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Frühe Hilfen - Ein Fremder zu Besuch?

Ein Brief flattert ins Haus der jungen Eltern: Jemand kündigt im Namen der Stadt sein Kommen an, um das Baby zu begrüßen. Doch wer klingelt da an der Tür und wie läuft solch ein Besuch ab? Antwort darauf geben zwei Fachfrauen aus dem Netzwerk „Frühe Hilfen”.

In diesem Artikel:

Frühe Hilfen: Unterstützung, um die neue Lebenssituation zu meistern

H. Pfirrmann: Frau Wasser, was ist mit „Frühen Hilfen“ eigentlich gemeint?
K. Wasser: Die Frühen Hilfen haben zwei Ebenen: Einmal ist es das System selbst, also die Kooperation aus Sozialwesen, Gesundheitshilfe und Jugendamt, um Familien besser mit ihren unterstützenden Angeboten erreichen zu können. Das andere sind die Angebote selbst wie Babyschwimmen, Familienberatung, Familienbildungskurse jeglicher Art oder sonstige Kurse. Kurz gesagt: Alles, was Familien hilft, die neue Lebenssituation mit Baby zu meistern. In der ersten Zeit kommen ja viele Fragen und neue Themen auf.

Willkommensbesuche nach der Geburt

H. Pfirrmann: Zu den Frühen Hilfen gehören auch die Willkommensbesuche nach der Geburt eines „Neubürgers“. In Köln heißen sie KinderWillkommen-Besuche, kurz KiWi, in Göttingen ist das der Babybesuchsdienst. Was passiert bei so einem Besuch?
K. Wasser: Erst einmal schreiben wir die Eltern an und teilen im Namen der Oberbürgermeisterin mit, dass wir sie gerne besuchen würden, um sie über Wissenswertes zur neuen Situation und Angebote für sie und ihr Baby in ihrem Kölner Bezirk zu informieren. Wir weisen darauf hin, dass das absolut freiwillig ist. In jedem unserer neun Bezirke haben wir einen eigenen KiWi-Träger mit Ehrenamtlichen, wie beispielsweise den Kinderschutzbund und andere Vereine, aber auch die Evangelische Familien-Bildungsstätte. Und diese Ehrenamtlichen gehen dann in die Familie.

H. Pfirrmann: Und die Besucherinnen bringen dann auch eine Willkommenstasche mit Informationen mit.
K. Wasser: Genau, unsere KiWi-Tasche. Darin ist ein Ordner, der alle Angebote im Stadtteil und wichtige Informationen und Adressen enthält. Denn unser Hauptanliegen ist, die Eltern darüber zu informieren, was es alles gibt. Gemeinsam gehen die Besucherinnen dann Thema für Thema durch. Da geht es zum Beispiel um die Beantragung von Elterngeld oder um die Kitaplatz-Vergabe. Außerdem gibt es Grundinformationen und eine Adressliste für die Angebote in dem Stadtteil, in dem die Mutter wohnt.
E. Drebing: Wie bei Ihnen ist unser Ordner ebenfalls in Rubriken eingeteilt, in Finanzen, Recht, Kinderbetreuung, Freizeitgutscheine, Gesundheit und ein Bereich, wo man eigene Sachen dazu heften kann. Die Basis an Informationen ist im Ordner enthalten. Vorne sind wichtige Telefonnummern. Je nach Themenschwerpunkt holen die Besucherinnen den entsprechenden Flyer raus. Alles Weitere läuft dann über die Fachberatungsstellen, da können die Eltern anrufen, sich Informationen kommen oder sich weitervermitteln lassen. Bei Bedarf kommen wir auch ein zweites Mal.

H. Pfirrmann: Und wenn man einen Blick in die beiden Willkommenstaschen wirft, sieht man, dass Sie noch mehr mitbringen.
K. Wasser: Wir haben einige Geschenke von Partnern, die uns unterstützen. So ist bei uns die Finanzierung der Besuche gesichert.

B. Hirt: Und seit Juli ist auch unser kidsgo-Magazin mit drin. Ich freue mich sehr, dass wir mit den Frühen Hilfen in Köln kooperieren. Gerade mit unserem Terminkalender vervollständigen wir ja Ihre Angebotspalette. Wenn Eltern nach dem Willkommensbesuch wissen, wo sie sich weitere Informationen holen können, dann ist ein großer Schritt gemacht. Wenn zum Beispiel eine Frau beim Besuch sagt, sie habe noch keinen Rückbildungskurs gemacht, dann können Sie gemeinsam im Magazin nachschauen, wann der nächste im Bezirk startet. Jeden Termin geben wir an mit Ort, Tag und Uhrzeit, und alles ist immer auf dem neuesten Stand.
H. Pfirrmann: Ein großer Vorteil ist ja auch, dass man die Kursangebote auf einen Blick hat und so besser miteinander vergleichen kann.
E. Drebing: Also, das ist wirklich super. Auch bei uns in der Evangelischen Familien-Bildungsstätte wird kidsgo sehr gut genutzt, wir sind ja auch Familienmitglied. Auch die Website ist aktueller als etliche kommunale Seiten und attraktiver gestaltet.

H. Pfirrmann: Die Evangelische Familien-Bildungsstätte hier in Göttingen koordiniert ja die Babybesuchsdienste. Bislang gibt es den Babybesuchsdienst in zwei Stadtteilen.
E. Drebing: Gestartet haben wir im Ortsteil Grone vor vier Jahren. Seit Herbst letzten Jahres ist die Weststadt dazu gekommen. Das sind die beiden Stadtteile, die eine hohe Geburtenzahl haben, das sind so um die 220 bis 240 Geburten im Jahr. Wir wollen in Zukunft gerne weitere Stadteile mit hinzunehmen.

"Informationsweitergabe auf Augenhöhe"

B. Hirt: In Göttingen haben wir insgesamt 1100 Geburten, damit ist also knapp ein Viertel abgedeckt. Frau Drebing, wer geht in Göttingen in die Familie?
E. Drebing: Bei uns sind das Honorarkräfte. Im Team sind nur Mitarbeiterinnen, die schon in der Familienbildung arbeiten, also zum Beispiel eine Eltern-Kind-Gruppe leiten. Wir achten auch darauf, dass mindestens eine Mitarbeiterin in dem jeweiligen Stadtteil verankert ist, beispielweise im Eltern-Kind-Zentrum des Stadtteils arbeitet. Damit ist die Hürde, später noch mal Kontakt aufzunehmen, niedriger.
K. Wasser: Für uns war klar, wir fangen nicht in einzelnen Stadtteilen an oder mit einzelnen Familien. Auch dass wir mit Ehrenamtlichen arbeiten, unterscheidet uns von anderen Städten. Dadurch erreichen wir eine besonders gute Akzeptanz bei den Eltern. Weil es sich wirklich um eine Informationsweitergabe auf Augenhöhe handelt. Mich würde interessieren, wie gut die Frühen Hilfen hier in Göttingen angenommen werden.
E. Drebing: Wir haben super Rückmelde-Quoten: 75 Prozent der angeschriebenen Eltern erreichen wir im persönlichen Gespräch, und bei Familien mit Migrationshintergrund sind es sogar ein bisschen mehr. Ich glaube, gut ist, dass es ein formelles Anschreiben gibt, viele denken dann „Oh, das ist wichtig.“ Und das ist es ja auch. Klar gibt es Mütter, die sagen: „Ich hab jetzt mein drittes Kind, kenne mich super aus in dem Stadtteil, ich brauch das nicht“. Manche Eltern fragen aber auch, was neu ist und lassen sich darauf ein. Was man gar nicht hoch genug schätzen kann, sind die positiven Rückmeldungen. Wir haben Mütter, die sagen „Es ist jetzt das dritte Kind, aber das mich jetzt mal jemand besucht, nur um sich mit uns zu freuen, das ist toll.“

B. Hirt: Und wie hoch ist bei Ihnen in Köln die Besuchsquote?
K. Wasser: Dadurch, dass wir schon seit fast zehn Jahren unterwegs sind, sind die KiWi-Besuche recht populär. Mittlerweile haben wir eine Besuchsquote von 95 Prozent bei 11.764 Geburten in 2017.
E. Drebing: Das ist ja eine gute Zahl.
K. Wasser: Ich denke, das liegt auch mit daran, dass es eben keine ausgewählten Stadtbezirke gibt – alle Familien erhalten das Besuchsangebot. Anfangs war aber schon Misstrauen, da viele dachten, man wolle kontrollieren. Mit der Zeit hat es sich rumgesprochen, dass es eben nicht um einen Kontrollbesuch des Jugendamtes geht.

H. Pfirrmann: Und wie läuft die Kommunikation, wenn ́s sprachliche Barrieren gibt? Es sind ja auch sehr spezielle Themen wie Schwangerschaft, Geburt ... Da gibt ́s ja auch kulturelle und ethische Unterschiede und so weiter.
E. Drebing: Wenn es Familien sind, die gar kein Deutsch können, dann wird es etwas komplizierter. Dem Ganzen liegt aber ja ein offizielles Anschreiben bei, und das gibt es in sieben Sprachen.

"Im Mittelpunkt steht immer das Gespräch"

H. Pfirrmann: Gibt es denn Themen, die die jungen Eltern besonders bewegen?
E. Drebing: Wir fragen schon „Gibt es etwas, was Ihnen unter den Nägeln brennt?“ Wenn es im ersten Moment nichts Spezielles gibt, dann blättern wir den Ordner durch, und oft kommt dann doch was. Ich finde auch egal, was in dem Beutel steckt – wir haben auch Präsente drin –, im Mittelpunkt steht immer das Gespräch. Entwickelt sich eine offene Gesprächsatmosphäre, dann bekommt man den Zugang zu den Menschen. Und dann kommen oft überraschende Themen zutage. Was übrigens immer Thema ist, ist Kinderbetreuung.
K. Wasser: Das ist wie bei uns ... und Elterngeld, oder?
E. Drebing: Ja, genau. Im Gespräch erfahren wir, welche drängenden Fragen die Eltern haben, wie die Lebensverhältnisse sind und was wir an den Ortsrat rückmelden. Beengte Wohnverhältnisse sind beispielsweise ein Thema. Wir erleben Familien, die in einer 3-Zimmer-Wohnung mit zehn Leuten wohnen. Für Familien, die keine klassische Ein-Kind- oder Zwei-Kinder-Familie sind und Wohnraum suchen, der bezahlbar ist, ist die Situation sehr schwierig.

H. Pfirrmann: Die Menschen, die in die Familien gehen, brauchen viel Feinfühligkeit und Gespür. Nach welchen Kriterien suchen Sie, Frau Wasser, die Ehrenamtlichen aus?
K. Wasser: Im Prinzip soll es jeder machen können, weil es vor allem um Menschlichkeit geht. Sie sollen aber weder Hilfe aufdrängen noch in eine Art Mutterrolle schlüpfen und womöglich der Mutter erzählen, was sie wie besser macht. Deshalb haben wir drei Schulungstage. Da klären wir mit unseren Ehrenamtlichen Grundsätzliches, weil wir ja in den Privatsphärenbereich der Familie eintreten. Wir vermitteln, wie man Gespräche führt und bereiten auf das Inhaltliche vor. Sie sollen sich auch vor Augen führen: Jeder lebt anders. Deshalb klären wir auch über kulturelle Unterschiede auf und betonen, dass es sich nicht um einen Kontrollbesuch handelt. Vielmehr geht es um das Willkommen-heißen des Babys, ums Betüddeln und Sich-Kümmern. Wir erleben immer wieder Familien, die wirklich erstaunlich offen sind. Das liegt auch mit daran, dass es eben ehrenamtliche Besucherinnen und Besucher sind. Für mich sind unsere Ehrenamtlichen ganz wichtige Multiplikatoren, die vermitteln: Jugendamt ist nichts Böses, sondern will die Familien unterstützen. Leider hat Hilfe-annehmen aber immer noch einen negativen Touch, nach dem Motto „Ich bin eine gute Mutter, ich schaffe das allein. Wenn ich Hilfe brauche, dann bin ich nicht gut.“

"Hilfe annehmen ist etwas Normales"

E. Drebing: Mit den Frühen Hilfen hat sich die Familienarbeit positiv entwickelt. Sie hatten ja anfangs die Frage, was sind Frühe Hilfen? Seit dem neuen Bundeskinderschutzgesetz. Hat dieser Begriff wirklich eine Fülle bekommen. Die Netzwerke, die in den Kommunen entstanden sind, empfinde ich als sehr fruchtbar. Hier wird wirklich an Themen gearbeitet oder an Zielen, die man sich für seine Stadt wünscht. Das gab´s vorher in dieser Qualität nicht.
Ich denke, diese Art der Prävention lohnt sich auf jeden Fall. Denn je früher man in Familien kommt, desto größer sind die Entwicklungs- und Bildungschancen der Kinder, und das Armutsrisiko sinkt. Das ist ein Zeitraum, eine Lebensphase, die mittlerweile anders betrachtet wird. Es lohnt sich sogar doppelt, denn für Kinder aus stark belasteten Familien ist dieser Effekt wesentlich größer als für alle anderen.
Und es ist ja nicht nur der Babybesuchsdienst, sondern es gibt ja ganz viele Ansätze der Frühen Hilfen. Mittlerweile existieren viele Angebote, die teilweise direkt aus der Zielgruppe Familie an uns herangetragen wurden. Da hinzuleiten, das ist ein ganz toller Kinderschutz.

K. Wasser: Auch wenn es erstmal mehr Geld kostet, ist es langfristig gedacht richtig, wenn die Familien viel früher Unterstützung kriegen. Das ist ja ganz klar begründet: Die Hirnforschung sagt, dass 80 Prozent des Gehirns bei der Geburt schon vorhanden sind. Dann bilden sich die Nervenbahnen immer weiter aus. Und um diese Entwicklung zu fördern, brauchen wir die Angebote. Eben so früh wie möglich.
Wir setzen heute auf Information und Prävention. Dass und wie sehr sich Prävention auszahlt, ergaben damals die Studien samt Kosten- und Nutzen-Rechnung des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen.
Und gerade am Anfang der Familiengründung sind Eltern noch offen und bereit etwas anzunehmen.

B. Hirt: Ein afrikanisches Sprichwort sagt „Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Das haben wir aus den Augen verloren. Jeder denkt: Ich muss das allein schaffen. Dabei war das auch früher nicht so, es gab immer die Großfamilie, die mitgetragen und vieles aufgefangen hat. Das Netz der Großfamilie existiert nicht mehr, man muss sich dieses soziale Netz neu knüpfen, und zwar nicht erst wenn man aus dem letzten Loch pfeift. Das muss wieder mehr ins Bewusstsein.
E. Drebing: Die Hürde sich Hilfe zu holen ist höher, als man denkt.
K. Wasser: Das ist mein Wunsch bei den Frühen Hilfen: Dass sich irgendwann dieses Denken ändert, dass Hilfe annehmen etwas Normales ist, dass es um Unterstützung geht.