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Stillen ist die beste Allergievorsorge

Kleinkinder in Industrieländern leiden zunehmend an Allergien. Eltern können frühzeitig gegensteuern – vor allem mit der richtigen Ernährung. Muttermilch ist dabei der beste Schutz. Doch irgendwann will Baby mehr. kidsgo erklärt, wie du richtig mit der Beikost beginnst, um deinem Kind Quaddel & Co. möglichst zu ersparen. Oberste Maxime: Beikost behutsam unter dem Schutz der Muttermilch einführen - und möglichst lange begleitend weiterstillen!

In diesem Artikel:

Stillen ist die beste Allergievorsorge

Clara liebt Erdbeeren. Als Stickerei auf ihrem Nachthemd, im Kaufmannsladen. Nur nicht in ihrem Mund: Die Dreijährige reagiert allergisch. Mit elf Monaten hatte sie zum ersten Mal von den Beeren genascht; roter Hautausschlag und Bauchweh waren die Folge. „Zuerst habe ich dabei gar nicht an Erdbeeren als Auslöser gedacht“, erinnert sich Claras Mutter. „Aber zwei Wochen später passierte dasselbe, also sind wir zum Kinderarzt gegangen.“ Seitdem sind die Früchte für Clara passé.

Rund ums Beikost einführen

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Immer mehr Allergiker

„In Deutschland leiden rund 20 Prozent der Bevölkerung an einer allergischen Erkrankung“, weiß Dr. Heike Behrbohm von der Deutschen Haut- und Allergiehilfe (DHA) in Bonn – Tendenz steigend. Vier Prozent der Kleinkinder in Europa haben eine Nahrungsmittelallergie. Bei Risikogruppen, wie etwa bei Kleinkindern mit Neurodermitis, sind Nahrungsmittelallergien mit etwa 30 Prozent noch weit häufiger.

Kein unausweichlicher Schicksalsschlag: Eltern können frühzeitig gegensteuern. „Oberstes Ziel, um einer Sensibilisierung vorzubeugen, ist in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen“, erklärt die Hamburger Ärztin und Stillberaterin Gudrun von der Ohe. Darin weiß sie sich mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einig. Zum Beikost-Beginn rät sie frühestens ab dem fünften und spätestens ab dem siebten Lebensmonat. „Beikost noch vor dem fünften Lebensmonat birgt ein großes Risiko hinsichtlich Allergien, Übergewicht und anderer Erkrankungen.“

Stillen – aber sicher

Ist sechs Monate Stillen pur nicht möglich, „sollten allergiegefährdete Kinder hypoallergene Babynahrung erhalten, die ihre vorbeugende Wirkung in seriösen Studien bewiesen hat“, ergänzt Dr. Heike Behrbohm. Neue Forschungen zeigen, dass das Hinauszögern des Beikost-Beginns zum vermeintlichen Schutz des Babys vor Allergenen in der Nahrung keinen präventiven Effekt hat. Im Gegenteil: „Sogar für hochallergene Lebensmittel gilt, dass eine frühe Gabe unter Muttermilch-Ernährung nach Studienlage seltener eine Allergie auslöst als späteres Einführen“, weiß Dr. Lothar Maurer vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. So kann Baby leichter Toleranzen gegen Allergene in der Nahrung entwickeln und bleibt gesund.

Oberstes Gebot ist der Schutz des Stillens bei der Beikost-Einführung – da sind sich alle Experten einig. „Das ist wichtiger als der absolute Zeitpunkt des Beikost-Beginns“, weiß Regine Gresens, Beauftragte für Stillen und Ernährung im Deutschen Hebammen-Verband. Im Klartext: Mütter sollten beim Beikost-Start nicht auf den Kalender starren. Hauptsache, anfangs kleine Mengen und Mama stillt begleitend weiter – bis zu zwei Jahre, wenn Mutter und Kind können und wollen. Gudrun von der Ohe: „Beikost-Einführung bedeutet nicht Abstillen, sondern eine langsame Verminderung der Muttermilch-Mengen und Still-Mahlzeiten. Wann abgestillt wird, bestimmen Mutter und Kind gemeinsam.“

Reif für Beikost? Dein Baby gibt das Zeichen

Neugierig verfolgen Julians große Kulleraugen Mamas Kartoffel, die langsam in ihrem Mund verschwindet. Schaut auch dein Baby interessiert bei Tisch zu, ahmt Kaubewegungen nach und greift nach dem Essen? All dies können die ersten Signale sein, dass es für seine erste Beikost bereit ist. Aber auch bestimmte körperliche Voraussetzungen sollten gegeben sein, erklärt Ayled von Gartzen, Beauftragte für Stillen und Ernährung beim Deutschen Hebammenverband: „Wichtig ist, dass das Baby einigermaßen gut sitzen kann und die Koordination von Augen, Mund und Hand gut entwickelt ist. Wenn es dann am Familientisch aktiv wird, nach Essen greift und sich in den Mund steckt, steht der ersten gemeinsamen Mahlzeit nichts mehr im Wege."

In der ersten Zeit bekommt dein Baby mit den Stillmahlzeiten alles, was sein kleiner Körper an Nährstoffen und Vitaminen benötigt. Zwischen dem 5. und 7. Lebensmonat steigt dann der Nährstoffbedarf – ein guter Zeitpunkt, die erste Beikost einzuführen. Das bedeutet jedoch nicht, dein Baby abzustillen. Wie das Wort „Bei-kost“ sagt, bekommt dein Baby Muttermilch und Brei. Auch wenn deine Milchvorräte abnehmen, ist es gut, dein Baby so lange zu stillen, wie es möchte. Idealerweise mindestens ein Jahr oder eben länger.

Schritt für Schritt

Die meisten nahrungsbedingten Allergien bei Säuglingen werden durch Kuhmilch-Eiweiß und Hühnerei ausgelöst“, weiß Heike Behrbohm. „Seltener sind Erdnuss, Weizen und Soja als Verursacher.“ Wenn Allergiegefährdung durch erbliche Vorbelastung besteht, sollte man Kuhmilch als Getränk erst nach dem ersten Lebensjahr anbieten. Trotzdem sind Lebensmittel mit allergenem Potenzial auch für allergiegefährdete Kinder nicht tabu. Im Gegenteil: „Mit Einführung der Beikost unter dem Schutz des Stillens sollen Kinder langsam auch an diese Lebensmittel gewöhnt werden, denn sie sind wichtiger Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung.“

Am besten beginnen Eltern mit einem unbedenklichen Gemüse wie Möhren oder Pastinaken. Dann führt man einmal pro Woche ein neues Lebensmittel ein. „Sollte es zu Unverträglichkeiten oder einer allergischen Reaktion kommen, kann der Auslöser leicht ausgemacht werden.“ Doch wie merkt man, falls etwas nicht stimmt? Die ersten Anzeichen sind Erbrechen oder Bauchkrämpfe. Sie können sofort auftreten, verzögern sich manchmal aber auch um bis zu sechs Stunden. Auch Ausschlag oder Schwellungen sind möglich. Glücklicherweise treten sehr schlimme Symptome wie Luftnot oder Bewusstlosigkeit, bei denen der Notarzt alarmiert werden muss, nur selten auf - etwa als Reaktion auf Erdnüsse. Und die haben wegen Erstickungsgefahr ohnehin im Kleinkindmund nichts zu suchen.

Allergiebedingte Magen-Darm-Beschwerden sind ein Fall für den Kinderarzt, denn Durchfall kann unbehandelt zu Dehydrierung und Entwicklungs-Störungen führen. Wichtige Lebensmittel sind dennoch nicht in Eigenregie langfristig ohne ärztliche Diagnose vom Speiseplan zu streichen – sonst drohen Mangelerscheinungen. Heike Behrbohm: „Darf das Kind ein ernährungsphysiologisch wichtiges Lebensmittel nicht mehr essen, ist eine fachliche Ernährungsberatung unumgänglich!“

Expertin


Regine Gresens ist Beauftragte für Stillen und Ernährung im Deutschen Hebammen-Verband. Sie erklärt, worauf Eltern beim Beikost-Start achten sollten, um Nahrungsmittel-Allergien vorzubeugen.

Experten-Interview zum Beikost-Start

kidsgo: Früher wurde Beikost erst ab dem 7. Monat eingeführt. Wohin tendieren Sie in Hinblick auf die Allergie-Vorsorge?

Regine Gresens: Es wurde beobachtet, dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, seltener an Allergien leiden als Stadtkinder. Ihr Immunsystem wird durch den häufigen Kontakt mit Bakterien besser trainiert. Ich kann mich der „Bauernhof-These“ durchaus anschließen und denke auch, dass ein früher Kontakt mit potenziellen Allergenen eher zur Entwicklung einer Toleranz führt. Dennoch ändert sich dadurch nichts daran, dass eine lange Stillzeit wesentlich zur Reduktion von Allergien beiträgt, aber darüber hinaus auch Schutz vor Magen-Darm-Infekten, Atemwegserkrankungen, Mittelohrentzündungen, Diabetes Typ 1, Übergewicht und vielem mehr bietet.

kidsgo: Kann ein früher Beikost-Start tatsächlich präventiv wirken?

Regine Gresens: Der absolute Zeitpunkt des Beikost-Starts spielt keine Rolle. Entscheidend ist, dass die Beikost unter dem Schutz des Stillens eingeführt wird, weil Muttermilch das darmassoziierte Immunsystem dabei unterstützt, Toleranz gegenüber Nahrungsallergenen zu entwickeln.

kidsgo: Wie hält man das Risiko einer Sensibilisierung am geringsten?

Regine Gresens: Sechs Monate ausschließlich stillen und dies vor allem auch während der Beikosteinführung weiter zu tun, bietet den besten Schutz vor einer Sensibilisierung. Wenn ausschließliches Stillen nicht möglich ist, sollte solange wie möglich wenigstens teilweise gestillt werden. Denn jeder Tropfen Muttermilch ist wertvoll für das Baby - nicht nur in Hinblick auf die Allergieprävention.

kidsgo: Mit welchen Lebensmitteln sollte man anfangen?

Regine Gresens: Für die Toleranzentwicklung ist es wichtig, dass dem Baby noch während der Stillzeit immer wieder kleinste Mengen verschiedenster Nahrung angeboten werden und sein Immunsystem sich an die unterschiedlichen Nahrungsmittel gewöhnen kann. Dabei ist Abwechslung sehr erwünscht. Zur Allergieprävention ist es jedoch nicht erforderlich, dass im ersten Halbjahr bereits komplette Mahlzeiten durch Beikost erfolgen oder Stillmahlzeiten ersetzt werden. Muttermilch bleibt auch bei einer früheren Einführung von kleinen Beikostmengen das wichtigste Nahrungsmittel im ganzen ersten Lebensjahr.

kidsgo: Frau Gresens, vielen Dank für dieses Gespräch.