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Stillen unterwegs: 10 Tipps, um diskret zu stillen

Je mehr Mütter selbstbewusst im Park, im Café oder in der Bahn ihr Baby stillen, desto mehr wird die Akzeptanz in der Gesellschaft wachsen. Sie muss erkennen, wie wichtig und gesund Stillen ist und dass Babys Bedürfnis nach Muttermilch eben nicht warten kann.

In diesem Artikel:

Stillen unterwegs: Nur keine falsche Scheu

Ihren vier Monate alten Sohn Lio auf der Toilette stillen, damit es niemand sieht? Das kommt für Jasmina auf keinen Fall infrage. „Wenn mein Kind Hunger hat, hat es Hunger, und dann ist es mir egal, wo ich gerade bin.” Die 27-Jährige setzt damit ein wichtiges Zeichen, das auch anderen Müttern Mut machen soll. Stillen in der Öffentlichkeit ist nämlich nicht für alle Frauen eine Selbstverständlichkeit.

Unsere Expertin

Aleyd von GartzenAleyd von Gartzen ist Stillbeauftragte des Deutschen Hebammenverbandes und Mitglied der Nationalen Stillkommission.

Die traurige Wahrheit: Rund zwei Drittel der Mütter geben an, dass sie nur gelegentlich in der Öffentlichkeit stillen und sechs Prozent berichteten dabei von negativen Erfahrungen. Das ergab eine vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beauftragte Studie aus 2017.

Stillen kann NICHT warten!

Dabei geht es um ein Grundbedürfnis, das nicht warten kann. Und mit einigen kleinen Hilfsmitteln kann das Stillen auch an öffentlichen Plätzen ganz diskret sein. So hat Jasmina zum Beispiel immer ihren Stillschal dabei: „Damit kann ich mich und mein Baby beim Stillen etwas abdecken und schon ist´s gut“. Hört sich doch eigentlich ganz einfach an. Und ist extrem praktisch: Schließlich ist Stillen die gesündeste Art das Baby zu ernähren – die Nahrung ist immer keimfrei und wohltemperiert – und bringt der Mutter unendlich viel Flexibilität – gerade unterwegs.

Woher kommt also dieses Unbehagen beim Stillen an öffentlichen Orten, das laut der oben genannten Studie des BfR jede zehnte befragte Mutter sogar zum Abstillen bewegt? „In dem Moment, in dem die Frau das Baby stillt und sich ein Stück weit entblößt, fühlt sie sich verletzlicher. Blicke, die gar nichts bedeuten müssen, werden als unangenehm empfunden“, erklärt Aleyd von Gartzen, Stillbeauftragte des Deutschen Hebammenverbandes und Mitglied der Nationalen Stillkommission. Eine mögliche Folge: Die Mütter schränken sich mehr ein und gehen seltener raus. Manche entscheiden sich sogar für ein früheres Abstillen, weil sie glauben, auf diese Weise ein Stück Freiheit zurückzugewinnen. Die Freiheit, die sie mit dem Stillen nach Bedarf immer und überall eigentlich längst haben könnten.

Nachricht an alle!

  1. Stillen ist gesund.
  2. Stillen wird überall akzeptiert.
  3. Stillen kann nicht warten.

Diese drei Kernbotschaften hat die Nationale Stillkommission herausgearbeitet. Sie richten sich ebenso an die „Allgemeinbevölkerung“ wie auch an die „stillenden Mütter“.

Stillen: ein ganz natürlicher Vorgang mit Tradition

Ein weiteres Ergebnis der BfR-Umfrage: Jeder vierte Befragte steht dem Stillen in der Öffentlichkeit zwiespältig oder gar ablehnend gegenüber. Diese negative Haltung bekommen stillende Mütter hin und wieder auch zu spüren und kann sie entmutigen. Auch Aleyd von Gartzen sieht den Ursprung des Problems in unserer Gesellschaft und unserem Schamgefühl, das sich daraus ergibt: „Kaum jemand stört sich über nackte Brüste auf einem Zeitschriften-Cover, aber eine stillende Frau am Nachbartisch im Café überschreitet eine gewisse Distanz, die sich viele – vor allem in der Öffentlichkeit – bewahren wollen. Der Akt des Stillens kann dann sogar als anstößig oder gar ekelhaft empfunden werden.“ Das zeigt, wie sehr wir Menschen uns von der Tradition und dem natürlichen Verhalten – eine Mutter ernährt ihr Kind – entfernt haben.
Noch schwieriger ist die Situation für Mütter, die ein etwas älteres Kind stillen. Ihnen wird häufig sogar ein sexuelles Vergnügen nachgesagt. Kein Wunder also, dass sich diese Frauen kaum trauen, ihrem Kind an einem öffentlichen Ort die Brust zu geben.

Stillen hält Mama und Baby gesund

Es gibt also noch viel zu tun, um Vorurteile und Vorbehalte in unserer Gesellschaft abzubauen. Und das obwohl die Weltgesundheitsorganisation WHO – und auch andere Institutionen – das Stillen schon lange propagieren.

Stillen unterwegs: 10 Tipps

  1. Überlege im Vorhinein, ob und wo es auf deinem Weg einen ruhigen, stillfreundlichen Ort zum Stillen gibt. Oft bieten auch Babyfreundliche Apotheken oder Drogeriemärkte einen Platz zum Stillen an, Hebammenpraxen und Stillcafés sowieso.
  2. Damit es schnell und unkompliziert geht, wähle praktische Kleidungsstücke. Mittlerweile gibt es praktische und pfiffige Stillmode.
  3. Überlege auch, welche Art von Stilltyp du bist: Wie „offenherzig“ bzw. diskret soll´s sein, damit du dich wohlfühlt?
  4. Mach´s dir bequem! Eine zusammengeknüllte Jacke, das Windelpaket oder deine Tasche können wunderbar als Stütze für deinen Arm und deine Schulter dienen.
  5. Mit einem Still-BH kannst du dein Baby schnell, praktisch und diskret anlegen.
  6. Ein Stillschal oder ein Stilltuch schützt vor neugierigen Blicken.
  7. Denk zuallererst an die Bedürfnisse deines Babys. Sie sind wichtiger als intolerante Reaktionen deiner Mitmenschen.
  8. Du kannst auch in der Trage oder im Tragetuch dein Kind anlegen. Am besten übst du es vorher ein paar Mal.
  9. Manchen Müttern hilft es, wenn sie anfangs Unterstützung haben, vom Partner, einer Freundin, ihrer Mutter ...
  10. Frag deine Hebamme oder Stillberaterin: Sie hat bestimmt noch weitere gute Tipps fürs Stillen in der Öffentlichkeit.

Und hier auch als PDF zum kostenlosen Download:

10_Tipps_Stillen_unterwegs_PDF

Die WHO empfiehlt ausschließliches Stillen im ersten halben Lebensjahr und zusammen mit Bei- und Familienkost bis zum Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus. Denn das ist die optimale Ernährung und bietet den besten gesundheitlichen Schutz für das Kind.

Der Immunschutz, der durch das Stillen entsteht, steigt nach dem sechsten Monat sogar noch einmal an. Zudem profitiert auch die Mutter stark von den positiven Effekten des Stillens: Stillen beschleunigt die Rückbildung nach der Geburt, und auch das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs sinkt durch langes Stillen enorm. Bedeutende Informationen, die leider zu wenigen Menschen bekannt sind.

Social media hilft: Brelfies steigern die Akzeptanz

Unterstützung gibt es bereits in den Sozialen Medien. Seit einiger Zeit machen auf Instagram & Co. sogenannte „Brelfies“ – eine Wortkombination aus Breastfeeding und Selfie – die Runde. Sie zeigen Mütter mit ihrem Baby in Stillposition. Auch viele prominente Mütter folgen diesem Trend, wodurch eine noch größere Aufmerksamkeit erreicht wird. Die Botschaft ist klar: Stillen ist zwar ein schöner, intimer Moment zwischen Mutter und Kind, dennoch darf es kein Tabu-Thema sein. Im Gegenteil: Es gehört zum öffentlichen Leben dazu. Auch Aleyd von Gartzen begrüßt diese Offenheit in den Sozialen Medien: „Das A und O ist doch, dass in unserer Gesellschaft das Stillen von klein auf als völlig normal angesehen wird. Und je mehr Frauen dies in der Öffentlichkeit tun oder sich auf Bildern stillend zeigen, umso mehr wird es Teil unseres Alltags.“

Natürlich bleibt es jeder Mutter selbst überlassen, ob und wie sie ihr Baby in der Öffentlichkeit stillen möchte. Wer sich generell lieber beim Stillen zurückzieht, wird sich in einer Ecke im Café wohler fühlen als mitten im Kaufhausgewühl. Auch Umkleidekabinen bieten kurzfristig einen Rückzugsort zum Stillen, wenn das Baby während der Shoppingtour Hunger bekommt. Größere Einkaufszentren und Läden haben mittlerweile sogar eigens Stillräume eingerichtet, meist mit Wickelmöglichkeiten kombiniert. Wo es in der Nähe Still- und Wickelräume oder kinderfreundliche Cafés gibt, erfahren Mütter inzwischen auch anhand von Still-Apps. Und sollte es tatsächlich mal keinen geeigneten Rückzugsort geben, ist Frau mit den richtigen Accessoires wie Still-Shirt, Still-BH und einem Tuch oder Schal gut gewappnet – egal wo sie sich gerade befindet.

Mehr Selbstbewusstsein für das Stillen an einem öffentlichen Ort

„Das Wichtigste ist, dass sich Mütter bewusst machen, dass sie das einzig Richtige tun, wenn sie ihr Baby sofort stillen, wenn es Hunger hat“, ermutigt Aleyd von Gartzen, „dann entwickeln sie die richtige Portion Selbstbewusstsein für das Stillen an einem öffentlichen Ort.“ Für Sabrina, Mutter eines sechs Monate alten Sohnes, ist das selbstverständlich. „Klar versuche ich mich beim Stillen etwas zurückzuziehen und abzudecken, falls die Möglichkeit besteht. Aber an erster Stelle steht das Bedürfnis meines Sohnes. Wer damit ein Problem hat, soll einfach wegschauen.“ Beim Stillen auf einer Parkbank hatte sie einmal sogar einen Begleit- und Sichtschutz: Mit der Absicht sie vor neugierigen Blicken zu schützen, setzte sich extra eine älteren Dame zu ihr. Dass das Stillen in der Öffentlichkeit von allen als so normal angesehen wird, das würde sich Sabrina wünschen.

Ein Wunsch, mit dem sie sicherlich vielen aus der Seele spricht und der sich hoffentlich in naher Zukunft erfüllen wird.