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Geburt: So bringst du dein Kind selbstbestimmt zur Welt

Die Geburt eines Kindes ist ein magischer Moment. Damit sie selbstbestimmt und natürlich verläuft, braucht die werdende Mutter Zeit, Ruhe und die Fürsorge einer Hebamme. Manchmal bleibt so den Gebärenden ein Kaiserschnitt erspart.

In diesem Artikel:

Bundesweite Erzählcafé-Aktion „Der Start ins Leben"

„Mama, wo kommen eigentlich die Babys her?“ – eine Frage, die irgendwann jedes Kind seiner Mutter stellt. Wie kommen die Babys in den Bauch? Und wie kommen sie da wieder raus? Unsere Kinder klären wir dann – je nach Alter – mit mehr oder weniger einfachen Worten auf. Jahre später möchte Tochter oder Sohn vielleicht wissen, wo und wie sie oder er zur Welt gekommen ist. Dann erzählen wir unseren Kindern ihre ganz persönliche Geburtsgeschichte – und prägen damit vielleicht den Weg ins Leben der nachfolgenden Generation.

Mach mit!

Du willst dich für eine selbstbestimmte Geburt starkmachen? Auf kidsgo.de/elternprotest findest du Vereine und Initiativen, die dein Engagement brauchen

Wie Kinder das Licht der Welt erblicken, hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert. Um darauf aufmerksam zu machen, hat der Verein Hebammen für Deutschland gemeinsam mit der Ärztin Dr. Stefanie Schmid-Altringer die bundesweite Erzählcafé-Aktion „Der Start ins Leben“ initiiert. „Mit unserer Aktion bringen wir die Menschen dazu, über ihre eigenen Erfahrungen zum Thema Geburt nachzudenken, sich darüber auszutauschen und ihr Wissen darüber abzugleichen“, erläutert Stefanie Schmid-Altringer die Idee. „Geburt lernen wir nur durch Erfahren. Damit das erworbene Wissen aber nicht verloren geht, müssen wir es nutzen und weitergeben. Das Erzählcafé eignet sich hierfür sehr gut und ist gleichzeitig Ort der Vernetzung.“

Es geht aber auch darum, auf die problematische Situation in der Geburtshilfe hinzuweisen: Immer weniger Hebammen stehen für die Betreuung vor, während und nach einer Geburt zur Verfügung – und das bei den doch niedrigen Geburtszahlen in Deutschland.

Erzählcafé

Die Erzählcafé-Reihe „Der Start ins Leben“ ist eine gemeinsame Aktion vom Verein Hebammen für Deutschland und der Ärztin und Wissenschaftsjournalistin Dr. Stefanie Schmidt-Altringer. Ihr wollt selbst ein Café veranstalten?

Auf www.erzaehlcafe.netfindet ihr mehr zu Organisation und Ansprechpartnerinnen.

Im Januar 2016 fand die erste Veranstaltung speziell für Schülerinnen und Schüler statt. Diese Reihe für Jugendliche wird 2017 fortgesetzt.

Mit einer Hebamme an deiner Seite

Mit dem Erzählcafé im Göttinger kidsgo Verlag fand diese Aktion am 16. April zum 51. Mal statt, weitere Erzählcafé-Veranstaltungen sind deutschlandweit in Planung.

Unser Resultat: 57 einmalige Geburten – 57 einzigartige Geschichten. Initiatorin und kidsgo-Herausgeberin Barbara Hirt begrüßte 30 Frauen zu der zweistündigen Veranstaltung. Sechs geladene Zeitzeuginnen eröffneten mit Schilderungen über die Geburtshilfe in ihrer Generation oder über ihre Erfahrungen mit einer Frühgeburt, einer Geburt im Geburtshaus oder Zuhause das jeweilige Tischgespräch. Die Moderation übernahmen Hebammen, Geburtsvorbereiterinnen und Ärztinnen. 


Mit ihren 87 Jahren war Helga Braun die älteste Teilnehmerin und Zeitzeugin des Erzählcafés. Aufgrund ihrer damaligen Wohnsituation blieb der Religionswissenschaftlerin nichts anderes übrig, als zum Gebären in die Klinik zu gehen. Anfang der 1950er sei das noch die Ausnahme gewesen, erzählt sie. Inzwischen ist es die Regel. „Heute gelten Hausgeburten als exotisch und gefährlich“, stellt Hebamme Susanne Haller fest.


In den Gesprächen zeigt sich schnell: Frauen, die an unterschiedlichen Orten ihr Kind zur Welt gebracht haben, schätzen bei einer außerklinischen Geburt vor allem die Eins-zu-Eins-Betreuung, die Ruhe und das Gefühl, sicher und geborgen zu sein.

Unabhängig vom Geburtsort sei das Wichtigste, so die dreifache Mutter Sonja, sich rechtzeitig eine Hebamme zu suchen, die einen in der Schwangerschaft und bei der Geburt begleitet. Gerade wenn man noch unerfahren ist, helfe es sehr eine Hebamme an seiner Seite zu haben, „die sich für deine Belange einsetzt.“

Was brauche ich für eine selbstbestimmte Geburt

Doch was sind eigentlich die eigenen Belange? Wie werden wir uns bewusst, was wir vor und vor allem während der Geburt brauchen? Bei dieser Frage wird mir als Autorin klar, wie uninformiert ich selbst vor meiner ersten Schwangerschaft war. Gedanken, wo und wie ich mal meine Kinder zur Welt bringen würde, hatte ich mir bis dato nicht gemacht. Und kommen nicht sowieso alle Kinder im Krankenhaus zu Welt? Erst eine Freundin, die mir von der Geburt ihres ersten Sohnes zu Hause bei Kerzenschein und in vertrauter Umgebung mit einer ihr Sicherheit gebenden Hebamme berichtete, brachte mich auf neue Gedanken.

Was macht eine ... Hebamme

Seit Jahrhunderten stehen Hebammen mit ihrem medizinischen Fachwissen und ihren Erfahrungen Schwangeren und jungen Müttern zur Seite. Sie sind die erste Ansprechpartnerin in Sachen Geburt.

Mehr auf kidsgo.de/info-hebamme

Die Schilderungen der Erzählcafé-Teilnehmerinnen machen deutlich, dass viele Mütter sich beim ersten Mal genauso wenig im Klaren darüber waren, wen oder was sie benötigen, um ihr Kind natürlich und selbstbestimmt auf die Welt zu bringen.

Geburtsvorbereiterin und Ehrenvorsitzende der Gesellschaft für Geburtsvorbereitung (GfG) Elisabeth Geisel moderierte das Gespräch an einem der Erzählcafé-Tische. Sie ist selbst Mutter und Großmutter und beschäftigt sich schon lange mit der Frage, wie Frauen lernen können, wieder mehr auf ihren Körper, auf ihren Bauch zu hören, um dann selbst wichtige Entscheidungen vor und unter der Geburt treffen zu können. „Hier sollten Gespräche mit der Hebamme auf keinen Fall fehlen“, sagt Elisabeth Geisel, „denn da können Frauen ihre Ängste ansprechen.“

Was macht eine ... Doula

Eine Doula ist eine Frau, die selbst Kinder geboren hat und die werdende Mutter bei der Geburt begleitet und emotional unterstützt. Das Wort "Doula" leitet sich aus dem griechischen "doleia" ab und bedeutet "dienen" oder "betreuen".

Mehr dazu auf kidsgo.de/doula

Austausch mit Müttern beeinflusst die Wahl des Geburtsortes

Aber auch unabhängige Geburtsvorbereiterinnen und Doulas seien für Schwangere wertvolle Ratgeberinnen und Stützen. Seit 35 Jahren setzt sie sich bei der GfG in Deutschland, und darüber hinaus europaweit beim Netzwerk ENCA  (European Network of Childbirth Associations), für bessere Geburtsbedingungen für Mutter und Kind ein.

Als weiteren wichtigen Denkanstoß für junge Frauen wertet sie Gespräche mit Müttern, die ihr Kind spontan geboren haben. „Insofern ist das Erzählcafé eine wunderbare Möglichkeit sich mit Alternativen vertraut zu machen und sich vorzubereiten.“ Doch nicht nur die weitergereichten Erfahrungen, auch der Wohnort spiele eine Rolle bei der Wahl des Geburtsorts und damit für den Geburtsverlauf: „In Berlin bekommen immerhin 4 % der Mütter ihr Kind im Geburtshaus oder Zuhause.“ Zum Vergleich: Bundesweit liegt die außerklinische Geburtsrate bei knapp 2 %.

Warum wir magische Geburtsmomente brauchen

Geburten verlaufen dann natürlich und aktiv, „wenn man den Frauen und Babys die Ruhe und Zeit gibt, die sie brauchen“, weiß Beleg- und Hausgeburtshebamme Rahel Thiel aus Erfahrung. Vor einigen Monaten hat sie selbst ihr drittes Kind zu Hause zur Welt gebracht. Sie nimmt sowohl als dreifache Mutter wie auch als Expertin am Erzählcafé teil. Was sie an ihrer Arbeit liebt? „Den magischen Moment, wenn eine Frau zur Mutter wird. Dann bleibt für kurze Zeit die Welt stehen.“

„Wenn der normale Geburtsweg der Kaiserschnitt wäre, hätten wir einen Reißverschluss im Bauch“, so Rahel Thiel weiter. Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen medizinische Eingriffe wie beispielsweise der Kaiserschnitt unumgänglich oder gar lebensrettend sind, zum Beispiel wenn die Plazenta den Muttermund versperrt. Doch wieso hat sich die Kaiserschnittrate in den beiden letzten Jahrzehnten auf durchschnittlich 31,9 % verdoppelt? Die sehr unterschiedlichen Kaiserschnittraten innerhalb Deutschlands zeigen, dass es auch am Ermessen des Arztes liegt, wie ein Kind zur Welt kommt. Das wiederum wirkt sich entscheidend auf die Gesundheit von Mutter und Kind, aber auch auf deren Bindung aus:

  • Die Reise durch den Geburtskanal regt das Immunsystem des Kindes an.
  • Mit dem Weg durch den Geburtskanal und dem damit langsamen Übergang vom Bauchinnern in die Welt passen sich die Neugeborenen an das Leben „draußen“ besser an. Kaiserschnitt-Kinder sind oft schreckhaft und irritiert.
  • Spontan geborene Babys leiden weniger unter Lungen- und Atemschwierigkeiten, da bei der Geburt das Fruchtwasser rausgepresst wurde. Kaiserschnitt-Kinder hingegen müssen öfter erst einmal auf der Neugeborenen Station versorgt werden, der erste Kontakt von Mutter und Kind verzögert sich.
  • Das Liebeshormon Oxytocin, das während der natürlichen Geburt ausgeschüttet wird, fördert von Beginn an eine enge Bindung zwischen Mutter und Kind.
  • Das Risiko der Mutter zu sterben erhöht sich beim Kaiserschnitt um das Dreifache. Die Müttersterblichkeit bei Kaiserschnitt liegt in Deutschland bei 0,04 Promille (eine von 25.000 Frauen).

Die Gespräche zeigen, dass nicht wenige Mütter im Nachhinein mit ihren Geburtsgeschichten hadern. „Such dir jemanden, der dich betreut. Für den Moment, wo du nichts mehr überblickst, wenn du nicht mehr klar denken kannst“, ist Sonjas Fazit aus ihren drei Geburtserfahrungen. Sie ist immer wieder erstaunt, wie die Art und Weise der Geburt jeweils auch die Beziehung zu ihrem Kind mitprägt.

Autorin

Selbstbestimmte GeburtChristina Mundlos (34) ist Soziologin und Autorin von Sachbüchern zu Mütterthemen. Sie hat zwei Kinder, die 5 und 9 Jahre alt sind, und lebt in Hannover.

Sind Mutter und Kind wirklich wohlauf? Tipps für eine selbstbestimmte Geburt

Warum sie bei der Geburt ihres Kindes eigentlich die ganze Zeit auf dem Rücken habe liegen müssen, fragt sich eine dreifache Mutter bei einem der Tischgespräche des Erzählcafés. Gehören erzwungene Gebärpositionen nicht in die Kreißsäle der 1960er Jahre? „Das ist leider nicht der Fall, obwohl man weiß, dass die Rückenlage kontraproduktiv ist. Das Kind muss dann entgegen der Schwerkraft geboren werden“, so Soziologin Christina Mundlos.

In ihrem Buch „Gewalt unter der Geburt – Der alltägliche Skandal“ bricht sie mit einem Tabu: Sie lässt Mütter zu Wort kommen, die sich unter der Geburt ausgeliefert fühlten, den Anweisungen der Ärzte hilflos gegenüber standen, unter der Geburt respektlos behandelt wurden oder sogar Gewalt erlebten.

Wie kann es dazu kommen? „Das hat mehrere Gründe“, sagt Christina Mundlos, die selbst Mutter von zwei Kindern ist. „Schon in der Schwangerschaft verlernen die Frauen, ihrem Körper zu vertrauen. Nehmen wir die Vorsorgeuntersuchung als Beispiel: Kommt eine Frau mit Wehen und das CTG zeigt diese nicht an, wird die Schwangere damit nicht ernstgenommen. Genau solche Erfahrungen führen zu Verunsicherung.“ Als weiteren Grund nennt die Soziologin die generelle Expertenhörigkeit, viele Frauen nehmen Hinweise unkritisch hin. Und drittens, so Christina Mundlos, liege es auch am Gesundheitssystem: „Inzwischen betreut eine Hebamme drei bis fünf Geburten. Das Erste, was hinten runter fällt, sind Gespräche und Aufklärung.“

BUCHTIPP

kidsgo Buchtipp - Gewalt unter der GeburtChristina Mundlos: Gewalt unter der Geburt. Der alltägliche Skandal

Aufwühlende Erfahrungsberichte von Müttern und Hebammen führen uns vor Augen, wie sehr die Geburtshilfe krankt. Die Autorin beschreibt nicht nur, welche Folgen das für Mutter, Vater und Kind und auch für unsere Gesellschaft hat, sondern leitet auch daraus Forderungen an die Verantwortlichen ab.

Tectum Verlag, 2015, 16,95 Euro, ISBN 978-3-8288-3575-7

Ein Geburtsplan hält die Wünsche der Eltern fest

Umso wichtiger scheint es, dass sich Schwangere mit ihrem Partner mit ihren Vorstellungen über die Geburt auseinandersetzen. „Werdende Eltern sollten über die Geburtsabläufe und die konkreten Vorgänge in Geburtshäusern und Kliniken so genau wie möglich informiert sein“, schreibt die Autorin. Neben einem Klinik-Fragekatalog empfiehlt sie allen Schwangeren gemeinsam mit Hebamme und Partner in einem Geburtsplan ihre Wünsche für die Geburt festzuhalten.

„Natürlich sind diese sehr individuell“, sagt Christina Mundlos. „Wesentlich Punkte sind aber, dass eine Doula das Paar bei der Geburt begleiten darf und dass die Frau in aufrechter Position ihr Kind gebären möchte. Andere Wünsche sind oft: kein Dauer-CTG, das die Bewegung der Gebärenden einschränkt oder auch der Verzicht auf einen Dammschnitt.“ Der Geburtsplan und ein darauf basierendes Gespräch mit dem Krankenhauspersonal sind also eine Möglichkeit, Vorsorge für die eigenen Belange und Bedürfnisse zu treffen. Christina Mundlos appelliert an die werdenden Eltern aber auch, sich vorab über ihre Rechte zu informieren: „Viele wissen nicht, dass weder Dammschnitt noch CTG oder Wehentropf ohne vorherige Aufklärung und Einwilligung gemacht werden dürfen.“

Damit die Wünsche der Gebärenden dann auch wirklich berücksichtigt werden, sei es sehr hilfreich, eine Doula oder eine befreundete Mutter mitzunehmen, „denn die werdende Mutter und auch der Vater sind in dieser Ausnahmesituation zu aufgewühlt“.