die Kaiserschnitt Geburt.

2018 wurden laut dem Statistischen Bundesamt deutschlandweit 220.343 Kaiserschnitte durchgeführt. Von 2007 bis 2017 hat sich die Anzahl der Kaiserschnitte um knapp 20 Prozent erhöht. 2024 hat der Anteil der Kaiserschnitte an den Klinik-Geburten einen Höchststand erreicht. 654.600 Frauen haben 2024 im Krankenhaus entbunden, 215.900 von ihnen per Kaiserschnitt. Jede dritte Geburt (33,0 %) in einem Krankenhaus erfolgte per Kaiserschnitt. Seit 1991 hat sich die Kaiserschnitt Rate mehr als verdoppelt! Und damit verdoppelt sich auch die Zahl der traumatisierenden Geburtserlebnisse!

Warum nimmt die Zahl der Kaiserschnitt Geburten zu?

Aus medizinischer Sicht ist nur ein Bruchteil der Kaiserschnittgeburten notwendig. Gründe finden sich zum Beispiel in einer besseren Planbarkeit oder in der Angst vor einer vaginalen Entbindung. Aufgrund der möglichen Terminierung sind auch manche Ärzte und Kliniken offener gegenüber einem Kaiserschnitt. Darüber hinaus ist man immer mehr bestrebt, die Komplikationsgefahr einer natürlichen Geburt zu vermindern. Sowohl die Eltern als auch die Krankenhäuser, die für Fehler bei einer Geburt haftbar gemacht werden können, sind an einer Risikominderung interessiert. Das alles ist verständlich. Nur für die Babys ist es das nicht!

Betrachten wir nun die  Kaiserschnitt Geburt aus der Perspektive des Babys.  Denk an den Beginn meines Artikels!

Was erlebt ein Baby während einer Kaiserschnitt Geburt?

Die Kaiserschnittentbindung dauert weniger als eine Minute, sie ist für das Baby zu schnell, zu brutal. Es erlebt einen kräftigen Druck und Zug beim Herausheben. Da das Baby glitschig ist, wird fester zugepackt. Es kommt zu Schreck- und Angstreaktionen, wodurch der Stresshormonpegel rasch ansteigt (besonders DHEA, Adrenalin und Kortikoide). Die Babys werden gehoben, gedreht, herausgezogen, abgesaugt, untersucht und im schlimmsten Fall auch sofort von der Mutter getrennt.

Forschungen haben ergeben, dass der Spiegel des Stresshormons Kortisol besser und schneller reguliert wird, wenn der frühe Kontakt zwischen Mutter und Kind bestehen bleibt. Unterbleibt das, bleibt das Kortisol für längere Zeit im Körper und das Neugeborene steht länger unter Stress.

Sind Körper und Geist gedämpft und vom Stress erschöpft, vermindert sich Quantität und Qualität der Bindungsfähigkeit. Babys, die den emotionalen Kontakt zur Mutter direkt nach der Geburt nicht erleben durften, lachen in ihrer ersten Lebenszeit viel weniger und weinen mehr.

Wir wissen, dass das Baby an der Auslösung der Geburt beteiligt ist, was durch eine in das Fruchtwasser abgesonderte Substanz geschieht, die signalisiert, dass seine Lungen reif sind. Dann schließen die durch Mutter und Kind während der Geburt ausgeschütteten Hormone die Reifung der Lungen ab. Das Baby weiß im Übrigen, wann es seinen Geburtsvorgang einleiten muss, es weiß, wie es durch den Geburtskanal gehen muss und es weiß, wie es mit seiner Mutter zusammenarbeiten muss. Diese Vorgehensweise fehlt bei einer Kaiserschnitt Geburt. Auch das kann traumatisierend sein.

Michel Odent, französischer Arzt und Geburtshelfer, nennt im Zusammenhang mit den Auswirkungen des Kaiserschnitts einen anderen Forschungsbereich, den bakteriologischen Ansatz. Die individuelle, physiologische Keimbesiedlung des gesunden Neugeborenen erfolgt idealerweise durch die Keime seiner Mutter, indem es bei der vaginalen Geburt mit allen relevanten Haut-, Schleimhaut- und Darmkeimen in Kontakt kommt. Geschieht das nicht, kann das Neugeborene mit Krankenhauskeimen besiedelt werden.

Ein weiteres Risiko der Kaiserschnittgeburt sieht Odent in dem Eingriff in das natürliche Oxytocin System. Oxytocin ist als Bindungshormon bekannt. Der Oxytocin Spiegel steigt bei Mutter und Kind im Verlauf der Schwangerschaft stetig an, erhöht sich jedoch massiv erst mit dem Beginn der Austreibungsphase. Kaiserschnitte werden in der Regel vor dem natürlichen Wehenbeginn durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt ist die Oxytocin Ausschüttung noch nicht hoch, was bedeutet, dass die natürliche Funktion dieses Hormons gestört wird und stattdessen Stresshormone ausgeschüttet werden können.

Welche Folgen kann ein Kaiserschnitt für das Baby haben?

Weiterhin haben umfangreiche klinische Forschungen über die unmittelbaren symptomatischen Auswirkungen des Kaiserschnitts Folgendes nachgewiesen:

1. Schreibaby:

Bei den sogenannten Schreibabys, so erklären Pränatalpsychologen, besteht ein direkter Zusammenhang zwischen einem Geburtstrauma und heftigen Schreiattacken in den ersten Lebensmonaten. Die Babys nutzen Schreien und Weinen, um den unter der Geburt erlebten Stress zu reduzieren oder einfach nur auszudrücken. Dieser Stress hat sich in Körper und Seele eingeprägt.

2. Ausdruck im Verhalten:

Alle Erfahrungen von Traumatisierungen, sei es in der Schwangerschaft, während oder in der ersten Zeit nach der Geburt, sind im Körper eines Babys gespeichert. Deshalb können nach dem Kaiserschnitt Störungen des Nachtschlafes, Nahrungs- und Verdauungsstörungen, Affektregulationsstörungen, vor allem aber auch Bindungsstörungen auftreten. Wenn das Baby z. B. während der Geburt Angst, Panik, Wut, Ohnmacht empfunden hat, können diese Gefühle später in bestimmten Situationen wieder auftauchen, die der ursprünglichen traumatischen Geburtssituation ähneln. Außerdem fehlt Kaiserschnittkindern die körperliche Erfahrung des Durchquerens des Geburtskanals, inklusive der Ausbildung einiger Reflexsysteme, sowie das Erfolgserlebnis, nach einer großen Anstrengung aus eigener Kraft ein Ziel zu erreichen.

Geburtstrauma nach Kaiserschnitt: Ein Fallbeispiel aus der Praxis

Ich möchte einen Fall schildern, der deutlich macht, wie Babys das Geburtsgeschehen erleben:

Ilka-Maria Thurmann, Dipl. Pädagogin und Heilpraktikerin mit Schwerpunkt Pränatalpsychologie, beschreibt in ihrem Buch „Kaiserschnitt heilsam verarbeiten“ die von ihr entwickelte „Prä- und perinatal basierte Spieltherapie“. Sehr eindrucksvoll schildert sie das Beispiel „eines Jungen, Tim, der kurz vor der Einschulung stand. Er wirkte völlig dezentriert und schien ohne inneren Ruhepunkt und vollkommen ohne Kontakt zu sich und anderen zu sein. Er raste wie von Sinnen durch den Raum, bekam aber dennoch alles mit. Nur Bücher konnten ihn, zumindest kurzfristig, beruhigen. Im Spiel inszenierte er den traumatischen Moment seiner Geburt völlig unbewusst. Er hatte Autos in einer Höhle, die nicht hinausfahren wollten, er gab mir eine kleine Katze, die, wie sich später herausstellte, ihn repräsentierte. Plötzlich aus dem Nichts holt er eine Schlange, die die Katze unvermittelt viele Male beißt. Dabei schreit er laut und immer wieder: „Du bist vergiftet, du bist tot, du bist vergiftet, du bist tot.“ Was die Mutter ihm nie erzählt hatte und was er nicht wissen konnte, war, dass es wegen einer akuten lebensbedrohlichen Schwangerschaftsvergiftung zum Not-Kaiserschnitt kam!

Warum die Geburt ein Leben lang prägen kann

William R. Emerson befasst sich seit mehr als 50 Jahren mit dem Vorgang der Geburt und seinen verschiedenen Auswirkungen auf die Säuglingszeit, Kindheit und das Erwachsenenalter. Seine Erfahrung zeigt auf, dass die meisten Geburten in den Industrieländern mit irgendeiner Art von Geburtstrauma unterschiedlichen Schweregrades einhergehen. Er sagt: „Die Geburt ist eine unserer prägendsten Lebenserfahrungen, die sich nachhaltig auf unsere körperliche und seelische Gesundheit auswirkt. Wir sollen diesen so wichtigen Lebensmoment für das Kind, aber auch für seine Mutter so sicher und zugleich so sanft wie möglich gestalten.“


 
 
 
 


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