Zu viel fürs Baby gekauft? Warum viele Eltern schon vor der Geburt überversorgt sind
Bei vielen werdenden Eltern ist der Kleiderschrank im Kinderzimmer bereits Monate vor dem eigentlichen Entbindungstermin voll mit Stramplern von Größe 50 bis 74. In der Ecke stehen zwei elektrische Wippen mit recht ähnlichen Funktionen, und im Regal reihen sich mindestens vier verschiedene Wundschutzcremes aneinander. Und das ist bei Weitem kein Einzelfall. Viele zukünftige Eltern stellen fest: Obwohl das Baby noch gar nicht geboren wurde, ist die Wohnung schon jetzt mit Babyartikeln überfüllt. Hinter dieser Überversorgung steckt häufig jedoch weniger ein tatsächlicher Bedarf als vielmehr ein Zusammenspiel aus Unsicherheit, gut gemeinten Gesten und algorithmusgesteuerter Werbung.
Warum die Baby-Erstausstattung schnell aus dem Ruder läuft
Eine Schwangerschaft ist bekanntlich von Natur aus eine Zeit voller Ungewissheit. Wie wird das Baby sein? Klappt das Stillen auf Anhieb? Und wird das Kleine wohl länger als zwei Stunden pro Nacht schlafen? Ohne eigene Erfahrung befinden sich werdende Eltern in einem Informationsvakuum – und diese Unsicherheit erzeugt verständlicherweise recht schnell einen starken Kompensationsdrang: Wenn schon nicht klar ist, was alles gebraucht wird, dann soll am besten auch alles Mögliche abgedeckt sein.
Gleichzeitig sind in den sogenannten „Neugeborenen-Checklisten“ der verschiedenen Online-Shops oft zahlreiche Positionen zu finden, von denen viele als „absolute Empfehlung“ oder „Must-have“ gekennzeichnet sind. Das Problem: Derartige Listen werden von Verkäufern erstellt und neigen dementsprechend dazu, die Grenze des „Notwendigen“ auszudehnen. Wirklich Unverzichtbares (wie beispielsweise ausreichend Kleidung zum Warmhalten, ein sicherer Schlafplatz für das Baby sowie grundlegende Pflegeutensilien) macht jedoch nur einen geringen Teil davon aus.
Diese Überversorgung entsteht zudem häufig schon vor der Geburt. Der reale Bedarf zeigt sich nämlich erst im täglichen Wickeln, Beruhigen und Füttern – doch sind die Kaufentscheidungen dann schon längst gefallen. Daher gilt: Die Erstausstattung für das Baby möglichst klein und alltagstauglich halten. Alles Weitere möglichst erst nach Bedarf ergänzen.
Typische Fehlkäufe vor der Geburt
Die häufigsten Fehlkäufe sind in der Regel bei der Kleidung zu finden. Viele kaufen vorab große Mengen in Größe 50/56 und stellen dann überrascht fest, dass das Baby doch deutlich schneller wächst als gedacht und die kleinste Größe direkt überspringt. Daher ist es deutlich sinnvoller, pro Größe nur wenige Stücke bereitzuhalten und erst zu schauen, welcher Schnitt tatsächlich funktioniert: Für manche Babys bzw. Familien sind Strampler im Alltag praktischer, während andere mit getrennten Teilen besser zurechtkommen.
Ein weiteres typisches Fehlkauffeld sind „Spezialprodukte“ wie zum Beispiel elektrische Wippen, smarte Überwachungsmonitore und spezielle Flaschenwärmer. Diese Dinge funktionieren allerdings oft nur in sehr bestimmten Situationen, werden extrem kurz genutzt oder passen schlicht nicht zum Temperament des eigenen Babys. Als dritte Kategorie sind unnötige Mehrfachkäufe zu nennen: Drei verschiedene Pucktücher, zwei ähnlich funktionierende Schnuffeltücher, vier unterschiedliche Brustwarzensalben. Die Wurzel dieses Verhaltens ist die Angst: „Was, wenn genau dieses eine Produkt nicht funktioniert?“ Doch solange nichts tatsächlich ausprobiert wurde, bringt ein Mehrfachkauf keine Sicherheit, sondern nur mehr Stauraumprobleme und Entscheidungsstress.
Gut gemeinte Geschenke und Dopplungen vermeiden
Familie, Verwandte und Freunde möchten früh ihre Freude zeigen, was in der Regel einfach nur nett und warmherzig gemeint ist. Das Ergebnis ist jedoch oft, dass schon vor der Geburt fünf sehr ähnliche Kuscheltiere, acht Strampler in gleicher Größe und drei identische Pflege-Reisesets zusammenkommen. Eine wirksame Lösung ist eine Wunschliste zur Geburt, die man vorab mit allen Beteiligten teilen kann. Sie ist kein „Fordern von Geschenken“, sondern vielmehr ein praktisches Kommunikationsmittel: Wer etwas schenken möchte, sieht so direkt, was wirklich gebraucht wird. Außerdem können doppelte Geschenke auf diese Weise viel einfacher vermieden werden. Eine klar strukturierte Liste macht das Schenken also deutlich leichter.
Bei größeren Anschaffungen (Kinderwagen, Babybett, Autositz und Co.) ist die Absprache untereinander besonders wichtig. Und auch hier kann eine solche Liste wahre Wunder wirken, da sich die verschiedenen Parteien viel einfacher absprechen und organisieren können. Übrigens: Wenn auf einer Babyparty bereits erste Schenkungsabsichten geäußert werden, ist das Teilen der Liste in der Einladung oder im Gruppenchat meist der unkomplizierteste Weg.
Ein kleiner Geheimtipp: Wer nicht direkt eine Wunschliste erstellen möchte, kann sich stattdessen Dinge wünschen, die ohnehin regelmäßig gebraucht werden. Dazu gehören beispielsweise Windeln, Feuchttücher oder andere Pflege- und Verbrauchsartikel. Ebenfalls praktisch sind Gutscheine für Drogeriemärkte oder Babyfachgeschäfte.
Wie Social Media und Werbung den Kaufdruck noch weiter verstärken können
Öffnet man eine beliebige Social-Media-Plattform und gibt dort Suchbegriffe wie „Babyzimmer“ oder „Neugeborenen-Vorbereitung“ ein, wird man von einer Flut perfekt inszenierter Räume, farblich abgestimmter Ausstattung und absolut gelassener Eltern empfangen. Die Botschaft zwischen den Zeilen lautet: Je besser vorbereitet, desto besser sind auch die werdenden Eltern.
Eine aktuelle Studie zeigt beispielsweise, dass ein großer Teil der befragten Mütter mit Produkten, die aufgrund von Influencer-Empfehlungen gekauft wurden, im Nachhinein unzufrieden war. Das Problem ist, dass diese „Influencer-Empfehlungen“ den Produkten oft eine Bedeutung jenseits des reinen Nutzens verleihen. Sie symbolisieren „moderne Elternschaft“ und „guten Geschmack“. Der Kauf wird so zum Ausdruck der eigenen Identität statt zur Bedarfsdeckung.
Die sogenannten Algorithmen verstärken diesen Effekt leider noch. Wer einmal nach einer Babytrage gesucht hat, wird tagelang mit Trageberatungen und Produktvergleichen befeuert. Diese ständige Wiederholung erzeugt einen scheinbaren Konsens: Alle nutzen das, also brauchst du es auch. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Inspiration und echtem Bedarf. Etwas Schönes zu sehen und gut zu finden, ist völlig in Ordnung. Das Problem beginnt erst, wenn „schön“ automatisch zu „muss ich haben“ wird. Der echte Bedarf sollte sich am eigenen Alltag, dem vorhandenen Platz und den tatsächlichen Reaktionen des Babys orientieren – und keinesfalls an dem, was im „Feed“ gerade angesagt ist.
Bewusster planen statt alles direkt vorab kaufen
Konkret heißt das: Bei Kleidung pro Größe nur wenige Stücke bereithalten und erst nach der Geburt aufstocken, wenn Kleidergröße und Waschfrequenz bekannt sind. Für den Schlaf reichen eine feste, ebene Matratze und passende Schlafsäcke. Zusätzliche „Schlafsysteme“ sind häufig nicht nur unnötig, sondern können je nach Produkt sogar Sicherheitsrisiken mit sich bringen. Bei der Fütterung zunächst nur das Nötigste anschaffen: eine Handpumpe und ein paar Flaschen. Eine elektrische Pumpe erst dann kaufen, wenn tatsächlich Bedarf besteht.
Sowohl Flohmärkte (wie beispielsweise Kinderflohmärkte und Babybasare) als auch Second-Hand-Plattformen im Internet sind ideale Quellen für Kleidung, Spielzeug und Möbel. Diese Dinge werden meist nur sehr kurz genutzt und sind daher auch gebraucht oft in gutem Zustand. Bei sicherheitsrelevanten Artikeln wie Autositzen oder Matratzen ist beim Gebrauchtkauf dagegen besondere Vorsicht geboten. Vor jeder Kaufentscheidung helfen zudem drei Fragen: Wie lange wird das Baby es tatsächlich nutzen? Wo wird es in der Wohnung stehen? Und was kann im schlimmsten Fall passieren, wenn es fehlt? Die meisten „Must-haves“ landen nach diesem Test dann nämlich meist direkt dort, wo sie hingehören: im Bereich „optional“.
Und noch ein Tipp in Bezug auf die letzten Wochen vor der Geburt: Diese Zeit in Ruhe, Zweisamkeit und in die eigene mentale Vorbereitung zu investieren, bringt deutlich mehr als der Vergleich etlicher Produktanzeigen. Das Wochenbett nach der Geburt braucht nämlich vor allem die eigene Energie und Erholung – und nicht ein Zimmer voller ungenutzter Dinge.