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Spracherwerb: Sprachliche Entwicklung beim Kind

Die Fähigkeit zu sprechen und andere zu verstehen macht uns als Mensch einzigartig. Wie lernen Babys überhaupt unsere Sprache und wie können wir sie darin unterstützen?

In diesem Artikel:

Sprechen-lernen braucht manchmal Zeit

„Wie, dein Sohn spricht noch nicht? Also meine Tochter hat ihr erstes Wort bereits mit einem Jahr gesagt.“ Diese oder ähnliche Sätze habe ich oft von anderen Eltern zu hören bekommen, weil mein 18 Monate alter Sohn bis dahin noch kein einziges Wort von sich gegeben hatte.

Und auch wenn mir grundsätzlich bewusst war, dass beinahe jedes Kind – solange keine schwere Störung vorliegt – früher oder eben später sprechen lernt, haben mich solche Äußerungen sehr verunsichert. Erst die gelassene Einstellung meines Kinderarztes beruhigte mich: „Geben Sie Ihrem Sohn die Zeit, die er braucht. Kinder sind unterschiedlich.“ Und er sollte recht behalten: Keine vier Wochen später sprudelten die Wörter nur so aus meinem Sohn heraus.

Dass Sprechenlernen einem Wunder der Natur gleicht, das kapiert man erst, wenn man sich näher mit dem Spracherwerb befasst. Die Annahme, dass Neugeborene ohne sprachliche Vorkenntnisse auf die Welt kommen, ist inzwischen widerlegt. Vielmehr beginnt das Lernen bereits im Mutterleib. Babys Ohr und die entsprechenden Hirnregionen sind schon im fünften Schwangerschaftsmonat so weit entwickelt, dass Geräusche aus der seiner Umgebung wahrnimmt: Die Stimme seines Papas oder das Lachen und Toben der Geschwister. Zu viel Lärm mag es allerdings nicht. Die Laute aus der Umgebung klingen für dein Kleines in etwa so, als würde es unter Wasser jemandem zuhören, verschwommen und genuschelt.

Vor allen Dingen hört es die Geräusche, die dein Körper von sich gibt: also deinen regelmäßigen Pulsschlag, das Rauschen des Blutes oder das Grummeln in deinem Darm.

Spracherwerb: Los geht´s in Mamas Bauch

„Bereits im Mutterleib sind Babys sensibel für Sprachrhythmus und Sprachmelodie“, erklärt Prof. Dr. Bettina Braun. „Es sind die ersten sprachlichen Eigenschaften, anhand derer sie ihre Muttersprache erkennen und von anderen Sprachen unterscheiden können.“ Sie leitet das „Baby Speech Lab“ – kurz BSL – an der Universität in Konstanz, ein Baby-Sprachlabor. In diesen sogenannten „BabyLabs“ erforschen Mediziner, Sprachwissenschaftler und Psychologen gemeinsam den frühkindlichen Spracherwerb.

Heute gehen Sprachwissenschaft und Entwicklungspsychologie davon aus, dass Babys ihren eigenen Sprachklang ungefähr ab dem fünften Lebensmonat an den ihrer Umgebung anpassen. Eltern können jetzt immer häufiger erkennen, dass ihr Baby versucht sie nachzuahmen. Oftmals verwendet es denselben Sprechrhythmus und Tonfall wie sein Umfeld.

Eltern transportieren aber nicht einfach nur Wörter mit sachlich gefülltem Inhalt, sondern noch andere wichtige nonverbale Informationen, mit denen Kinder die Bedeutung der Worte erlernen: nämlich Emotionen. Deine Mimik wie beispielweise Lächeln, Stirnrunzeln oder Verärgert-Gucken und dein Tonfall spiegeln dein jeweiliges Gefühl, das mit der Aussage mitschwingt.

Anregungen

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Kinder brauchen Mimik und Gestik, um das Gesagte auch zu verstehen. Einzelne Worte sind also noch lange nicht das, was Sprache ausmacht. Das ist erst die Gabe, Wörter nach bestimmten Regeln zu kombinieren. „Um Sprechen zu lernen, brauchen Kinder jemanden, der mit ihnen spricht – je mehr, desto besser“, betont Bettina Braun. „Radio oder Fernsehen können diesen direkten sozialen Austausch dabei nicht ersetzen.“

Lesefreude wecken

Schon Babys lieben es, wenn sie auf dem Schoß mit Mama oder Papa ein Bilderbuch betrachten. Um die Begeisterung für das Medium Buch zu wecken, raten Experten lange vor dem ersten Geburtstag mit dem Betrachten und Lesen von altersgerechten Büchern zu beginnen. Fünf Tipps, um die Lesefreude zu wecken auf kidsgo.de/vorlesen

Interaktives Vorlesen fördert die sprachliche Entwicklung

Viele Eltern interessiert, wie sie die Sprachentwicklung ihrer Kleinsten fördern können. „Sprechen Sie viel mit ihrem Kind, gehen Sie auf es ein und machen Sie Sprache interessant. Schenken Sie ihm Aufmerksamkeit und Sprechanlässe, zum Beispiel durch offene Fragen,“ empfiehlt Sprachlabor-Leiterin Bettina Braun.

Ein weiterer Tipp der Psychologin ist das interaktive Vorlesen, soll heißen: Beim Vorlesen machen Mama oder Papa Bewegungen und Geräusche aus der Geschichte mit den Kindern gemeinsam nach. Bilderbuch anschauen Fingerspiele, Reime, Lieder ...  Babys lieben das, auch weil Mama oder Papa sich liebevoll zuwenden!

Unterschiede in der Sprachentwicklung: Plappermäulchen oder Late Talker?

In der Sprachentwicklung durchlaufen Kinder verschiedene Phasen. In den ersten drei Monaten kommuniziert ein Baby mit Mimik und Lauten. Es gurrt und gluckst und brabbelt in unterschiedlichen Tonlagen.

„Jawoistdenndiesüßemaus“

Egal, wo auf der Welt: So ziemlich alle Erwachsenen kommunizieren mit Säuglingen in der sogenannten Babysprache: In heller, lieblicher Tonlage reihen sie Wörter in einem Singsang aneinander. Sie tun es ganz automatisch, und ihre Kinder profitieren davon. Langsames Sprechen, Wiederholungen einzelner Wörter und eben die Betonung wie bei der Babysprache, vereinfachen das Lernen.

Mit ungefähr einem halben Jahr nimmt das Plappern stetig zu. Nun brabbelt es schon in Doppelsilben wie „Gaga“ oder „Dada“, zeigt auf Gegenstände und macht Gebärden. Vor allem Freude und Ärger kann es mit Gestik, Mimik und Lauten zum Ausdruck bringen. Ein wichtiger Meilenstein ist mit etwa einem Jahr erreicht: Um diesen Zeitpunkt herum sprechen Babys ihr erstes Wort, ein halbes Jahr später verfügen sie schon über einen Wortschatz von 50 Wörtern. Jungs sind erfahrungsgemäß etwas später dran.

Doch wenn ein Kind mit zwei Jahren, die 50-Wort-Grenze noch nicht erreicht hat, empfehlen Sprachheilpädagogen einen Besuch beim Kinderarzt. Der steht mit der U7 sowieso an, eine gute Gelegenheit also. Kinder, die bis zum Ende des zweiten Lebensjahres weniger als 50 Wörter sprechen oder keine Zweiwortkombinationen bilden können, gelten als sogenannte „Late Talker“. Dazu gehört etwa jedes fünfte Kind. In der Regel verlief ihre gesamte Entwicklung unauffällig. Das heißt: eine Hörstörung oder andere Beeinträchtigungen wurden medizinisch ausgeschlossen.

Etwa ein Drittel bis die Hälfte der Late Talker holt bis zum dritten Geburtstag auf. Ist das nicht der Fall, ist von einer Sprachentwicklungsstörung auszugehen. Damit den Kindern später keine Nachteile dadurch entstehen, benötigen sie Hilfe zum Beispiel vom Logopäden. Wer unsicher ist oder sich Sorgen macht, findet im Kinderarzt den ersten Ansprechpartner. Er gibt – so wie es bei mir der Fall war – eine erste Einschätzung ab und kann bei Bedarf helfen, den richtigen Experten für dein Kind zu finden.